Berlin

Die Krise als Türöffner

Wie das Anbetungszentrum St. Clemens in Berlin während der Pandemie viele neue Besucher gewonnen hat.

St. CLemens Berlin
Der eucharistische Herr steht im Zentrum – auch während des Lockdowns. Foto: O. Gierens

Endlich feiern wir wieder heilige Messe. Ich freue mich, Sie zu sehen.“ Mit einfachen, aber sichtlich von Herzen kommenden Worten begrüßt Pater Matthew die Gläubigen. Seit Mitte März, als das Corona-Virus den „Shutdown“ fast des gesamten gesellschaftlichen Lebens zur Folge hatte, haben auch im Anbetungs- und Exerzitienzentrum St. Clemens in Berlin-Kreuzberg keine öffentlichen Messen mehr stattgefunden. Als er im Mai die erste öffentliche heilige Messe feiern durfte, stand den Menschen „das Glück in den Augen“, erzählt Pater Tom Mulanjanany.

Für die vier Vinzentiner-Patres an St. Clemens war der pandemiebedinge Lockdown eine noch nie dagewesene Herausforderung. Denn das geistliche Zentrum lebt von der Verehrung der heiligen Eucharistie. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, ist die Kirche für die Eucharistische Anbetung geöffnet. Dazu bieten die Patres Exerzitien und geistliche Begleitung an. Einmal im Monat feiern sie eine Nachtvigil, in der unzählige Kerzen das Kirchenschiff erleuchten. Neben einem Gebetsfrühstück laden die Vinzentiner an einem Sonntag im Monat zum Familientag ein. All das musste zuletzt entfallen. Wie „überlebt“ eine Gemeinschaft, die so sehr auf die Eucharistie ausgerichtet ist, diese Wochen ohne Messfeiern, mit Versammlungs- und Kontaktverboten?

Anbetung hat während des „Lockdowns“ nie aufgehört

Auch wenn alle Veranstaltungen abgesagt waren: Die Anbetung hat während des „Lockdowns“ nie aufgehört. Maximal zehn Personen durften hinein, ab Anfang Mai waren es bis zu 20. Höchstens eine halbe Stunde konnten sie bleiben, dann mussten sie den nächsten Besuchern Platz machen. Das Angebot fand großen Zuspruch: Viele Menschen machten sich bewusst auf den Weg in die Anbetungskirche, die etwas versteckt in einem typischen Berliner Hinterhof zwischen großen Häuserschluchten liegt.

Wer die vielbefahrene Stresemannstraße Richtung Anhalter Bahnhof entlanggeht, übersieht schnell das Schild mit der Abbildung des barmherzigen Jesus, das auf die St.-Clemens-Kirche hinweist. Aber die Menschen fanden den Weg. „Mehrere neue Leute waren da“, berichtet Pater Tom, „ganz neue Besucher“ seien zu ihnen gekommen. Dankbar seien sie gewesen, dass die Kirche geöffnet hatte und das Allerheiligste ausgesetzt war.

Auch wenn eine öffentliche Messfeier nicht möglich war, „ist die Anbetung eine zweite Möglichkeit“, meint Pater Tom, der wie seine Mitbrüder in der Privatkapelle der Vinzentiner die heilige Messe weiter zelebrieren durfte, aber ohne Besucher. Täglich haben die Patres für die Menschen gebetet, für Deutschland und die ganze Welt, gegen die weitere Ausbreitung des Covid-19-Erregers. Besonders in der Kar- und Osterwoche suchten viele Besucher die Nähe zu Gott. Für die drei Tage bis Palmsonntag hatten sich die Patres daher etwas Besonderes einfallen lassen. Drei Tische wurden im Innenhof außerhalb der Kirche aufgestellt, in der Mitte durch eine große Plexiglasscheibe getrennt. Drei Priester spendeten von Freitag bis Sonntag, immer unter Beachtung der jeweils geltenden Eindämmungsverordnungen, das Sakrament der Versöhnung. Über 300 Menschen kamen an diesen drei Tagen zur Beichte. Auch außerhalb dieser Tage konnte jeder mit telefonischer Anmeldung beichten. Am Ostersonntag schließlich haben sie zu drei verschiedenen Uhrzeiten die heilige Kommunion verteilt. „Dabei haben wir immer beachtet, was der Staat sagt“, betont Pater Tom.

Ohne die Leute hat das Priestertum keinen Sinn

Pater Tom blickt nachdenklich auf die Zeit des „Lockdowns“ zurück: „Viele Priester haben so eine Situation nie erlebt, nicht mal im Zweiten Weltkrieg. Das war sehr schmerzhaft. Wir feiern unser Christentum mit anderen. Ohne die Leute hat das Priestertum keinen Sinn.“ Das sei eine sehr trockene Erfahrung gewesen, so seine persönliche Bilanz. Doch trotz alledem kann er der Krise auch einen heilsamen Aspekt abgewinnen. „Wir fühlen, dass wir zu neuem Vertrauen auf Gott kommen“, so seine Erfahrung der vergangenen Wochen. Die „postmoderne Technologie“ helfe uns am Ende nicht, aber der Glaube und das Vertrauen auf Gott gäben uns Kraft, ist er überzeugt. „Alles ist zu, aber in der Kirche finden die Menschen Trost und einen sicheren Platz“ – diese Erfahrung hat Pater Tom während der letzten zwei Monate gemacht, in denen er und seine Mitbrüder auch viele Seelsorgegespräche am Telefon geführt haben. Immer wieder sei dabei die Frage aufgekommen, warum Supermärkte geöffnet seien, die Kirchen aber zu. Für die Patres an St. Clemens war ziviler Ungehorsam jedoch keine Option. „Wir sind bereit, wir haben ,Lust‘ auf die heilige Messe – aber auch der Staat muss überlegen, was er tut“, fasst Pater Tom ihre Einstellung zusammen. Sie hätten in den letzten Wochen moralische und spirituelle Unterstützung gegeben, wo es möglich war, sich aber sonst an die staatlichen Regeln gehalten.

Inzwischen ist in St. Clemens wieder mehr Normalität eingekehrt. Seit dem 16. Juni ist in Berlin die Teilnehmerbegrenzung für Gottesdienste ganz entfallen, doch es gilt weiter das Abstandsgebot von anderthalb Metern. Deswegen können derzeit nur 60 bis 80 Personen an den Messfeiern teilnehmen, wie Mitarbeiterin Sabine Denner erläutert. Eine Anmeldung ist nur noch an Sonn- und Feiertagen notwendig; dann gibt es aktuell vier Heilige Messen um 11, 13, 16 und 19 Uhr. Ist die Kirche voll, können die Besucher im Innenhof Platz nehmen und das Geschehen auf zwei Bildschirmen verfolgen. Unter der Woche entfällt die 11-Uhr-Messe, eine Voranmeldung ist hier nicht erforderlich. Auch wenn die Auflagen stetig weniger werden, funktioniert noch nicht alles so wie vor dem Lockdown.

Ein Beispiel ist die jährliche „Berliner Bibeltagung“, zu der sonst gut dreihundert Gäste kommen. Sie fand diesmal über die Pfingsttage im kleinen Rahmen statt. Drei Tage lang wurde in der Kirche jeweils von 21 Uhr bis zum folgenden Mittag die Bibel gelesen. An den Abenden gab es täglich Messfeiern, Lobpreis, Anbetung und Vorträge. Für die Abschlussmesse war der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich zu Gast. Fünfzig Personen durften in der Kirche verweilen, weitere vierzig konnten draußen im Innenhof mitfeiern, wo die Messe auf zwei Bildschirmen übertragen wurde.

Stets bereit, an die Grenzen zu gehen

„Die Bibeltagung in dieser veränderten Form war ein sehr großer Erfolg“, meint Sabine Denner rückblickend. „Die Leute waren froh, dass wir das überhaupt gemacht haben.“ Und Pater Tom ergänzt: „Die Menschen nahmen die Chance wahr, das Wort Gottes zu hören und haben ihre Freude darüber ausgedrückt, in dieser besonderen Situation diese Möglichkeit überhaupt zu haben.“

All dies zeigt: Die geistlichen Angebote sind in St. Clemens auch weiterhin begrenzt – aber die Vinzentiner sind seit Wochen stets bereit, bis an diese Grenzen zu gehen. Die Besucher haben es ihnen stets gedankt.

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