Neviges

Die Gemeinschaft St. Martin bringt priesterliche Verstärkung

Die Priestergemeinschaft Saint Martin hat jetzt ein Zuhause in Deutschland. Sie möchte in der Evangelisierung kräftig mitmischen. In Neviges ist die neue Wirkungsstätte.

Abbé Thomas zelebriert die Heilige Messe mit seinen Mitbrüdern in dem Wallfahrtsort Neviges.
Abbé Thomas zelebriert die Heilige Messe mit seinen Mitbrüdern in dem Wallfahrtsort Neviges. Foto: Henning Schoon

Als Abbé Thomas Diradourian am Sonntag die Gläubigen mit dem Gnadenbild von Neviges segnen durfte, ging für die im westfranzösischen Évron angesiedelte Communauté Saint Martin ein schon länger gehegter Wunsch in Erfüllung. Nach längerer Reise durch Deutschland hat der neue Pastor aus Frankreich nun endlich im Rheinland seine Zelte aufgeschlagen. Das Erzbistum Köln holte die Gemeinschaft, da die Franziskaner, die drei Jahrhunderte lang im bergischen Neviges Gnadenbild und Wallfahrtsseelsorge hüteten, aufgrund eines Mangels an Nachwuchs den Standort aufgeben wollten.

Beginn im September

Bereits seit Anfang September wirken nun die Priester der Gemeinschaft St. Martin in Neviges und berichten bei ihrer Einführung von offenen Türen und Herzen. Die Wallfahrtskirche von Neviges bildet für Pastor Diradourian, der auch Liturgiewissenschaftler ist, ein steingewordenes Sinnbild für den Zusammenhang von Liturgie und Verkündigung des Wortes Gottes, wie er in seiner Predigt ausführt, nachdem das Evangelium von der säulernen Kanzel gesungen wurde, die neben dem Altar als prägendes Monument zwischen dem Boden und dem bergenden Betonzelt der Basilika aufgerichtet ist. Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, der den Kontakt zur Gemeinschaft herstellte, freut sich besonders, dass die neuen Mitbrüder im priesterlichen Dienst das gemeinschaftliche Leben der Priester pflegen.

Priester sollen nicht vereinsamen

„Gerade in unserer Zeit ist es wichtig, beides im Blick zu haben: Die Sammlung um Christus – gegen alle Vereinzelung – und die Sendung zu den Menschen. Unabhängig von der Gemeinschaft St. Martin ist die Lebensform der Priester ein Thema in unserem Erzbistum: Was können wir tun, dass die Priester nicht zu Einzelgängern und vereinsamten Menschen werden, sondern dass sie zumindest an einem Ort leben und sich gegenseitig stärken?“, so der Weihbischof gegenüber der „Tagespost“. So hofft der Personalverantwortliche des Erzbistums auch, dass sich die neue Gemeinschaft zusammen mit der Gemeinde in den diözesanen Veränderungsprozessen aktiv einbringen wird. Pfarrer Mike Kolb sagte der „Tagespost“, dass man die Hoffnung habe, „dass die Neugründung der Gemeinschaft Sankt Martin ein kraftvoller Beitrag zur Erneuerung der Kirche im Erzbistum Köln und für viele suchende Menschen sein kann“. Der stetig wachsende Teil der deutschsprachigen Seminaristen im Priesterseminar der Gemeinschaft von Evron sucht ein missionarisches Priesterbild, das aber zugleich von den monastischen Traditionen in Liturgie und Gemeinschaftsleben geprägt ist. Auch wenn bei der Einführungsmesse in Neviges nur der gregorianischer Introitus „Salve, sancta parens“ zu hören war, wird die Gregorianik wieder jeden Tag in Neviges zu hören sein.

Latein als Sprache der Liturgie

Denn die Gemeinschaft pflegt auch das nachkonziliar erneuerte römische Stundengebet gemeinschaftlich in lateinischer Sprache zu singen. Überhaupt ist die Gemeinschaft in ihrem liturgischen Leben von der liturgischen Bewegung geprägt, während sie spirituell auch die „École francaise“ pflegt, wie sie auf Kardinal Pierre de Bérulle und die Seminartradition von Saint-Sulpice zurückgeht. Ein auf immer mehr junge deutsche Männer, die sich zu einer Priesterberufung hingezogen fühlen, offenbar anziehendes Konzept, da es ganzheitlich geistliches Leben, eine anspruchsvolle Liturgie und missionarische Sendung zusammenbringt. Die vielen Berufungen geben der Gemeinschaft ein junges Antlitz; es hat mit über einhundert Seminaristen das größte Seminar Frankreichs. Aber auch dort stand man der Gemeinschaft nicht immer und überall offen gegenüber. Auch in Deutschland war es ein längerer Weg, der die Gemeinschaft verschiedene Bistümer kennernlernen ließ: Über Rottenburg-Stuttgart und Paderborn, bis es in Köln nun endlich gelang.

Eine tiefe Frömmigkeit

Weihbischof Schwaderlapp kritisiert gegenüber der „Tagespost“: „Wir Deutschen haben manchmal die Hybris, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. In unserem Erzbistum bin ich für die Katholiken anderer Muttersprachen verantwortlich. Immer wieder darf ich dankbar feststellen: Wir können von allen etwas lernen.“ Vor diesem Hintergrund hebt der Weihbischof daher auch ihre charismatischen Vorzüge hervor: „Eine tiefe Frömmigkeit, eine große Offenheit für die Menschen und ein Priesterbild, das klar am 2. Vatikanischen Konzil orientiert ist. Der Priester ist jemand, der durch die Weihe Christus Hand und Stimme leihen darf, ein Leben führen soll, das dem Leben Christi entspricht. Unsere Identität ist Jesus Christus – nicht irgendwelche anderen Identitäten, die uns vielleicht vorgestellt werden. Die Identität mit Ihm ist Quelle einer Freude, die uns die Welt nicht geben kann und nicht nehmen kann.“

Offene Türen

In Köln fand die Gemeinschaft nun offene Türen, und in Neviges traf sie auf die offenen Herzen einer Pfarr- und Wallfahrtsgemeinschaft. Das multinationale Team aus einem Franzosen, einem Belgier – und dem ersten zum Priester geweihten – Deutschen darf sich freuen, an eine lange Seelsorgetradition anzuknüpfen und neue Akzente für die Neuevangelisierung zwischen den Großstädten Düsseldorf, Essen und Wuppertal zu setzen. Für die Gläubigen der Region ist das Kommen der „Martinianer“ ein großes Geschenk, der das Grau des Diözesan- und Pfarreialltags aufzubrechen vermag. Weihbischof Schwaderlapp werden viele, die künftig in Neviges zur Gottesmutter, zur Eucharistie und zur Beichte kommen wollen, zustimmen wollen: „Ich glaube, hier hat die Muttergottes von Neviges geholfen.“

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