Würzburg

Eine Katholikin und ein Atheist diskutieren über "Hoffnung"

Dass sich eine Katholikin und ein Atheist ohne zu streiten über "Was gibt Menschen Hoffnung?" austauschen können, zeigt die erste Folge des neuen Podcasts "Geistreich" der Tagespost.

Podcast "Was gibt Hoffnung?"
Ein Atheist, eine Katholikin, zwei unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Hoffnung. Foto: Prazis via www.imago-images.de (http://www.imago-images.de/)

Kann man sich zugleich einig und doch uneinig sein? Tobias Wolfram und Tini Brüning haben es bewiesen. Beide hoffen auf die Befreiung von Leid, aber auf unterschiedliche Weise: Tobias durch den menschlichen Fortschritt, Tini durch den Erlöser Jesus Christus.
In der ersten Folge des neuen Tagespost-Podcasts „Geistreich“ erklärt Tini, die sich in ihrer Jugend bekehrt hat und inzwischen angewandte Theologie in Paderborn studiert, dass sie die Hoffnung auf ein geheiltes Herz trägt: „Ein Herz, das Leben in Fülle, das Heimat findet. Wir merken in Beziehungen ja oft, dass es Verwundungen gibt, dass es Trigger gibt – alles was Gemeinschaft so mit sich bringt. Und da ganz vollständig wieder zu werden, ganz heil und beziehungsfähig de facto. Das ist für mich die Hoffnung: Ein geheiltes Herz und Heimat bei Gott: Himmel nennen wir das auch.“

Das menschliche Herz sei aber zugleich auch unter anderem der Ursprung von Leid, denn: Das „Herz des Menschen hat diese Willensfreiheit, sich für oder gegen das Gute, die Liebe, das Konstruktive zu entscheiden. Also das Schlechte fängt bei mir selbst an. Und ich glaube, dass ich, wenn ich als Mensch auch das Problem bin, mich nicht selber am Schopf packen und aus dem Sumpf herausziehen kann. Und dass ich eben in diese Situation hinein einen Erlöser brauche.“

Liegt die Hoffnung in der menschlichen Fähigkeit, Leid zu verringern?

Tobias Wolfram hingegen, der der atheistisch-humanistischen Giordano-Bruno Stiftung angehört und zusammen mit anderen Autoren die Broschüre „Produktives Streiten“ verfasste, hofft gerade auf die menschliche Fähigkeit, das Leid zu verringern und den Tod hinauszuzögern: „Es ist die Hoffnung, dass die Dinge besser werden können. Das Wissen, dass es in unserer Hand liegt. Und dass wir extrem viel erreicht haben und dass da noch so viel mehr in der Zukunft kommen kann. Es geht darum, uns aus dieser teilweise sehr brutalen und grausamen Natur zu erheben. Und dieses hässliche Spiel, das hier seit Milliarden von Jahren gespielt wird, zu Gunsten von etwas Größerem und Besseren abzuschaffen. Etwas, das langfristig nicht nur das Ende des Todes bedeutet, sondern von Leid generell.“

Hoffnung über das Diesseits hinaus

Für die 25-jährige Theologiestudentin spiegelt sich auch in dem beschriebenen atheistischem Weltbild Hoffnung wider. Zugleich betont sie aber, dass ausschließlich die Perspektive des Diesseits ihr nicht genüge: „Nur das Diesseits und das ständige Intervenieren und sich so bemühen und am Ende nur einen kleinen Fortschritt sehen – natürlich, ich feiere die kleinen Fortschritte und Erfolge – aber eben diese Hoffnung, die ich habe über das Diesseits hinaus ist für mich heilsam und befähigt mich auch im Hier und Jetzt ein Leben in Fülle zu leben.“

Der 27-jährige Autor sieht darin zwar eine für das Individuum erfüllende, aber für die Menschheit als Ganzes wenig produktive Weltanschauung. „Wenn wir tatsächlich einfach in Zufriedenheit verharren würden, die uns zwar befähigt, glücklich im Moment zu sein, wäre das sicher sehr schön, aber hätten wir vor 10 000 Jahren diesen Punkt erreicht, dann würden wir heutzutage immer noch eine Lebenserwartung von 35 Jahren haben und uns mit Mühe und Not durch die Realität plagen.“

Tini betont daraufhin, dass das Christentum keine Vertröstung auf das Jenseits sei und somit Tatenlosigkeit rechtfertige, sondern vielmehr auch ein Streben sei: „Wir streben im Christentum auch nach Heiligkeit – nach gesund sein, nach heil sein. Und dieses Streben drückt sich natürlich auch aus im empirischen Fortschritt, wenn wir unseren Alltag nicht trennen von unserer Frömmigkeit.“ Immerhin lassen sich trotz Uneinigkeiten auch Einigkeiten finden. Und eine angeregte Diskussion schließt friedlichen und respektvollen Umgang nicht aus. Tini stellt zum Schluss überrascht fest: „Ich hab gar nicht erwartet, dass wir doch so gewaltfrei kommunizieren können mit zwei verschiedenen Weltanschauungen.“

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