Kommentar um "5 vor 12"

Die Lust an der Opposition

Nach der gestrigen Segnungsaktion für gleichgeschlechtliche Paare bleibt die Frage, wem das Ganze eigentlich dienen sollte. Die Scharen segnungswilliger Paare blieben aus. Und in der öffentlichen Wahrnehmung standen andere im Vordergrund.

Kirche und homosexuelle Paare
Die Initiative "Liebe gewinnt" war eine hochklerikalistische Aktion und zeichnete zugleich ein Bild der selbstreferenziellen Kirche, vor der Papst Franziskus eindringlich warnt. Foto: Winfried Rothermel (dpa)

Die Initiative „Liebe gewinnt“ hat mit ihren rund hundert Segnungsgottesdiensten für gleichgeschlechtliche Paare am 10. Mai ein Déjà-vu-Erlebnis ausgelöst. Wie schon in der Diskussion um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion bleibt das Fragezeichen, wem das Ganze eigentlich dienen sollte. Paradoxerweise fehlten die Scharen segnungswilliger Paare, um die es doch vorgeblich ging, in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso wie seinerzeit die angeblich nach der Kommunion hungernden Geschiedenen.

In erster Linie ging es um die Geistlichen

Und wie damals konnte der lautstark geäußerte Wunsch nach einem gemeindlichen Zugehörigkeitsritual die Frage nicht beantworten, wie stark die Sehnsucht nach Christus als Teilnahmemotiv bei den betreffenden Paaren eigentlich ist. Dass den paarweisen Segnungen mancherorts mit Verweis auf die pandemiebedingten Schutzmaßnahmen eine konventionelle Gemeindesegnung vorgezogen wurde, passt ins Bild: Die lustvoll ausgekostete Oppositionsrolle gegen das Lehramt in Kombination mit dem Gemeinschaftserlebnis Gemeinde genügte.  

Man wird nicht unterstellen dürfen, dass sämtliche Teilnehmer der Segnungsfeiern auf Krawall gegen Rom gebürstet sind. In manchen Gemeinden ist die Praxis der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare schon so lange etabliert, dass weniger informierte Gläubige gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, sie in Frage zu stellen. Zudem dominierten in der Öffentlichkeit die Stimmen von einseitig argumentierenden Geistlichen. Um sie ging es in erster Linie: ihre Vorstellungen von Gewissensentscheidung, Lehramt, Gehorsam, Seelsorge, etcetera.

Manchen Pfarrer hielt nicht einmal die magere Nachfrage an segnungswilligen gleichgeschlechtlichen Paaren in seinem Sprengel von wortreicher Selbstdarstellung in den Medien ab. In diesem Sinne war die Initiative „Liebe gewinnt“ eine hochklerikalistische Aktion und zugleich Bild der selbstreferenziellen Kirche, vor der Papst Franziskus eindringlich warnt.

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