Damaskus

Ein vergessenes Pogrom

Vor 160 Jahren kam es im Osmanischen Reich zu einem gewaltigen Christenmassaker. Es wurde zum Auslöser einer Entwicklung, durch die der heutige Libanon entstanden ist.

Massaker an maronitischen Christen
Eine historische Darstellung zeigt das Massaker in Damaskus. Foto: akg-images / UIG / Universal His

In den letzten Maitagen 1860 bahnte sich im syrisch-libanesischen Raum eines der größten Christenmassaker an, die es in der Moderne in der islamischen Welt gegeben hat. Aus dem christlich-maronitischen Norden des Libanongebirges drangen Bauern in den Süden des libanesischen Berglandes vor, in welchem christliche Maroniten mit Drusen, Angehörigen einer esoterischen, aus dem Schiitentum hervorgegangenen Glaubensgemeinschaft, zusammenlebten. Während im Norden maronitische Bauern unter maronitischen Feudalherren lebten, bestand im Süden die Schicht der Feudalherren aus Drusen, die ihnen untergebenen Bauern waren sowohl Drusen als auch Maroniten.

Seit 1858 bereits hatten sich die maronitischen Bauern des Nordens in einer sozialen Revolte gegen ihre Feudalaristokratie – die, wie sie selbst, christlich war – erhoben. Eine Art „Bauernrepublik“ war dort entstanden. Dieser sozial motivierte Aufstand gegen drückende Abgabenlast und archaische Herrschaftsformen griff jetzt auf das südliche Bergland über, das jedoch eine ganz andere Bevölkerungsstruktur hatte. Für einen „Volksaufstand“ gegen eine Elite aufgrund eines beginnenden „Klassenbewusstseins“ war hier die Zeit noch nicht reif, unter den Drusen war eine Solidarität mit christlichen Bauern über Religionsgrenzen hinweg gegen eine drusische Feudalaristokratie damals undenkbar. Waren einerseits die Maroniten bereits von europäischen Einflüssen berührt und nicht mehr völlig in ihren traditionellen Vorstellungen und Hierarchien befangen, waren andererseits die Drusen noch völlig ihrer geheimbundartigen Religion verhaftet, innerhalb ihrer Gesellschaft eng verbunden und streng solidarisch.

Bürgerkrieg entwickelt sich zu regelrechtem Christenmassaker

So entwickelte sich eine antifeudale soziale Erhebung im rein christlichen Norden zu einem maronitisch-drusischen Bürgerkrieg im gemischt besiedelten Süden und eskalierte dort in der Folge zu einem regelrechten Christenmassaker. Dass ein derartiger Ausbruch in der Luft lag, im gesamten Nahen Osten eine gespannte Stimmung herrschte und die antichristliche Emotionalisierung überall spürbar war, zeigte sich, als der Funke auf Damaskus übersprang, wo im Juli 1860 ein Christenpogrom ausbrach.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte im Osmanischen Reich Veränderungen gebracht: Durch die Reformen von 1839 waren Nichtmuslime den Muslimen erstmals gleichgestellt worden. Zahlreiche Industrieprodukte aus Europa flossen ins Land und beeinträchtigten das lokale Handwerk. Andererseits flossen viele Rohstoffe aus dem Orient in die Länder Europas, etwa libanesische Seide. Dieser Anschluss an den Weltmarkt benachteiligte vielfach Muslime und bevorzugte Christen, die gerne als Handelspartner und lokale Agenten westlicher Firmen und zunehmend selbstbewusst auftraten, Klosterschulen besuchten, europäische Sprachen lernten und von den Botschaften und Konsulaten protegiert wurden. Bereits 1858 hatte es in Dschidda, dem Hafen Mekkas, antichristliche Ausschreitungen gegeben, waren über 20 Christen, darunter europäische Konsuln, getötet worden. Im gesamten Osmanischen Reich hatten sich Aggressionen gegen die europäischen Mächte und einheimische Christen aufgestaut und machten sich beim kleinsten Anlass Luft. In Damaskus trat ein Muslim dem mordenden Mob entgegen. Abd el-Kader (1808–1883), Führer des algerischen Widerstands gegen Frankreich und jetzt im syrischen Exil lebend, konnte an der Spitze seiner algerischen Miliz zahlreiche christliche Leben retten.

Forderung nach einer schnellen und energischen Reaktion

In Frankreich wurde er dafür als Held und möglicher Herrscher über ein mit Frankreich verbundenes „arabisches Reich“ gefeiert. Insgesamt dürften mindestens 5.000 Christen in Damaskus ihr Leben verloren haben, im Libanon mögen es 10.000 gewesen sein. Sowohl im Libanongebirge als auch in Damaskus verhielten sich die osmanischen Truppen bestenfalls neutral, ermutigten oder unterstützten wohl in einigen Fällen den Mob. Einige Muslime aber halfen ihren christlichen Landsleuten.

In Europa schlug die Nachricht von Massakern eines solchen Ausmaßes wie ein Blitz ein. Die Erregung der öffentlichen Meinung schlug hohe Wellen. Vor allem in den katholischen Ländern wurde bald die Forderung nach einer schnellen und energischen Reaktion erhoben, denn die meisten Opfer waren mit Rom unierte Maroniten. Ganz besonders in Frankreich gingen die Emotionen hoch. Mit dem Massaker an Christen im Orient war auch die Ehre Frankreichs beschmutzt, war Frankreich in der Rolle der jahrhundertelangen Beschützerin orientalischer Christen gefordert. Frankreich musste seine politischen Ansprüche und seinen Protektoratsanspruch in deutlicher Form geltend machen. Auch die anderen Staaten, allen voran England, konnten sich angesichts solch schwerwiegender Vorkommnisse einer Intervention nicht  verschließen. Es ging also darum, Frankreich daran zu hindern, die europäische Intervention in seinem eigenen machtpolitischen Sinn zu nutzen. Eine Lösung der „Orientalischen Frage“ durch Konsens musste gefunden werden.

Es kam zu einem internationalen Abkommen zur Entsendung einer europäischen Militärexpedition, die eine begrenzte Zeit im syrisch-libanesischen Raum bleiben sollte. Schließlich waren es 6.000 ausschließlich französische Soldaten, die, mit internationalem Mandat ausgestattet, am 16.8.1860 an der libanesischen Küste landeten – nicht als Gegner der Osmanen, sondern als Verbündete, die dem Sultan halfen, die Ordnung wiederherzustellen. Die Osmanen bemühten sich, das zumindest zweifelhafte Verhalten ihrer Vertreter und Truppen vor Ort durch volle Kooperation auszugleichen. Die Truppen trafen aber erst ein, als die eigentlichen Massaker längst vorüber waren und es militärische Aufgaben im engeren Sinn nicht mehr gab, doch sie linderten Not durch unbürokratische Hilfe.

Neugestaltung der Verhältnisse im Libanon

Die europäische Militärintervention war ein Signal, eine politische Geste, in Frankreich auch ein wichtiges innenpolitisches Symbol – aber auch ein politischer Faktor, eine Warnung, ein Druckmittel zur Neugestaltung der Verhältnisse im Libanon. Nach Damaskus, trotz tausender Toter, sind die französischen Truppen gar nicht erst vorgerückt. Im Sommer 1861 wurde das Expeditionscorps wieder abgezogen. Schon seit Herbst 1860 hatte es internationale Verhandlungen gegeben über die Zukunft des Libanon, die dann 1861 in das sogenannte „Règlement Organique“ mündeten: Das Libanongebirge sollte als einheitliches Verwaltungsgebiet einem christlichen Gouverneur, der einer mit Rom unierten Gemeinschaft entstammte und somit Katholik war, unterstellt werden, den die Hohe Pforte in Abstimmung mit dem „Konzert der Mächte“ – England, Frankreich, Russland, Österreich, Preußen – ernennen würde. Das Feudalsystem sollte abgeschafft und durch eine Verwaltung mit Berufsbeamten ersetzt werden.

Der so geschaffene autonome Libanon wurde zur Keimzelle für den „Grand Liban“, den Frankreich 1920 schuf und aus dem nach dem II. Weltkrieg der unabhängige Staat Libanon entstand. Diese libanesische Republik stellte jahrzehntelang eine Art christliches Reservat dar, einen politischen Rahmen, in dem die Christen, allen voran die katholischen Maroniten, sich entfalten konnten und als dominierende Kraft vor einer Marginalisierung und Diskriminierung durch Muslime geschützt waren. Heute allerdings ist der Libanon zu einem Staat mit schiitischer Mehrheit geworden, in dem die von Iran protegierte Hizbollah tonangebend ist. Der Libanon, als „Schweiz des Orients“, Insel der Prosperität und christliches Paradies idealisiert, ist längst Geschichte.

Der Autor ist Islamwissenschaftler und unter anderem Verfasser von „Die Araber und Europa“, Stuttgart 2008 sowie „Frankreich und die syrischen Christen, 1799–1861“, Berlin 1981

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