Biella

Enzo Bianchi: Er will nicht gehen

Trotz wiederholter Aufforderung seitens des Vatikans weigert sich der Gründer der Gemeinschaft von Bose, Enzo Bianchi, seine Gemeinschaft zu verlassen. Die Mitglieder der Gemeinschaft bedauern das.

Enzo Bianchi
Enzo Bianchi, Gründer des Bose-Ordens, weigert sich entgegen den Forderungen des Vatikans, sein Kloster zu verlassen. Foto: MARK RENDERS (imago stock&people)

Wie geht man mit einem Katholiken um, der sich Anweisungen Roms widersetzt? Der Kurie dürfte die Frage Kopfzerbrechen bereiten. Denn der widerspenstige Katholik ist niemand Geringeres als Enzo Bianchi, einer der bekanntesten Publizisten des progressiven Katholizismus in Italien. Bianchi, der im März seinen 78. Geburtstag feiert, hat zahlreiche Bücher über das spirituelle Leben verfasst und ist bei italienischen Tageszeitungen ein gefragter Autor zu kirchlichen Themen. Doch seit einem Jahr zieht der Piemontese nicht nur den Ärger konservativer Katholiken auf sich, sondern auch den der Kurie.

Großer innerkirchlicher Einfluss trotz der katholischen Lehrmeinung widersprechender Einstellung

Bianchis eigentliches Lebenswerk ist die 1965 gegründete Gemeinschaft von Bose. Sie erblickte an dem Tag das Licht der Welt, als das Zweite Vatikanische Konzil endete – und galt als Vorzeigeprojekt von Katholiken, die das Konzil möglichst liberal auslegen wollten. Zur Sexualmoral oder der Marienerscheinung von Fatima hat der Nicht-Theologe Bianchi bis heute Vorstellungen, die nicht der kirchlichen Lehrmeinung entsprechen. Das hat Bianchis Einfluss nicht beeinträchtigt. Papst Benedikt XVI. benannte ihn 2008 und 2012 als Experten bei der Vollversammlung der Bischofssynode, sein Nachfolger Franziskus berief ihn 2014 zum Berater des Päpstlichen Rats für die Förderung der Einheit der Christen. Zum 50. Jubiläum der Gemeinschaft von Bose lobte Franziskus die Kommunität als „prophetisches Zeichen für die Kirche“ und ein „leuchtendes Zeugnis der Radikalität des Evangeliums“.

Aber schon damals bröckelte die Fassade des brüderlichen Lebens in Bose. Klagen häuften sich über „Autoritarismus“ – ausgerechnet innerhalb der Mauern, wo der „Geist des Konzils“ besonders frisch wehen sollte. 2014 konnte Bianchi über eine von ihm erbetene Visitation die Probleme in seinem Sinne lösen. Doch die Konflikte hörten nicht auf. 2017 folgte ihm Luciano Manicardi als Leiter von Bose nach. Der Vater des Projektes versprach, sich zurückzuziehen; der Streit dagegen blieb.

Bianchi blieb gegen den Wunsch des Vatikans in seiner Gemeinschaft

Eine zweite, dieses Mal apostolische Visitation in den Jahren 2019/2020 förderte dieselben Missstände zutage. Details über „die täglichen Leiden, die Entmutigung und die Demotivation vieler Brüder und Schwestern“, wie es später hieß, sind bis heute kaum bekannt. Offensichtlich sind jedoch Unstimmigkeiten zwischen Teilen der Kommunität und ihrem Gründer. Nach der Visitation prüfte die Kurie die Relation und verabschiedete ein Dekret am Fatima-Tag 2020, das Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin unterschrieben und Papst Franziskus gebilligt hatte: der Gründer von Bose sollte aus seiner eigenen Gemeinschaft entfernt werden.

Doch damit nahm der „Skandal“, wie ihn die Kommunität auf ihrer eigenen Webseite selbst bedauerte, seinen eigentlichen Lauf. Denn Bianchi wehrte sich zuerst gegen das Dekret. Das sorgte in Bose nach Aussage von Manicardi „zu noch größerer Verwirrung und größerem Unbehagen“. Erst nach einem Monat wollte Bianchi dem Dekret Folge leisten. Der Vatikan machte großzügige Konzessionen: Bianchi durfte sich in eine Filiale der Gemeinschaft ins toskanische Cellole zurückziehen, zu der eine romanische Kirche aus dem 13. Jahrhundert gehört. Vorher sollten die dortigen Mitglieder nach Bose umziehen. Während aber Letztere der Aufforderung nachkamen, blieb Bianchi in Bose – bis zum Februar.

Gemeinschaft bedauert, dass Bianchi nicht gehen will

Die Szenen des Vorjahres wiederholten sich. Der päpstliche Delegat Amadeo Cencini forderte Bianchi auf, Bose bis zum Beginn der Fastenzeit zu verlassen. Am Aschermittwoch verharrte der Ex-Vorsteher immer noch in der von ihm gegründeten Kommunität. Die Gemeinschaft bedauerte auf ihrer Internetpräsenz „mit tiefer Bitterkeit“, dass ihr einstiger Vorsteher immer noch nicht umgezogen sei. Der Wechsel nach Cellole hätte Spannungen und Leiden aller Beteiligen gelindert und den Weg zur Versöhnung bereitet, aber die „offene Hand“ sei „nicht angenommen“ worden.

Bianchis medialer Einfluss bleibt indes ungebrochen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen verfasste er in der „Repubblica“ – Italiens größter Zeitung – seine Gedanken zum „Sinn der Fastenzeit“. Dem „Corriere della Sera“ gegenüber sprachen Mitglieder der Kommunität von einem „Exil“. Der Gründer von Bose heizte dieses Narrativ an: Er werde schweigen, aber nicht zu den Lügen, die (über ihn) verbreitet würden. Die Tageszeitung „La Stampa“ berichtet von einem Brief, den Bianchi an Manicardi und Cencini gerichtet habe.

Bianchi sieht sich als Mönch, ohne Ordengelübde abgelegt zu haben

Der Ex-Vorsteher von Bose begründete seine Entscheidung mit Ungewissheiten bezüglich des Leihvertrags der Gebäude von Cellole; außerdem habe man ihm untersagt, ein „Klosterleben“ führen zu dürfen. Bianchi bezeichnet sich selbst als „Mönch“. Theologen wie Antonio Livi hatten dies unter Verweis auf Bianchis Laienstand und eines nicht vorhandenen Ordensgelübdes kritisiert. Bianchis Anhänger verstehen es dagegen als ein Zeichen des „Aufbruchs“ im Klosterleben. In der Gemeinschaft von Bose leben 90 Männer und Frauen aus drei verschiedenen Konfessionen zusammen, mehrheitlich Laien mit einem ähnlichen Anspruch.

Für progressive Kreise, innerhalb wie außerhalb der Kirche, geht die Anweisung aus dem Vatikan daher weiter. Sie deutet an, dass ein „Gemeinschaftsleben“ von Laien in monastischer Tradition erlaubt ist; die Gleichstellung mit Ordens- und Klosterleben bleibt ihnen jedoch verwehrt. Anders als Bose soll Cellole keine „klösterlichen Konnotationen“ haben – heißt es. Ob es dabei bleibt, steht offen. Schon in Bose hatte sich Bianchi den Titel „Prior“ gegeben, obwohl das selbsternannte „Kloster“ kirchenrechtlich nie als solches behandelt wurde. Wer Briefe aus dem Vatikan für Empfehlungsschreiben hält und päpstliche Fristen überschreitet, hat einen langen Atem.

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