Dresden

Ein Quartett für den Herrn

Der Blick in das sächsische Diaspora-Bistum Dresden-Meißen zeigt ein Beispiel für zeitgemäße Berufungspastoral.

Seminaristen im Bistum Dresden-Meißen
Von links: Kaplan Florian Mroß, Bistumsjugendpfarrer Martin Kochalski, Simone Gehrmann, und Pfarrer Andreas Martin begleiten die Treffen. Foto: Sarah Kunze

Während in vielen Bistümern die Zahl der Priesteramtskandidaten der Null-Linie nahekommt, überrascht der Blick in die drittkleinste Diözese Deutschlands: Im Bistum Dresden-Meißen ist die Seminaristenzahl stabil – im aktuellen Jahrgang traten vier junge Männer die Ausbildung zum Priesteramt an. Ein Grund ist die Eigeninitiative dreier Priester.

Martin Kochalski, Andreas Martin und Florian Mroß treffen sich am Wochenende zu gemeinsamem Gebet, Schriftbetrachtung, zum Austausch über Dinge, die ihr Leben bewegen. Seit Jahren fällt ihnen auf, dass sie im Dienst jungen Menschen begegnen, die den Ruf Gottes zur besonderen Nachfolge in sich vernehmen – damit aber häufig allein bleiben. Seit 2016 laden sie zu Wochenenden ein unter dem Motto „Komm und sieh – Priester (er)leben und laden ein“. Aus dem inzwischen zwanzig Personen umfassenden Interessentenkreis treffen sich junge Menschen regelmäßig, um Stundengebet, Anbetung, Schriftbetrachtung, aber auch das einfache Leben mit den Geistlichen zu teilen. Seit einiger Zeit begleitet mit Simone Gehrmann auch eine geweihte Jungfrau die Treffen.

Ganz alltäglich geistliche Gemeinschaft erfahrbar machen

Die Initiatoren wollen ganz alltägliche geistliche Gemeinschaft erfahrbar machen. Auch Probleme werden thematisiert. „Priestersein ist nicht einfach, das wissen alle. Umso wichtiger ist es, mit Schwierigkeiten umzugehen, uns hilft unsere Priestergemeinschaft dabei sehr“, sagt Initiator Martin Kochalski, Jugendpfarrer des Bistums Dresden-Meißen. Gemeinschaft wächst während der Treffen auch unter den interessierten Jugendlichen: Sie lernen nicht nur ein geistliches Leben kennen, sondern auch Gleichgesinnte. Kochalski, Martin und Mroß sprechen regelmäßig mit den Pfarrern ihrer Diözese und suchen nach Interessierten, um ihnen ebenfalls die geistliche Gemeinschaft anzubieten.

Benno Just, 20 Jahre alt, ist einer der vier Neu-Seminaristen, die im Oktober 2019 das Propädeutikum in Bamberg antraten. Kochalski, damals Kaplan in seiner Heimat-Pfarrei in Schirgiswalde, hat den Oberlausitzer angesprochen und zu den Komm-und-sieh-Treffen eingeladen. „Zu Beginn der Treffen haben wir besprochen, wo uns Gott in den letzten Wochen begegnet ist. Am Anfang dachte ich: Was soll ich da nur erzählen? Doch bei genauerem Überlegen fiel mir auf, wie Gott mir im Alltag begegnet.“ Diese Frage stellt sich Benno Just seitdem jeden Tag. „Wichtig ist für mich aber vor allem auch die Gemeinschaft, die dank der Treffen entstanden ist: Man ist nicht allein auf dem Berufungsweg, nicht irgendwie ,komisch‘, weil man sich vorstellen kann, Priester zu werden, sondern kommt mit Gleichgesinnten zusammen, unter denen man ganz normal sein kann, ohne dass etwas Besonderes dabei ist.“ Zu den drei Priestern ist in der Zeit auch eine persönliche Freundschaft gewachsen, manchmal besucht er sie auch privat. „Die drei sind zwar sehr unterschiedlich, aber sie brennen unwahrscheinlich für ihre Berufung.“

Unterstützung durch Bischof Timmerevers

Unterstützung erfahren die Bemühungen auch durch Bischof Heinrich Timmerevers. In seinem Fastenhirtenwort 2018 rief er ein seitdem jährlich stattfindendes Gebetstreffen um geistliche Berufungen ins Leben. Einen geistlichen Beruf zu ergreifen stellt heute eine Herausforderung dar: Häufig hegen Eltern Vorbehalte, sorgen sich um ausbleibende Enkelkinder oder zeigen Unverständnis für die Entscheidung, sich gerade nach den Skandalen der letzten Jahre für die Kirche engagieren zu wollen.

Eine Herausforderung sieht Pfarrer Kochalski in einer innerkirchlichen Frage: „Wir reden in der Kirche nicht mehr über priesterliche Identität, nur noch darüber, dass wir ,priesterfixiert‘ seien, sprechen von ,Macht‘ statt ,Vollmacht‘: Wir müssen das positive Potenzial von Priestern mehr hervorheben. Wer heute Priester wird, ist eine Provokation in einer säkularen Gesellschaft und ja: Er ist anders. Anders, aber doch oft viel besser, als viele denken!“ Aktuelle Diskussionen um das Priesteramt würden da wenig helfen, stattdessen beschäftigt viele die Frage, wie Priester heute sein sollten. „Ich denke, Priester müssen heute viel mehr den Glauben vertiefen und dabei inhaltlich weniger angepasst sein, aber andererseits der Form nach den Menschen zugewandter“, so der gebürtige Leipziger.

Mit Sorge blickt er dabei jedoch auch auf die Priesterausbildung. „Wir haben so viele junge Leute, die wirklich für Christus brennen und ein geistliches Leben mit ihm und anderen finden. Ich persönlich habe aber ein schlechtes Gewissen, sie in die Priesterausbildung zu senden.“ Diese sei den Anforderungen der Gegenwart nach Eindruck des Jugendpfarrers nicht gewachsen, ließe geistliche Tiefe vermissen und reagiere auf den Einbruch der Seminaristenzahlen nicht. „Ich habe Angst, dass wir unsere Leute mit all ihrer Motivation direkt auf den Weg der Enttäuschung schicken.“

Viele junge Seminaristen im Bistum Dresden-Meißen

Benno Just spricht indes positiv von seiner Zeit in Bamberg: „Trotzdem finde ich es sehr hilfreich, dank der Berufungstreffen viele Kontakte in mein Bistum zu haben. Manchmal ist es gut, einfach mit jemandem reden zu können, der auf einem ähnlichen Weg war oder ist.“ Dass sich im letzten Jahr verhältnismäßig viele junge Männer im Bistum Dresden-Meißen entschieden haben, einer priesterlichen Berufung nachzugehen, fällt auch andernorts auf. „Auf einer Tagung Ende letzten Jahres war plötzlich vom ,Dresdner Modell‘ in der Berufungspastoral die Rede“, berichtet Andreas Martin. „Wir wussten gar nicht, dass wir jetzt ein Modell sind. Eigentlich sind wir auch keins, wir laden doch nur ein, unsere normalen Wochenend-Treffen mitzuerleben.“ Die Dresdner Berufungspastoral könnte gerade deshalb erfolgreich sein: Es geht nicht darum, ein theologisches Konzept am Reißbrett zu entwickeln und dem Heiligen Geist einen Dienstplan vorzusetzen: Im Gegenteil fürchten die Priester, dass die Wahrnehmung ihrer Bemühungen als „Modell“ davon ablenken kann, Jesus in den jungen Menschen wirken zu lassen. Dann ginge es bald mehr um ein „Erfolgsrezept“, als darum, eine Beziehung mit Jesus zu ermöglichen, der als Einziger Priester berufen kann. Statt eines besonderen Events wollen die drei Priester ihr einfaches priesterliches Leben teilen – ehrlich und authentisch.

Bis heute ist es so, dass die meisten Teilnehmer des Berufungskreises aus früheren oder aktuellen Pfarreien der Priester stammen. „Dort, wo das Thema Berufung angestoßen wird, wo einer sich auf den Weg macht, da kommen immer zwei, drei nach“, sagt Kochalski. „Wo Offenheit für geistliche Berufungen entsteht und dafür gebetet wird, da kann Christus wirken.“

Inspiriert von US-Berufungspastoral

Im vergangenen 2019 ließ sich der Jugendpfarrer während einer Reise mit Bischof Timmerevers von der Berufungspastoral in den Vereinigten Staaten inspirieren. Rose Sullivan, die Berufungs-Beauftragte der amerikanischen Bischofskonferenz, beeindruckte mit bestechender Klarheit ihrer Vision: „Meine Vision von Berufung: eucharistisch, marianisch, katholisch.“ Sie riet, die Kirche solle sich nicht von Politik und dogmatischen Streitthemen bestimmen lassen. Was es braucht, sei eine wahre geistliche Begleitung: „Wenn ich jemanden zu geistlicher Begleitung schicke und er wird nicht zu Beichte und Anbetung geführt, dann ist es keine geistliche Begleitung. Der Begleiter führt nicht zu Jesus, sondern bleibt bei sich selbst stehen.“

Diese Bestimmtheit motiviert auch Kochalski: „Die Frage ist doch, ob wir Jesus zutrauen, dass er es wirklich ernst meint? Meint er wirklich, dass er der Weinstock und wir die Reben sind?“ Die gemeinsame Zeit mit den jungen Menschen würde ihm selbst mehr geben, als er vermitteln könne. Wer sich darauf einließe, mit jungen Menschen nach deren geistlicher Berufung zu suchen, würde hören, wie Christus in ihnen arbeitet.

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