Washington, D.C.

Die "People of Praise" sind Teil der charismatischen Erneuerung

Wer sind die „People of Praise“, denen die für den Supreme Court nominierte Richterin Amy Coney Barrett angehört? Gegner halte sie für fromme Influenzer.

Amy Coney Barrett
Lebt als Richterin ihre christliche Berufung in der Welt: Amy Coney Barrett. Foto: Imago

Als Donald Trump nach dem Tod von Ruth Bader-Ginsburg Amy Coney Barrett für den freigewordenen Posten als Richterin am Supreme Court nominierte, richtete sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, wie in Amerika üblich, nicht nur auf die akademische Qualifikation der Kandidatin, sondern auch auf deren geistliches Leben. Dass die siebenfache Mutter der katholischen Kirche angehört, ist im höchsten Richterkollegium der Vereinigten Staaten keine Ausnahme. Interessanterweise aber werden die gleichen Verdachtsmomente, die schon im Vorfeld der Wahl von John F. Kennedy zum Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Rolle spielten, nun erneut ins Spiel gebracht. Im Fokus stehen dabei nun nicht mehr der Beichtvater oder gar der Papst, der dem Präsidenten im Zweifelsfall angeblich vorschreibt, was er zu tun hat, sondern die charismatische Gruppierung „People of Praise“, als deren Mitglied Barrett gilt. Grund genug, genau nachzufragen, um was für eine Vereinigung es sich dabei handelt.

Gemeinschaft im Gebet

Gegründet wurde die heute gut 1 700 Mitglieder zählende Gemeinschaft, die über 22 Standorte in den Vereinigten Staaten, Kanada und der Karibik verfügt, 1971 von Kevin Ranaghan und Paul DeCelles als Reaktion auf die Gegenkultur der sexuellen Revolution und versteht sich als Teil der charismatischen Erneuerungsbewegung. Ähnlich wie in den Bruderschaften im Mittelalter ist es auch bei den „People of Praise“ üblich, ihre Gemeinschaft nicht nur auf dem Gebiet des Gebetslebens zu pflegen, sondern sich auch finanziell und ideell zu unterstützen.

Der Covenant, wie die Gemeinschaft sich nennt, nimmt Christen aller Konfessionen auf, die Mehrheit der Mitglieder gehören aber der katholischen Kirche an. Sie pflegen ein konservatives Familienbild, in dem der Mann nicht nur als Haupt der Familie, sondern auch der Frau gilt. Innerhalb der Gemeinschaft wird großer Wert auf die geistliche Begleitung durch erfahrene Mitglieder gelegt, die bei den „People of Praise“ „Head“ genannt und in allen wichtigen Lebensfragen konsultiert werden. Männer erhalten einen männlichen geistlichen Leiter, bei alleinstehenden Frauen übernimmt eine erfahrene Frau diesen Part. Bei verheirateten Frauen fällt die Aufgabe der geistlichen Leitung dem Mann zu. Dieser Punkt der Regeln der Gemeinschaft ist zumindest naiv, da die „People of Praise“ bei ihren „Heads“ eine höhere geistliche Reife voraussetzen, was für Ehemänner, vor allem in jungen Jahren, aber nicht zwangsläufig gilt.

Gewissen ist frei

Die „People of Praise“ legen allerdings Wert darauf zu betonen, dass die Ratschläge der jeweiligen geistlichen Begleiter nicht bindend sind, sondern vielmehr die Einzelperson gemäß ihres an der Lehre der kirchlichen Gemeinschaft, der sie angehört, gebildeten Gewissens frei entscheidet.

Im Falle Barretts versehen die Journalistinnen Michelle Boorstein und Julie Zauzmer genau diese Entscheidungsfreiheit in einem bereits 2018 in der Washington Post veröffentlichten und nun in überarbeiteter Version erneut abgedruckten Beitrag mit einem Fragezeichen. Sie berufen sich dabei – ohne eine Quelle zu nennen – auf Papst Franziskus, der ihren Angaben zufolge 2014 vor von Laien geleiteten Gruppen wie derjenigen Barretts warnte, weil sie „die persönliche Freiheit einschränken“ und „wichtige Entscheidungen über ihr Leben an andere delegieren“.

Keine Sektierer

Aber an dieser Stelle ist die Berichterstattung der Washington Post nicht ganz vollständig. Denn dass Papst Franziskus keine Vorbehalte gegen die „People of Praise“ hegt, kann man daran ersehen, dass er im selben Jahr 2014 den aus Südafrika stammenden Peter Leslie Smith zum Weihbischof von Portland/Oregon ernannte. Er gehört der von der katholischen Kirche anerkannten Bruderschaft der Gemeinschaft an, die nur katholische Mitglieder der „People of Praise“ aufnimmt, und ist nun als Ansprechpartner für die charismatischen Gemeinschaften im Erzbistum Portland tätig. Der Kirchenrechtler absolvierte seine Studien im Mount Angel Seminary der Benediktiner in Oregon, an der Benediktineruniversität San Anselmo in Rom und der Katholischen Universität Amerika in Washington – keine Ausbildungsstätten, die im Ruf stehen, sektiererische Tendenzen zu unterstützen oder die Freiheit der Meinungsbildung einzuschränken.

Ob dies auch für die „People of Praise“ selbst gilt, ist nun Teil der Debatte. Einige ehemalige Mitglieder wie Coral Anika Theill, die fünf Jahre Mitglied des „People of Praise“-Zweiges in Oregon war, berichten über den traumatisierenden Effekt der konservativen Grundhaltung und eines Rollenbildes, das von den Frauen Unterordnung erwarte. Andere verweisen darauf, dass Frauen ermutigt würden, gute Ausbildungen zu machen und Berufe zu ergreifen, und auf die in den Statuten niedergelegte Freiheit der Mitglieder, die Gruppe jederzeit zu verlassen, „wenn Gott sie auf einen anderen Weg ruft“. Dass diese Entscheidungen den Zurückbleibenden nicht immer gefallen und es dabei zu Auseinandersetzungen kommen kann, ist menschlich verständlich.

Nicht eingeschränkt

Bleibt die Frage, ob Amy Coney Barrett aufgrund ihrer Verbindung mit den „People of Praise“ nun in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt ist oder nicht. Thomas Csordas, der an der University of California in San Diego lehrt und als führender Gelehrter auf dem Gebiet der charismatischen Gemeinschaften gilt, bezweifelt dies. „Sie könnte sich mit der Frage: ,Soll ich die Position am Supreme Court einnehmen?‘, an ihren geistlichen Leiter wenden. Aber hinsichtlich ihrer Entscheidungsfindung in diesem spezifischen Fall würde eine Person in ihrer Position, wie ich vermute, eher sagen: ,Nun, ich bin die Expertin in dieser Angelegenheit, nicht mein geistlicher Begleiter‘.“

Der derzeitige Leiter der „People of Praise“, Lent, bestätigt diese Einschätzung: Wir sagen immer, dass jede Person ihre persönliche Freiheit hat; du bist für deine eigenen Entscheidungen vor deinem Gewissen verantwortlich.“ Bleibt die Frage ob, wie Dianne Feinstein 2017 sagte, das Dogma vernehmbar in Barrett lebe. Viele Katholiken halten genau dies für eine ausgezeichnete Werbung.

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