Bonn

Die Kirchensteuer-Einnahmen zeichnen ein trügerisches Bild

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt, die Kirchensteuereinnahmen ebenfalls. Dieser Widerspruch wird sich erst in den nächsten zehn Jahren lösen.

Diskussion um Kirchensteuer
Eine Studie der DBK sagte im vergangenen Jahr eine Halbierung des Kirchensteueraufkommens für die deutschen Diözesen bis 2060 vorher. Foto: Hans-Jürgen Wiedl (ZB)

Es schon eine Tradition bei der Deutschen Bischofskonferenz, die Höhe der aus der Kirche ausgetretenen Katholiken ungefähr vier Wochen zu veröffentlichen, bevor die Zahlen des Kirchensteueraufkommens der deutschen Diözesen präsentiert werden. Das rührt daher, dass es einen gewissen Widerspruch zwischen diesen beiden Zahlen gibt. Seit Jahren klettern die Kirchensteuereinnahmen der deutschen wie auch der österreichischen Diözesen von einem Gipfel zum nächsten. Die regelmäßigen Steigerungen wurden seit 2011 nicht unterbrochen. Wachstumsraten zwischen zwei und sieben Prozent waren von Jahr zu Jahr zu verzeichnen. Weil die Kirchensteuer eine sogenannte Annex-Steuer ist, verhält sie sich proportional zur Entwicklung der Einkommensteuer der Kirchenmitglieder. Sie bildet in etwa die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes ab. Dieses stieg zwar regelmäßig stärker als die Kirchensteuer, aber beide blieben äquivalent im Trend. Damit zeigt sich, dass die Kirchensteuerzahler am Wirtschaftswachstum partizipieren.

Kirchenaustritte steigen um 30 Prozent an

Seit 2011 steigt Jahr für Jahr aber auch die andere Zahl. Die Zahl der Kirchenaustritte nimmt stetig zu. 126.000 waren es im Jahr 2011, 2019 liegt die Zahl bei 273.000 Austritten. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Stichprobenartige Anfragen bei Amtsgerichten zeigen einen ungebremsten Trend für 2020. Im vergangenen Jahr legten die Kirchenaustrittszahlen um kräftige 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Davor lag die Zahl der Austritte bis einschließlich 2017 unter 200.000. Seitdem geht die Zahl steil nach oben. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung ist mit 22,6 Millionen im Jahr 1990 auf dem tiefsten Stand seit 1950.  

Umso mehr verwundert die Tatsache, dass die Kirchensteuereinnahmen der deutschen Bistümer nicht nur nicht sinken, sondern im Gegenteil stetig steigen. Zwar gibt es keine exakten Erhebungen der Milieuzugehörigkeit derer, die die Kirche verlassen und derer, die bleiben, doch der Zusammenhang zwischen steigenden Einnahmen und steigenden Austritten lässt sich leicht herstellen. Es bleiben die älteren Gutverdiener aus der Mittelschicht. Diese, das zeigen staatliche Erhebungen, sind die stärksten Einkommenssteuerzahler. Junge Leute am Anfang ihrer Berufslaufbahn haben keine sonderlich starke Bindung an die Kirche und treten offensichtlich rechtzeitig aus, bevor ihre Einkommen kirchensteuerpflichtig werden würden. Zudem sind es überwiegend einkommensschwache Katholiken, die austreten, obwohl sie keine oder wenig Kirchensteuer zahlen.  

Unerwarteter Einbruch durch Corona-Pandemie

Jetzt schon kann man sagen, dass 2020 mit der Coronakrise einen unerwarteten Einbruch der Kirchensteuereinnahmen bringen wird. Schätzungen für Deutschland gehen von 1,5 bis zwei Milliarden Einbußen durch den Lockdown und die darauffolgende Wirtschaftskrise aus. In Österreich rechnen die Diözesen für 2020 mit Einbußen von insgesamt 90 Millionen Euro. Nicht nur der Kirchenbeitrag, den die Diözesen in Österreich ohne staatliche Hilfe selbst erheben, ist durch die Corona-Krise eingebrochen. Es fielen auch Kollekten im Umfang von etwa 14 Millionen Euro weg. Weil die Wirtschaftskrise mehrere Jahre andauern dürfte, diskutieren Österreichs Diözesen bereits die Verschiebung von Baumaßnahmen und Einsparungen beim Personal (mehr dazu auf Seite 10). 

Eine Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz sagte im vergangenen Jahr eine Halbierung des Kirchensteueraufkommens (inflationsbereinigt) für die deutschen Diözesen bis 2060 vorher. Wie bei allen Vorhersagen bleibt die Unschärfe, dass man die Vergangenheit in die Zukunft hochrechnet. Die Tendenz jedoch ist klar: Die größten Kirchensteuerzahler werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen. Die großen Einbrüche kommen also in den nächsten fünf Jahren. Erst dann, wenn diejenigen Gutverdiener, deren Kirchenbindung skandalresistent ist, Rente beziehen, wird sich jeder Kirchenaustritt in Euro und Cent in der Statistik niederschlagen.

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