Augsburg

Die Sexuallehre ist eine provokante Herausforderung

Die katholische Sexuallehre ist in der Kirche aktuell stark umstritten. Dabei sehnen sich gerade Jugendliche nach einer anderen Sicht auf die Sexualität.

Katholische Sexuallehre als Gegenmodell
Zahlreiche Kirchenvertreter halten die katholische Sexualmoral für nicht vermittelbar. Dabei sehnen sich gerade viele Jugendliche nach einer weniger oberflächlichen Sexualität. Foto: Imago Images

Sie ist groß, schlank, in ihren 20ern und sehr selbstbewusst. Sie sieht nicht nur aus wie ein Model, sondern hat tatsächlich als Model gearbeitet. Doch studiert hat Lenya Wirtschaftskommunikation. Interessiert sich für Achtsamkeit und lebt vegan (und trägt in echt einen anderen Vornamen). Von der Theologie des Leibes hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie gehört. Sie ist ja auch nicht katholisch, kommt von der norddeutschen Küste. Doch als sie Vorträge aus dem Gebetshaus über die Schönheit und Bestimmung der menschlichen Liebe hörte, war sie elektrisiert. Jetzt steht für sie fest, dass sie bis zur Ehe enthaltsam leben möchte. Denn das sei der schönste und heilsamste Weg des Umgangs mit Sex. Dass ihr weiblicher Zyklus nur einige fruchtbare Tage hat und dass man ihn entdecken und beachten kann, auch das war ihr neu. Jetzt ist sie fasziniert von Natürlicher Empfängnisregelung und hat Newsletter zu dem Thema abonniert.

Die Geschichte dieser jungen Frau steht stellvertretend für sehr viele junge Menschen, denen ich in den letzten Jahrzehnten begegnet bin. Den ersten Vortrag über Sexualität im Lichte der christlichen Botschaft hielt ich 1997, damals 18-jährig. Seither durfte ich zu Zehntausenden zum gleichen Thema sprechen, auf den digitalen Kanälen sogar zu Hunderttausenden. Und was ist mein Fazit?

Ungewöhnlich, provokativ, extrem interessant

Ganz einfach: Die katholische Sexualmoral ist ungewöhnlich, provokativ, aber extrem interessant für junge Menschen. Sie stoßen sich daran, doch fühlen sie sich herausgefordert und nicht selten auch fasziniert. Meine Kernbotschaft ist immer, dass Sexualität in die Ehe gehört, weil sie mit lebenslanger Bindung und Fruchtbarkeit zu tun hat. Meine Frau und ich haben bis zur Hochzeitsnacht gewartet. Diese Tatsache brachte uns in eine RTL-Talkshow. Dort verwundertes Staunen, dass man als junges Paar so leben könne, doch nur positives Feedback. Danach erreichten uns zahllose Zuschriften und Anrufe. In einer Diskothek sprach ich vor etwa 1.000 Studenten darüber. Überwiegend interessierte und positive Reaktionen. Neulich postete ich etwas zu dem Thema auf Instagram: Tausende „Likes“, es war einer der erfolgreichsten Posts, die ich je veröffentlicht habe.

Mich verwundert es, dass viele katholische Theologen und Amtsträger von der Überzeugung erfüllt scheinen, die katholische Sexualmoral sei der Grund, warum junge Menschen nicht mehr in die Kirche kommen. Diese Sicht der Dinge überzeugt mich nicht. Nach allem, was wir über die griechisch-römische Antike wissen, dürften die Ansichten eines Paulus, wie in 1 Kor 6 oder Röm 1 entwickelt, auch schon damals provokant gewesen sein. Tatsächlich war das junge Christentum eine Bewegung, die im schreienden Kontrast zu den Werten der überwiegenden Kultur stand. Und natürlich steht die Sexualmoral der Kirche auch heute in deutlichem Gegensatz zum Mainstream. Die Frage ist aber, worin genau die Attraktivität einer Glaubensgemeinschaft bestehen sollte, die das nachspricht, was ohnehin jeder völlig selbstverständlich in der Kultur vorfindet.

Wir unterschätzen die Anziehungskraft kreativer Minderheiten

Wir unterschätzen die Anziehungskraft kreativer Minderheiten, die eben anders sind. Es ist radikal, Veganer zu sein. Dennoch hat dieser alternative Lebensstil viele Anhänger gerade unter jungen Menschen. Könnte man nicht mit gutem Recht sagen, einem „Menschen von heute“ könne eine so gravierende Umstellung seiner gesamten Ernährungsgewohnheiten nicht mehr zugemutet werden, da Fastfood und Billigfleisch nun mal der heutigen Lebenswirklichkeit entsprächen? Und auch das Argument, was denn heute „zeitgemäß“ sei. In den 80er Jahren war Kernkraft die modernste Form der Energiegewinnung. Eine kleine Minderheit erhob sich dagegen aus idealistischen Gründen. Am Ende des Jahrzehnts waren die Grünen keine Ansammlung von Freaks und Spinnern mehr, sondern eine gesetzte Größe.

Die ökologische Denkweise hat das öffentliche Bewusstsein mittlerweile komplett durchdrungen.  Weshalb trauen wir einer Ökologie der menschlichen Sexualität nicht dasselbe zu? Ich komme zurück zum Ausgangsbeispiel. Als Papst Paul VI. vor den Auswirkungen der Antibabypille warnte, wurden seine Ansichten – allem voran in Deutschland – als weltfremd und dem modernen Menschen unvermittelbar beiseite geschoben. Ich blicke auf die heutige Jugendkultur und nehme mit Staunen wahr, dass es eine ganze Reihe moderner Apps zur Beobachtung des Zyklus gibt. Coole Apps, die von coolen jungen Frauen genutzt werden. In Frauenzeitschriften wird das Thema natürliche Empfängnisregelung immer wieder aufgegriffen, es gibt Blogs und YouTube-Videos dazu, die von Hunderttausenden geklickt werden. Ein Video mit dem Titel „Nie wieder Pille“ wurde eine halbe Million mal aufgerufen. Wohlgemerkt: All das sind keine katholischen Plattformen.

Viele sehnen sich nach etwas anderem

Verantwortliche in der Kirche neigen dazu, auf die Postmoderne zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Sie unterschätzen, wie viele Menschen sich nach etwas Anderem sehnen, wie viele Menschen angewidert sind von der Banalisierung der Sexualität, der medikamentösen Überfrachtung mit Hormonen und der Beliebigkeit sexueller Bindungen. Wer die Schriften Johannes Pauls II. über die Theologie des Leibes liest, der kann nur Staunen über die Schönheit und Ganzheitlichkeit dieses dort entwickelten Blicks auf das menschliche Lieben. Eine Schönheit, die unmittelbar anspricht, auch wenn sie herausfordert. „Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, ich hatte all das noch nie gehört“, sagt Lenya und mir scheint: So würde es sehr vielen gehen.

Der Autor ist Philosoph, Autor und Referent. Er leitet das Gebetshaus Augsburg und ist Gründer der SCHÖN- und MEHR-Konferenz.

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