Passau

Die Urerfahrung der Gottesbegegnung: Das ewige „Du“

Gott ist ein Gegenüber. Bei der Lektüre von Martin Bubers „Ich und Du“ erschließt sich die Urerfahrung der Gottesbegegnung.

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Die Chance, Gott zu begegnen, bietet sich jedem, der bereit ist, über seinen Horizont hinauszublicken. Michelangelo zeigt den klugen Menschen, der sich seinem Schöpfer zuwendet. Foto: Imago images
  • Ich und Du - Begegnung ist immer wesentlich .
  • Die Suche nach Gott überschreitet die Grenze der Verfügbarkeit der Vernunft.
  • Jesus hat fortwährend in der inneren Begegnung mit Gott gelebt.

 

Martin Bubers Buch „Ich und Du“ ist klein an Umfang und groß an Wirkung. Für die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts – aber auch für mich persönlich. Mir wurde das Buch zur Initiationserfahrung. Und das ging so her: Nach dem Abitur war ich zunächst vier Jahre im Zeitungs- und Hörfunkjournalismus – und wurde meiner eigenen Oberflächlichkeit und Eitelkeit darin einigermaßen überdrüssig. Kurzerhand habe ich also beschlossen, Philosophie zu studieren – um den eigentlichen Sinn des Lebens zu ergründen – denn katholische Kirche war mir zu diesem Zeitpunkt eher verdächtig.

Erste philosophische Begegnungen

Meine ersten Begegnungen und philosophischen Schreibübungen drehten sich um große Gestalten wie Karl Popper, Martin Heidegger, John Locke, Ernst Cassirer, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche. Aber natürlich ging es auch um formale Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Anthropologie, Sprachphilosophie und mehr. Der Sinn des Ganzen erschloss sich mir insgesamt kaum, dafür der Sinn für Zusammenhänge durch die Geschichte hindurch. Was mir aber im Lauf des Studiums deutlich wurde: Nach und nach empfand ich vor allem jene Philosophen aufregender, für die die Suche nach Gott und die Frage nach dem Absoluten eine offene Frage blieb – oder die sich danach ausstreckten. Auf einmal suchte ich nach Texten von Thomas von Aquin, Kierkegaard, Josef Pieper, Edith Stein – und meinte zu spüren, wie mitten in deren philosophischen Fragestellungen und geschriebenen Worten und durch sie hindurch eine andere Präsenz wahrnehmbar wurde, eine Tiefe, die nicht allein durch die Worte selbst kam. Nach und nach wurde mir deutlich, dass hier Glaubende als Philosophen am Start waren und dass deren Glaube oft unthematisch aber spürbar ihr philosophisches Denken durchdrang.

Ich und Du

Und mit solchen Vorübungen näherte ich mich gegen Ende meines Magisterstudiums dem berühmten kleinen Buch „Ich und Du“. Von diesem Werk hatte ich in ersten Leseübungen den Eindruck, dass es noch stärker als die schon Genannten auf einem gläubigen Untergrund ruhte. Zudem kam es in mächtiger, existenzieller, zugleich dichterischer Sprache daher, so dass sich nicht wenige ernsthaft gefragt haben, ob das noch Philosophie ist. Verfasst hat es der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber im Jahr 1923, nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Es wurde sogleich eine Art Grundtext eines „neuen Denkens“ (Theodor Steinbüchel) und auch eine Art Programmschrift der Richtung einer Philosophie des Dialogs, zugleich zugehörig zu einer Strömung, die man später „Personalismus“ nennen würde.

Echte Begegnung

Was war das Neue an den Philosophien des Dialogs und der Person? Wesentlich ist, dass Buber zeitgleich mit anderen – etwa Ferdinand Ebner, Franz Rosenzweig, Gabriel Marcel – entdeckte, dass das Phänomen einer echten Begegnung zwischen zwei Personen in eine Wirklichkeit hineinnimmt, die eine gänzlich andere Erfahrung ist, als die der Erkenntnis eines Objekts durch ein Subjekt. Letztere Konstellation und die damit zusammenhängenden Fragen hatten die Philosophie Jahrhunderte beschäftigt: So in den großen Strömungen von Rationalismus und Empirismus, in der Kantischen Transzendentalphilosophie, im deutschen Idealismus, in der – zumindest späteren – Phänomenologie Edmund Husserls und anderen.

 

Bischof Stefan Oster

 

Andere Weise der Beziehung

Aber auf einmal fragt hier ein Denker auf neue Weise, was eigentlich passiert, wenn sich ein Mensch, ein personales Gegenüber, von einem erkennenden Anderen nicht auf einen Gegenstand im Objekt-Modus reduzieren lässt? Und was, wenn sich dann der Erkennende zugleich selbst aus dem Subjekt-Objekt-Modus herausbegibt, um dem Anderen anders, neu begegnen zu wollen? Was also passiert, wenn einem ein Mensch dem anderen nicht bloß ein gegenständliches Es, sondern ein Du wird – und wenn beide einander zum Du werden? Welche Art der Wirklichkeitserfahrung und des Erkennens ereignet sich hier? Und lässt sich hier überhaupt angemessen von „Erfahrung“ und „Erkennen“ sprechen oder sind beide Begriffe nicht schon wieder zu stark kontaminiert von philosophischen Entwürfen, die vordringlich die Subjekt-Objekt-Beziehung analysieren? In jedem Fall sieht und beschreibt Buber hier den Menschen, wie er in einer qualitativ anderen Weise in die Beziehung zum Gegenüber findet.

Und im Laufe der Lektüre wird deutlich, dass diese Wirklichkeit der Beziehung und das, was da als „Zwischen“, als die Wirklichkeit „zwischen“ Ich und Du erschlossen wird, dass diese Wirklichkeit seinsmäßig ontologisch vorrangig und in diesem Sinn „früher“ ist. Nicht die Ich-Du Beziehung ist nachrangig zur Subjekt-Objekt-Beziehung, vielmehr ist die Subjekt-Objekt-Beziehung eine abgeleitete, eine „herausgeschälte“, eine reduzierte Weise des Menschen, in Beziehung zu treten. Abgeleitet, herausgeschält und reduziert ist sie aus einer umfassenderen Weise des Immer-schon-in-Beziehung-seins. Daher versucht Buber am Beispiel des Kindes und des „Primitiven“ zu zeigen, wie sich die Erfahrung eines „Ich“ als distanziertem Gegenüber zur Welt und den Dingen erst nach und nach entwickelt – hin zu einer Konstellation, die den Menschen in eine „Urdistanz“ zur Welt bringt. „Urdistanz und Beziehung“ sind dann auch die in einem späteren Werk so gefassten Kategorien, die Buber in „Ich und Du“ als „Grundworte“ beschreibt mit dahinter liegenden „Haltungen“.

 

 

Mit ganzem Wesen

So sagt er in den berühmten ersten Worten von „Ich und Du“: „Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zweifältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zweifältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. ... Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich–Du. Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich–Es... Das Grundwort Ich–Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Das Grundwort Ich–Es kann nie mit dem ganzen Wesen gesprochen werden.“

Wichtig ist hier noch die Einsicht Bubers, dass das „Ich“ des Grundwortes Ich–Es ein anderes sei als das „Ich“ des Grundwortes Ich–Du. Das heißt umgekehrt auch: Das „Ich“, die eigene Ich-Erfahrung oder Selbst-Erfahrung „wird“ oder entsteht erst durch die Weise der Begegnung mit Welt und Mensch. Will ich das Andere oder den Anderen „für mich“ benutzen und gebrauchen? Oder will ich ihm „begegnen“. Buber sagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Und: „Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.“

Die Begegnung mit dem Du ist ausschließlich, ganz gegenwärtig, der andere ist nicht einfach „etwas“ – er ist schlicht da, ist unmittelbar – und zugleich unverfügbar für den gegenständlichen Zugriff. Der Andere „geschieht mir“, in der Einheit von Aktivität und Passivität. Solche Begegnung lässt sich erzählen, aber nicht fixieren. Buber sagt auch, er habe keine „Lehre“, er zeige nur eine Wirklichkeit – und will dort hineinführen.

Begegnung ist wesentlich

Die „Begegnung“ ist daher so wesentlich anders als nur derjenige Umgang mit Welt und Mensch, der benutzt, gebraucht, beherrscht, besitzt. Nichts davon ereignet sich in Begegnung – aber Begegnung ist im Grunde das eigentliche, das wirkliche Leben.

Bubers Philosophie der Begegnung ist immer getragen von der Einsicht, dass Gott selbst das eigentlich Du ist, mithin dass jede gelingende Begegnung zwischen Menschen mitgetragen und mitgewirkt ist vom ewigen Du. Und umgekehrt – hier spricht der gläubige Jude Buber – kann das ewige Du nie vergegenständlicht werden. Es bleibt immer zugleich die ganz andere, die große, die unverfügbare Wirklichkeit, die alles trägt.

"Gott ist das ewige Du
– und jede gelingende Begegnung
in dieser Welt ist Verweis auf
das alles tragende Du."

Begegnung mit Gott ereignet sich 

Warum mir diese Einsicht eine Art Initiation war? Weil sie mir gezeigt hat, dass die Suche nach Gott immer ein Überschreiten des analytischen Verfügens der Vernunft braucht, immer ein Sich-öffnen, Sich-überlassen, immer ein Loslassen, das Begegnung zumindest ermöglichen kann. Aber so wie sich Begegnung zwischen Menschen nur von der inneren Haltung her vorbereitet, aber nicht gemacht werden kann, so wie wirkliche Begegnung geschenkt wird, weil sie sich entweder „von selbst“ ereignet oder gar nicht, so öffnet sich der Gott suchende Mensch auf die Wirklichkeit des ewigen Du hin.

Mit dem ewigen Du

Und möglicherweise widerfährt ihm durch kleinere oder größere Ereignisse je und je mitten in dieser Welt die berührende Begegnung mit dem ewigen Du.

Hier, so ahnte ich damals als Suchender, hier öffnet sich mir neu eine Tür in die Welt des Glaubens. Gott ist das ewige Du – und jede gelingende Begegnung in dieser Welt ist Verweis auf das alles tragende Du. Von hier lernte ich in nächsten Schritten und durch andere Lehrer dann neu verstehen, was es heißt, dass dieses ewige Du ein „Vater“ ist. Und ich wurde mehr und mehr berührt von der Innerlichkeit Jesu, der in unserer Welt gelebt hat, als wäre er fortwährend woanders „zuhause“, fortwährend in der inneren Begegnung mit dem Vater, fortwährend in der Wirklichkeit des ewigen Du.

Begegnung immer mit dem Du

Heute in meinem persönlichem Leben ist mir dieser Zugang immer vor Augen: als Betender, als Verkünder, als Mensch, der trotz aller eigener Grenzen vor allem Gott und den Menschen dienen möchte. Der Andere ist nie einfach nur ein „Es“, sondern immer auch ein „Du“, geschaffen und gehalten vom ewigen Du.

Und Verkündigung ist mir im Wesentlichen dies: Die Schrift als eine Erzählung zu lesen und zu deuten, durch die die Tür aufgeht hinein in eine Wirklichkeit der Begegnung – in der der Mensch berührt werden kann von der Gegenwart Jesu in dieser Welt; wodurch der Mensch dann zugleich neu mit dem Grund seiner eigenen Existenz in Berührung kommt. Mit einem Grund, von dem her tatsächlich Heilung und Verwandlung passieren können. Martin Buber hat mir mit „Ich und Du“ gezeigt, dass und wie das möglich ist.

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