Vatikanstadt/Washington D.C.

Der Weg von Rom nach Amerika gestaltet sich schwer

Die Päpste und die amerikanischen Präsidenten. Diese Geschichte der Beziehungen ist eine durchaus komplizierten Geschichte. Rom begegnet einem durch und durch protestantisch geprägten Staat.

Katholik trifft Katholik
US-Präsident John F. Kennedy besucht Papst Paul VI. am 2. Juli 1963 im Vatikan. Foto: imago

Die Gründerväter und die herrschende Oberschicht der Vereinigten Staaten gehörten protestantischen Kirchen an, das politische Establishment war dem Logentum verbunden. Mit der Sonderrolle des Hl. Stuhls im Zusammenleben der Staaten taten sich die USA lange schwer. Ein US-Bürger konnte nur einem Souverän dienen. 1821 stellte John Adams, der zweite Präsident der USA, die Frage, ob „eine freie Regierung ihre Existenz mit der römisch-katholischen Religion verknüpfen könne“. Um dennoch mit Rom ins Gespräch zu kommen, wählte man zunächst den Weg über konsularische Beziehungen zu den Päpstlichen Staaten. Sie leitete man 1782 durch informelle Gespräche ein, unter anderem in Begegnungen mit Benjamin Franklin. 1797 wurde erstmals ein amerikanischer Geschäftsmann als Konsul nach Rom entsandt – „to represent the United States in the Papal Dominions“.

A Roma Americae

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte man in Amerika beschlossen, George Washington mit den Bau eines Denkmals in der Hauptstadt des Landes zu ehren. Als Pius IX. davon erfuhr, sah er die Gelegenheit gekommen, die Beziehungen der katholischen Kirche zu den Vereinigten Staaten zu verbessern. Für das Monument stiftete er 1853 einen Marmorstein, der den Ruinen des antiken Tempels des Friedens, der beim Haus Cäsars gelegen ist, entstammte. Er trug die Inschrift „A Roma Americae“. Wenn auch Washington Mitglied einer Freimaurerloge war, so hatte er sich jedoch seinen katholischen Mitbürgern gegenüber nicht ablehnend oder feindlich erwiesen und zählte sogar Katholiken zu seinen persönlichen Freunden. Als es in den Jahren 1861 bis 1865 zum Amerikanischen Bürgerkrieg kam, wurde der Hl. Stuhl in die Ereignisse mit hineingezogen. Zwar war der Papst um Neutralität bemüht, doch ein Brief an den Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davies, den er mit der Anrede „The Hon. President of the Confederate States of America“ adressierte, wurde von antikatholischen Kräften zu einem Politikum hochstilisiert. 1864 bat der Vertreter der USA in Rom Pius IX., gegen die „Piratic Vessels”, die vor der Küste des Kirchenstaates auftauchten, einzuschreiten und ihr Einlaufen in den Hafen von Civitavecchia zu untersagen. Mit „Piratenschiffen“ waren die Handelsfregatten der Südstaaten gemeint, die dort Baumwolle zu entladen gedachten.

2. Weltkrieg machte US-Vertretung im Vatikan nötig

1865 wurde Abraham Lincoln in Washington ermordet. In das Attentat schienen auch Katholiken verwickelt zu sein; einer von ihnen war John H. Surratt, der nach Europa floh und als „John Watson“ in die päpstliche Armee eintrat. Surrat wurde jedoch enttarnt. Die Affäre drohte das brüchige Verhältnis zu den USA auf Schwerste zu belasten. Und so veranlasste Pius IX. die Auslieferung Surratts unter der Zusicherung eines fairen Prozesses.

Dass das erste Treffen eines amerikanischen Präsidenten mit dem Papst nicht dem vatikanischen Protokoll entsprach, zeigt eine Episode, die sich nach dem I. Weltkrieg ereignete, als Thomas Woodrow Wilson, aus Versailles kommend, in Privataudienz empfangen wurde: „An der Schwelle der Ehrenräume angekommen, übergab er seinen Zylinder unwillkürlich dem Türhüter, der sich vor ihm verbeugt hatte, und schritt durch die Türe, ohne den Mantel abzulegen“ (S. Negro). Der II. Weltkrieg machte eine amerikanische Vertretung im Vatikan nötig. Franklin D. Roosevelt ernannte den Industriellen Myron Charles Taylor 1939 zu seinem „personal envoy – persönlichen Gesandten“ beim Papst. Taylor nahm seine Berufung trotz protestantischer Proteste an. 1951 erwog Präsident Truman die Errichtung einer Botschaft beim Hl. Stuhl. Er nominierte den Vier-Sterne-General und Weltkriegshelden Mark W. Clark zum Botschafter. Doch Truman stieß auf heftigen Widerstand, so dass Clark auf seine Berufung verzichtete. Von 1951 bis 1968 waren die USA durch keinen offiziellen Repräsentanten im Vatikan vertreten.

Pius XII. erhob Kennedys Mutter zur Gräfin

1959 hieß Johannes XXIII. Dwight D. Eisenhower im Vatikan willkommen. Seitdem hat nun jedes bisherige amerikanische Staatsoberhaupt den persönlichen Kontakt zu den Päpsten gesucht. Mit John F. Kennedy traf 1963 der bisher einzige katholische Präsident der USA mit einem Papst zusammen. Paul VI. wies Kennedy in der Audienz darauf hin, dass seine Mutter von Pius XII. in den Rang einer Gräfin („papal countess“) erhoben worden war. Publikumswirksam, gleichsam wie „Epiphanien“, waren die Audienzen der Präsidenten Lyndon B. Johnson und Richard Nixon angelegt; beide benutzten einen Helikopter für ihren Besuch im Vatikan.

Schwierige Diplomatie

Die Präsidenten Nixon, Carter und Reagan ernannten wieder persönliche Vertreter beim Papst. Am 10. Januar 1984 gaben der Hl. Stuhl und die Vereinigten Staaten von Amerika bekannt, dass sie volle diplomatische Beziehungen aufnehmen würden. Mit dem Datum vom 7. Mai bestätigte der US-Senat William A. Wilson als Botschafter, der seit 1982 persönlicher „Envoy“ von Präsident Reagan war. Während der Amtszeit von Präsident Clinton waren die Beziehungen durch gravierende Meinungsverschiedenheiten getrübt, bedingt durch die Propagierung von Abtreibung und Sterilisation als Mittel der Familienplanung. Mit dem Methodisten George W. Bush sah sich der Papst in Fragen des Lebensschutzes und der Familienpolitik verbunden; in der Außenpolitik jedoch kam es zu Spannungen. Vor dem Ausbruch des zweiten Irakkriegs setzte der Papst all seine Kraft ein, eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Die Wertschätzung der USA für Johannes Paul II. wurde durch den Irakkrieg nicht getrübt. Sie zeigte sich, als der Papst 2005 verstarb. An den Beisetzungsfeierlichkeiten im Vatikan nahmen George W. Bush und seine Frau Laura, Außenministerin Condoleezza Rice und die früheren Präsidenten Bush Sr. und Clinton teil.

Sympathie und Antipathie

Im April 2008 besuchte Benedikt XVI. die USA. Der Pontifex wurde auf einem Luftwaffenstützpunkt in der Nähe von Washington von George W. Bush, dessen Frau Laura und Tochter Jenna begrüßt. Es war eine außergewöhnliche Geste. Erstmals hieß ein US-Präsident einen ausländischen Staatsgast an einem Flughafen persönlich willkommen. Der herzliche Empfang fand im Weißen Haus seine Fortsetzung, wo im Garten zu Ehren des Papstes, der am 16. April 1927 in Marktl am Inn zur Welt kam, eine kleine Geburtstagsparade gegeben wurde. Im Oval Office hielt man eine imposante Geburtstagstorte für Benedikt bereit. Mitte Juni 2008 traf George W. Bush mit Ehefrau Laura zu einem Besuch im Vatikan ein. Das Treffen mit dem Papst wich vom üblichen Protokoll ab. Benedikt XVI. empfing seine Gäste nicht im Apostolischen Palast, sondern beim Johannesturm in den Vatikanischen Gärten. „It's a great honour“, dankte Präsident Bush dem Papst für diese Auszeichnung. Die beiden letzten Pontifikate haben Papst und Präsident in ein Verhältnis zueinander gebracht, das nicht von kurialen Praktiken bestimmt wird. Es ist deutlich geprägt von Vorlieben und Abneigungen – Bilder vom Besuch Donald Trumps im Vatikan geben davon Zeugnis. Ob zum Nutzen oder Schaden vatikanischer Diplomatie mag dahingestellt sein.

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