Köln

Erst die Analyse, dann folgt die Transparenz 

Missbrauch sollte aufgeklärt werden. Die vorliegende Studie ist dazu offensichtlich nicht geeignet und wird nicht veröffentlicht. Jetzt geht es um Transparenz.

Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki
Kardinal Rainer Maria Woelki hat versprochen, die Geschehnisse um sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung in seinem Erzbistum umfassend aufzuklären, damit ist er zumindest vorläufig gescheitert. Foto: Federico Gambarini (do)/dpa

In der Auseinandersetzung um die Veröffentlichung des Gutachtens der Münchner Anwaltskanzlei zu den Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln geht es um die Glaubwürdigkeit kirchlicher Amtsträger. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki hat nach der Veröffentlichung der MHG-Studie versprochen, die Geschehnisse in seinem Erzbistum umfassend aufzuklären und die Namen der Verantwortlichen zu benennen. Mit diesem Vorhaben ist er zumindest vorläufig gescheitert.

Um Transparenz bemüht

Man kann dem Kardinal glauben, dass er um Transparenz bemüht war, weil er erkannt hat, dass die Menschen das Recht haben zu erfahren, wie das Erzbistum und vor allem wie seine Verantwortungsträger mit den Missbrauchsfällen umgegangen sind.

Bei der Zusage, deren Namen zu veröffentlichen, hat er allerdings übersehen, dass es neben dem berechtigten Interesse der Opfer und der Öffentlichkeit an einer lückenlosen Aufklärung es auch Rechte der übrigen Betroffenen gibt. Soweit sie sich strafrechtlich zu verantworten hätten, gilt für sie der Grundsatz der Unschuldsvermutung, der bis zu einer etwaigen Verurteilung für sie streitet. 

Gerichtsfest nachweisen

Aber auch in den Fällen, in denen das System oder Menschen in diesem System versagt haben und womöglich moralisch schuldig geworden sind, sollte ihnen ein solches Versagen gerichtsfest nachgewiesen werden, ehe man öffentlich Beschuldigungen gegen sie erhebt. Befasst man sich mit der rechtlichen Würdigung des Münchner Gutachtens durch die anerkannten Rechtsprofessoren, scheinen diese Zweifel an der Objektivität der Gutachter und der Konkretheit der Beweiswürdigungen zu haben. Sie bemängeln unter anderem polemische und emotionale Bewertungen durch die Münchner Kanzlei. 

Nun werden viele Betrachter sagen, dass bei der Nachverfolgung schlimmer Straftaten und dem Umgang damit emotionale Aufgebrachtheit selbstverständlich ist. Das darf aber nicht Eingang in ein juristisches Gutachten finden. Sollten in dem Gutachten tatsächlich Fakten und Bewertungen vermengt worden sein, wie es die Professoren kritisieren, kann dies tatsächlich dazu führen, dass eine Veröffentlichung der geprüften Sachverhalte unterlassen werden sollte. 

Belastbare Analysen

Vor allen Transparenzbemühungen muss zunächst einmal eine objektive und belastbare Analyse stehen. Lebende oder bereits verstorbene Akteure im Erzbistum Köln persönlich zu benennen erfordert eine nachvollziehbare Beweiskette und eine klare Bewertung, was zu welchem Zeitpunkt den kirchenrechtlichen Vorgaben entsprach. Es muss ermittelt sein, wer für welche Tätigkeit die Entscheidungskompetenz hatte, wer Entscheidungen getroffen hat und wie diese gegebenenfalls auch gegenüber den vatikanischen Behörden kommuniziert wurden. Ein solches Gutachten darf keine Anklageschrift sein, sondern muss Verstöße gegen strafrechtliche Vorschriften gegen kirchenrechtliche Verfehlungen und moralische Schuld abgrenzen. 

Belange der Opfer im Blick 

Dann wird ein solches Gutachten sowohl den Belangen der Opfer als auch den Anforderungen an die Wahrung der Persönlichkeitsrechte aller Beteiligter gerecht werden können. Besser als jedes juristische Gutachten wäre es natürlich, wenn Verantwortliche von sich aus einräumen würden, Fehler begangen oder Sachverhalte aus einer damaligen Bewertung der Sach- und innerkirchlichen Rechts- und Verfahrenslage falsch eingeschätzt zu haben. 

Das Eingestehen einer moralischen Schuld oder Mitverantwortung wäre für viele der Opfer ein wichtiges Zeichen. Eine solche Klarheit ohne Verstecken hinter juristischen Wortgebilden hat vielleicht auch Jesus gemeint, als er sagte: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.“ 

 

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