Hamburg

Die Finanzlage im Erzbistum Hamburg gleicht einem maroden Schiff

Der Pleitegeier kreist noch nicht. Die finanzielle Schieflage des Erzbistums hat sich im Coronajahr dennoch verschärft. Das ist nicht das einzige Problem.

Das Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand ist ein Krankenhaus in freigemeinnütziger Trägerschaft
Das Krankenhaus Groß-Sand ist ein Krankenhaus in freigemeinnütziger Trägerschaft in Hamburg Wilhelmsburg. Träger ist die katholische Kirchengemeinde St. Bonifatius. Nun möchte das Erzbistum das Krankenhaus und die angegliederte Pflegeschule gerne verkaufen. Foto: Imago

Die schon 2017 diagnostizierte „finanzielle Schieflage“ des katholischen Kirchenschiffs im Norden Deutschlands scheint sich nach neuesten Informationen dieser Zeitung weiter zu verschärfen. Um elf Prozent niedriger sollen die Einnahmen aus Kirchensteuern im laufenden Jahr 2020 wegen der Corona-Krise ausfallen, wie der erst seit dem 1. April dieses Jahres amtierende Verwaltungsdirektor des Erzbistums, Alexander Becker, gegenüber dieser Zeitung mitteilte. Danach werden die Kirchensteuereinnahmen von geplanten 120 auf 105 Millionen Euro sinken.

Ungünstige Zeit

Die Finanzkrise trifft das Erzbistum in einem heiklen Augenblick: Der vor fünf Jahren von Köln in die Hansestadt gewechselte Erzbischof Stefan Heße steht in der medialen Kritik. Mit Blick auf seine Tätigkeit als Personalchef im Erzbistum Köln werden dem Erzbischof Versäumnisse im Blick auf die Vertuschung von sexuellen Missbräuchen vorgeworfen. Empörung unter Hamburger Katholiken lösten kürzlich Heßes Äußerungen aus, Jesus sei „nicht als Mann, sondern als Mensch“ auf die Welt gekommen. Auch die öffentliche Unterstützung Heßes für die Priesterweihe von Frauen im Rahmen der „Initiative Maria 2.0“ oder sein Werben für die Segnung von homosexuellen Paaren kamen bei vielen gläubigen Katholiken nicht gut an. Im Kern der Vorwürfe heißt es immer, der Bischof vertrete nicht mehr pflichtgemäß das katholische Lehramt.

Massive Krise

Nach seinem Amtsantritt vor fünf Jahren hatte Erzbischof Heße einen Reformprozess angestoßen. Angesichts der seiner Analyse nach „desaströsen Situation“ im Erzbistum sollte in Form des sogenannten „pastoralen und finanziellen Orientierungsrahmens“ eine Besserung eintreten. Die bekannt gewordenen Kirchenaustrittszahlen auf Rekordniveau, sinkende Kirchensteuereinnahmen und Besucherzahlen der Sonntagsmessen auf niedrigstem Niveau (unter fünf Prozent der Kirchenmitglieder), lassen wenig Hoffnung aufkommen, dass der Reformprozess gelingt. Wie das Bistum in einer Pressemitteilung erklärte, müssten Sanierungsvorhaben im Immobilienbereich, „geplante Neueinstellungen kritisch überprüft, Ausgaben im Sachkostenbereich beschränkt und Investitionen zeitlich aufgeschoben werden“. Der Haushalt 2020 (Gesamtvolumen bisher: 226 Millionen), der 2019 nur mit einer Neuaufnahme von Schulden in Höhe von 29 Millionen Euro aufgestellt werden konnte, könne durch die prognostizierten Rückgänge an Kirchensteuern, Kollekten und anderen Einnahmen nicht mehr in der geplanten Form ausgeführt werden. Ob neue Schulden aufgenommen werden müssen, war nicht zu erfahren.

Hartes Sanierungsprogramm

Gefährlich erscheint die geschilderte finanzielle und geistliche Schieflage des Erzbistums letztlich wie bei einem Schiff, bei dem auf hoher See und Wellengang die Ladung verrutscht ist, wo das Kentern und der Untergang oftmals dann nicht mehr zu vermeiden ist. Diese Lage drohe bisher nicht, betonte Becker. Eine Zahlungsunfähigkeit, Insolvenz oder „Pleite“, wie eine Hamburger Tageszeitung bereits titelte, sei nicht zu befürchten.

Auch betriebsbedingte Kündigungen seien bisher ebenso wenig wie Appelle zu einem freiwilligen Gehaltsverzicht für kirchliche Angestellte, Priester und Bischöfe geplant, um die Finanzen zu sanieren, so der Verwaltungsdirektor. Wenn beispielsweise „ein Bildungshaus geschlossen“ werden müsste, werde man versuchen, das Personal an andere Orte kirchlichen Lebens zu versetzen.

Rückzug aus dem ländlichen Raum

Doch der bereits 2017 festgestellte Renovierungsstau in Höhe von 157 Millionen Euro bei den gut tausend Immobilien scheint weiterhin ungelöst und plagt weiterhin den Haushalt des Erzbistums. Ein zentrales Immobilienmanagement gebe es nicht im Ordinariat, da die meisten Immobilien im Eigentum der Pfarreien seien, so Becker. Werden die Pfarreien, nach dem vom Erzbischof angekündigten „Rückzug der Kirche aus dem ländlichen Raum“, Kirchen verkaufen? Becker wollte diese Perspektive nicht dementieren. Der Verkauf von Kirchen könne „unter Umständen“ geschehen, wenn Pfarreien dies beschließen würden, allerdings nur an Mitgliedskirchen der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen), nicht an islamische Verbände. Derzeit stockten diese Überlegungen aber, da man erst die Pfarreien des Bistums zu 28 „Pastoralen Räumen“ zusammenzulegen versuche.

Noch keine Entlastung

Die Pfarreien erhalten bislang nur 39 Prozent der Kirchensteuereinnahmen, im Erzbistum Köln hingegen immerhin 49 Prozent. Die Mittel der Pfarreien werden voraussichtlich auch um mindestens elf Prozent gekürzt werden, was für die Seelsorge wie die Immobilienpflege vor Ort erhebliche Einschnitte nach sich ziehen dürfte. Auf der Seite der defizitär arbeitenden 21 katholischen Schulen, denen 29 Prozent der Einnahmen aus Kirchensteuern zufließen sollten, scheint sich ein höherer Bedarf an Zuschüssen abzuzeichnen. Die angekündigte Schließung von sechs katholischen Schulen habe bisher noch für keine Entlastung des Haushalts gesorgt, eher im Gegenteil, so die Verwaltungsleute. Die in der Hamburger Öffentlichkeit stark kritisierten Schließungsbeschlüsse würden den Kirchenetat noch zusätzlich belasten, da Schüler von den von den Schließungsplänen betroffenen Schulen abgehen würden, aber die Kosten für die Lehrerschaft und die Gebäude gleich hoch geblieben seien.

Der Ausweg aus dem finanziellen Dilemma scheint nur durch eine Erhöhung der Einnahmen des Bistums möglich. Da der Hamburger Stadtstaat sich weiterhin weigert, die Schulen zu hundert Prozent zu bezuschussen, bliebe nur eine weitere Erhöhung des Schulgeldes, was man aber seitens des Ordinariates nicht anstrebt. Zusätzliche Einnahmen zu generieren hatte Erzbischof Heße durch einen Pfingstbrief an alle katholischen Kirchenmitglieder versucht.

Fundraising funktioniert nicht 

Der per Post versandte Spenderbrief, der Kosten von 159 000 Euro verursachte, brachte aber nur gut 50 000 Euro für einen „Corona-Hilfsfond“ ein, wie Bistumssprecher Manfred Nielen mitteilte. Auch der geplante Verkauf der vier katholischen Krankenhäuser des Erzbistums stockt derzeit, wie der Wirtschaftsdirektor mitteilte. Die Corona-Krise habe zu verminderten Einnahmen der Krankenhäuser geführt, weswegen man den geplanten Verkauf, den eine Kölner Kanzlei bewerkstelligen sollte, zunächst gestoppt habe.

Das größte Unheil für die Kirchenfinanzen droht wohl in Zukunft aus Verpflichtungen für Pensionen für kirchliche Beamte und Kleriker. Mit 170 Millionen Euro schlugen solche Verpflichtungen aus dem „katholischen Schulverbandes“ bereits 2017 zu Buche, als der vom heutigen Dompfarrer, Domkapitular und Dekan Peter Mies geleitete Verband vom Erzbistum wegen einer finanziellen Schieflage übernommen wurden musste. Die Pensionsansprüche sollen, laut Gutachten der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ernst & Young in den nächsten Jahren auf über 600 Millionen Euro ansteigen. Die eigentlich eingeplanten Zinseinnahmen aus den hohen Rücklagen des Bistums könnten derzeit wegen der Nullzins-Politik der Bundesbank und Bundesregierung nicht realisiert werden, so Becker und von Waldenfels.

Mission ist die Lösung

Eine Lösung der Probleme, erklärten die beiden Verwaltungsfachleute, seien nur durch eine „missionarische Kirche“ zu erreichen. Die Mitgliederzahlen dürften sich nicht halbieren, wie derzeit prognostiziert, sondern müssten sich verdoppeln oder verdreifachen bis zum Jahr 2050. Wenn der „Wind des Heiligen Geistes die Segel des Kirchenschiffes“ wieder fülle, so Becker, wenn „Ruhe“ für die Reformarbeit gegeben sei, dann blicke er optimistisch in die Zukunft des Kirchenschiffs im Norden.

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