Bagdad/Vatikanstadt

Ein offener und pluralistischer Naher Osten ist möglich

Der viertägige Besuch des Papstes im Irak hat die Lage der Christen im Nahen Osten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Und abermals bewiesen, wie dramatisch die Situation in vielen Ländern ist.

Papst Franziskus zu Besuch im Irak
Papst Franziskus steigt die Treppe hinauf, um an Bord seines Alitalia Airbus A330 zu gehen: Während seiner wöchentlichen Videoansprache unterstrich Franziskus das Recht der Iraker, in Frieden zu leben. Foto: Ameer Al Mohammedaw (dpa)

Papst Franziskus hat am Mittwoch seine Pastoralreise in den Irak Revue passieren lassen. Während seiner wöchentlichen Videoansprache unterstrich Franziskus das Recht der Iraker, in Frieden zu leben und dankte den Christen und Muslimen in Mossul und Karakosch, die gemeinsam zerstörte Moscheen und Kirchen wiederaufbauen.

Lage der Christen im Libanon verschärft

Der viertägige Besuch des Papstes im Irak hat die Lage der Christen im Nahen Osten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Verschärft hat sich die besonders die Lage der Christen im Libanon seit der Explosion im Hafen von Beirut am 4. August, die in der ganzen Welt für Entsetzen sorgte. Als Folge der Explosion stieg die Auswanderung wieder an. Ende Oktober sagte etwa der Pfarrer der Erlöserkirche von Beirut: „Wer über Geld und einen ausländischen Pass verfügt, geht weg“. Dies betreffe nicht nur die armen Viertel rund um den Hafen, in denen viele Christen lebten, sondern auch das Zentrum Beiruts.

Waren vor hundert Jahren etwa 50 Prozent der libanesischen Bevölkerung Christen, so machen sie Volkszählungen zufolge zwischen 35 Prozent und 30 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In Wirklichkeit dürfte der Anteil der Christen jedoch noch um Einiges kleiner sein, denn die christliche Auswanderung hat in den vergangenen Jahren zugenommen, was sich in den veralteten Statistiken noch nicht niederschlägt. 

In Syrien und im Irak wird schon seit Jahrzehnten das christliche Leben durch fortgesetzte Unterdrückung und Verfolgung, gezielte Entführung und Ermordung von Christen stark bedroht. Vor 2003, als die Vereinigten Staaten in den Irak einmarschierten, lebten in dem Land noch gut 1,5 Millionen Iraker christlichen Glaubens, 2019 waren es weniger als 150.000 Christen. Laut dem syrisch-kurdischen Historiker Kamal Sido, Nahost-Referent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen, zeigt sich eine ähnliche Lage in Syrien: „Mitte des Jahres 2017 gab es dort schätzungsweise um die 500.000 syrische Christen – verglichen mit mehr als 1,5 Millionen vor Beginn des Konflikts im Jahr 2011.“ Deshalb bezeichneten viele Christen die Situation als „neuen Genozid“. 

Schulbildung spielt bedeutende Rolle

Zu den westlichen Hilfswerken, die sich im Nahen Osten für die Christen engagieren gehört neben etwa „Kirche in Not“ auch das französische Orient-Hilfswerk „L’Oeuvre d’Orient“, die seit mehr als 160 Jahren die Arbeit von Bischöfen, Priestern und Ordensgemeinschaften in der Region unterstützt. „L’Oeuvre d’Orient“ führt zurzeit jährlich 1 250 Projekte in 23 Ländern durch, die von etwa 400 Ordensgemeinschaften betreut werden. 

So startete das französische Hilfswerk – gemeinsam mit der „Follereau-Stiftung“ und dem „Institut Européen de Coopération et de Développement“ (IECD) – eine Rettungsaktion für die christlichen Schulen im Libanon. „L’Oeuvre d’Orient“ möchte die Hoffnung nicht aufgeben, „dass ein offener und pluralistischer Nahen Osten möglich ist“. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die schulische Bildung, der libanesische Familien große Bedeutung beimessen. Sie verlangt allerdings von den meisten Familien große Opfer ab, da das libanesische Schulsystem zu 70 Prozent privat ist, und keine Hilfen vom Staat erhält. Ein Herzstück des Bildungssystems, so das Hilfswerk, seien hunderte von christlichen, größtenteils französischsprachigen Schulen, die sowohl Christen als auch Muslimen und Drusen offenstehen. Jetzt aber komme es Tag für Tag zur Schließung solcher Schulen. Mit der Aktion möchte „L’Oeuvre d’Orient“ dieser Entwicklung entgegenwirken. 

Den Christen im Irak kommt die diesjährige Fastenaktion des Hilfswerks zugute: Eine Mahlzeit für die Christen im Irak anbieten, indem eine Schale Reis „virtuell“ geteilt wird. Die Spende in Höhe von 7 Euro pro Schale geht an christliche Gemeinden im Irak, die sie Bedürftigen weiterleiten. 

Im Westen nur begrenzte Aufmerksamkeit

Orientchristen leiden außerdem auch darunter, dass sie im Westen nur begrenzte Aufmerksamkeit erfahren. Zwar hat sich gerade wegen der Christenverfolgungen im Nahen Osten Einiges geändert, aber teilweise gilt noch, was Udo Steinbach 2008 in einem Essay für die Bundeszentrale für politische Bildung schrieb: „Erschien es im Zeitalter des Säkularismus unzeitgemäß, Religion zum Thema von Außenpolitik zu machen? Tatsache ist, dass sich zahlreiche Christen im Nahen Osten alleingelassen fühlen.“ Zwar hatte Papst Benedikt XVI. am 25. Dezember 2006 eine Botschaft an die Katholiken des Mittleren Ostens gesandt, an jene „kleine Herde“, die inmitten von Gläubigen anderer Religionen lebe und „ernsten Unbilden und Schwierigkeiten“ ausgesetzt sei.  

Im Libanon befürchten die Christen jedoch, dass der Westen das einzigartige Beispiel des Zusammenlebens von Christen und Muslimen in dem Land vergessen hat. „L’Oeuvre d’Orient“ möchte diese Lücke schließen helfen mit dem kürzlich eingerichteten Forschungsinstitut „Institut Chretiens d’Orient“ ICO, das zu einem besseren Verständnis der Situation der Christen im Nahen Osten beitragen soll. Das im Oktober 2020 gegründete, vom franco-libanesischen Theologie- und Philosophieprofessor Antoine Fleyfel geleitete Institut ziel insbesondere darauf, Wissen über die Christen des Ostens und ihre Umgebung durch Lehre, Ausbildung, Forschung, Veröffentlichungen und Information zu vermitteln.

Kurse für die breite Öffentlichkeit

Dazu wird das Institut ein Netzwerk mit öffentlichen und privaten Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen vor allem im französischsprachigen Raum aufbauen, die sich mit der Situation der orientalischen Christen befassen. Der Generaldirektor des „L’Oeuvre d’Orient“, Bischof Bruno Gollnisch, betonte in diesem Zusammenhang, dass das „Institut Chretiens d’Orient“ keine Konkurrenz zu bestehenden Einrichtungen sein wolle. Vielmehr gehe es darum, die Wissenschaftler zu unterstützen, die sich mit dem Leben der Christen des Orients befassen.  

Im akademischen Jahr 2021 werden vier Kurse für die breite Öffentlichkeit angeboten: „Islam und Christentum“, „Christliches Denken im Libanon“, „Orientalische Patrologie“ sowie „Geopolitik der Christen des Ostens“, teils als Präsenz-, teils als online-Veranstaltungen. Sie können mit einem Zertifikat oder Diplom abgeschlossen werden.

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