Berufungen

Eine Brasilianerin im bayerischen Kloster

Wie mich meine benediktinische Berufung von Rio de Janeiro in die Abtei St. Walburg in Eichstätt führte.

Christusstatue in Rio de Janeiro, Brasilien
Christusstatue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro, Brasilien. Foto: Ingo Schulz via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Endlose Strände. Der feinste Sand. Das ruhige blaue Meer und das leise Murmeln der Wellen. Eine Sonne, die den ganzen Tag scheint und die Welt mit ihrem Licht je nach Zeit golden oder rötlich macht. Mächtige Steinberge, über denen die Christusstatue des Corcovado auf uns herabblickt, als wollte der Herr sagen, dass wir uns freuen können, weil er uns beschützt. Eine Natur, die so grün und überschwänglich ist, dass man das Gefühl hat, in einer sich ständig verändernden Schönheit zu leben. Wärme überall und das unglaublich gesunde Gefühl der Sonnenstrahlen auf unserer Haut. Erfrischendes Wasser von den unzähligen Quellen auf den Hügeln oder von den täglichen tropischen Regen. Farbe, Leben, Gelächter, das Singen der Vögel zusammen mit der Stimme der riesigen Stadt. So war meine Kindheit in Rio de Janeiro, Brasilien. Die Eindrücke bleiben in mir und ich brauche nur meine Augen zu schließen, um sie wieder zu spüren.

Familie Anziehungspunkt für junge Menschen

Hinzu kam das Leben zu Hause. Meine Eltern – mein Vater war Ingenieur, meine Mutter Lehrerin – hatten zehn Kinder und später adoptierten sie auch einen Waisenjungen. Ich war das jüngste von elf Geschwistern. Das bedeutete zum Beispiel, dass mein Platz im Auto immer auf den Knien der Anderen war und dass das Miteinander-Teilen für selbstverständlich gehalten wurde.

Meine zutiefst katholischen Eltern sollten unser Zuhause auch zu einem Anziehungs- und Kontrapunkt für junge Menschen machen, als die politische, soziale und sexuelle Revolution der 1970er Jahre für Unruhe sorgte. Konzerte, Theaterstücke, Fußballspiele, Filme und Literatur, Konferenzen zu allen möglichen Themen, neben der normalen Schulzeit und Handarbeiten, gehörten zu unserem Leben.
Zum Mittagessen am Wochenende saßen nie weniger als vierzig Menschen am Tisch. Das Miteinander war so herzlich, dass ich mir als kleines Kind nicht ganz sicher war, ob ich mit einem Bruder, Cousin oder Freund sprach.

Klösterliches Leben hinterlässt tiefe Spuren in der Familie

In all diesem glücklichen Chaos gab es strenge Regeln: Keinen Unterschied zwischen Arm und Reich – die Jungen aus der nahegelegenen Favela saßen mit uns am Tisch, Kranke und Alte hatten immer Vorrang, Schreien oder unfreundliches Wort war verboten und Werte wie persönliche Verantwortung, Unabhängigkeit des Geistes und echte Güte wurden hochgehalten. Es gab auch Probleme, aber meine Kindheit war in der Tat ein freudiges, erfülltes Leben. Und doch steckte etwas dahinter, das wir als noch tiefer und größer empfanden.

Rio hat ein berühmtes, fünfhundert Jahre altes Benediktinerkloster. Das ehrwürdige alte Gebäude auf einem kleinen Hügel im Zentrum der Stadt, dessen Fenster zum Meer der Bucht von Guanabara gehen, ist eine Attraktion. Seine prächtige Kirche ist eine der schönsten auf dem amerikanischen Kontinent. Einige der älteren Mönche kannten meine Eltern sehr gut. Und so kam es, dass das klösterliche Leben und vor allem die Liturgie Spuren in unserem Familienleben hinterließen. Die Erinnerungen erfüllen mein Herz noch heute mit Ehrfurcht: die Osterkerze, die in der warmen Nacht auf der Terrasse unter den Sternen angezündet wurde, die Prozession, die in der Dunkelheit die riesige Kirche betrat, der Moment, wenn die riesigen Glocken und die Orgel das Gloria der Auferstehung ankündigten und das goldene Innere des Kirchenschiffs plötzlich im Licht schwelgte...

 

Gott zeigt seinen Willen zur rechten Zeit

Das Leben ging weiter. Ich wurde Lehrerin, promovierte in Spanien, unterrichtete viele Jahre Kirchengeschichte in Theologiekursen in Brasilien, bereiste die Welt und führte ein voll aktives Leben. Ich hatte das Privileg, mich um meine alten Eltern zu kümmern und dabei zu helfen, mehr als vierzig Neffen und Nichten großzuziehen! Mein Leben war von den besten Freunden und der Sonne umgeben. Aber etwas fehlte... Wenn ich dem Durst meines Herzens auf den Grund ging, dachte ich an die Worte meiner Mutter: „Mach dir keine Sorgen, Gott zeigt seinen Willen zur rechten Zeit.“ Und sehr langsam, aber immer größer, erfüllte das Bild der friedlichen Mönche, die gregorianischen Choral sangen, meine Seele.

Ich war bereits vierzig Jahre alt, als ich endlich darum bat, in die Benediktinerabtei St. Walburg in Eichstätt einzutreten, die ich vor Jahren kennengelernt hatte. Der Wechsel war nicht einfach. Natürlich vermisse ich mein Land immer noch. Die Leute fragen mich: „Wie schaffst du es, in einem deutschen Kloster zu leben?“ Und jedes Mal, wenn ich ihnen antworte, spüre ich die einfache Wahrheit in meinem Herzen: „Gott weiß was er tut…“ Jetzt bin ich seit sieben Jahren hier und habe meine ewige Profess mit dem Namen Martin de Porres abgelegt, dem großen peruanischen Heiligen, der auch das glückliche Chaos in seinem Leben kannte! Meine Mutter hatte recht. Gottes Pläne bringen uns Freiheit und Freude, ja, sogar für eine Brasilianerin in einem bayerischen Kloster.

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