Vatikanstadt

Der Showdown im Vatikan nimmt Fahrt auf

Für Kardinal George Pell ist es ein später Sieg. Die Degradierung Kardinal Angelos Beccius dürfte erst der Anfang eines großen Reinemachens sein. Sie hat Potenzial, zur Riesenblamage zu geraten.

Undurchsichtige Geldströme: Kardinal Becciu tritt zurück
Wenn Papst Franziskus im Vatikan durchgreift, rollen Köpfe. Diese Erfahrung hat Kardinal Angelo Becciu nun gemacht. Foto: dpa

Es ist eine Rückkehr mit symbolhafter Bedeutung: Dass der nach einem Jahr Haft freigesprochene Kardinal George Pell ausgerechnet jetzt im Vatikan eintrifft, da sein Rivale von einst gedemütigt wurde und wohl bald unter Anklage steht, kann man kaum anders als späte Genugtuung werten. Pell selbst scheint zu triumphieren. Als ihn die Nachricht erreichte, dass Papst Franziskus – es war der Donnerstagabend vergangener Woche – Kardinal Giovanni Angelo Becciu aus dem Amt des Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen gedrängt hat und der gebürtige Sarde, bis vor kurzem ein enger Vertrauter des Papstes, auf seine Rechte als Kardinal verzichten musste, setzte Pell im fernen Australien einen selbstbewussten Tweet ab: „Der Heilige Vater ist gewählt worden, um die Vatikanfinanzen zu säubern. Die Partie dauert lange und man muss ihm danken und zu den jüngsten Entwicklungen gratulieren.“

Ein Streit

Es war ein richtiger Streit gewesen, zu dem es zwischen Pell, dem damaligen Präfekten des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats, und Becciu in dessen früherer Eigenschaft als Substitut im vatikanischen Staatssekretariat gekommen war. Als sich der entlassene Kurienkardinal am vergangenen Freitagnachmittag vor eilig zusammengerufenen Journalisten gegen die von Franziskus erhobenen Vorwürfe verteidigte, hat Becciu darüber freimütig Auskunft gegeben: Mit Kardinal Pell habe es einen professionellen Kontrast gegeben, „weil er Gesetze anwenden wollte, die noch gar nicht erlassen waren“.

Es ging um das auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzte Vermögen des vatikanischen Staatssekretariats, das der als alter Rugbyspieler an harte Bandagen gewöhnte Pell auf seine energische Art unter die Kontrolle des Wirtschaftssekretariats bekommen wollte. Doch dann wurde der Zwist persönlich: „In Anwesenheit des Papstes“, erinnerte sich Becciu am Freitag vor den Journalisten, „diskutierten wir über die Verwendung der Gelder des Staatssekretariats. Ich gab Ratschläge und an einem gewissen Punkt hat er mich abgewiesen. ,Sie sind ein Ehrloser‘, sagte er – und ich habe die Geduld verloren. Ich gab zurück, meine Eltern hätten mich die Ehre gelehrt und das Wort unehrenhaft sei die schlimmste Beleidigung, die er mir zufügen konnte.“

Ein später Sieg

Jetzt schreiben die italienischen Medien, allerdings nur mit Berufung auf anonym bleibende „hohe Vatikanprälaten“, Franziskus sei nun entschlossen, dem Staatssekretariat jede Kontrolle über die eigenen Gelder zu nehmen und sie der Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls zu übertragen. Es wäre ein nachträglicher Sieg des ehemaligen Finanzaufpassers Pell– und das Staatssekretariat bliebe als eingedampfte Dienststelle auf der Strecke.

 

 

Rivalitäten zwischen Kardinälen hat es immer gegeben. Aber noch nie wurden sie so sichtbar wie jetzt. Ein Showdown im Vatikan. Der Fall Becciu markiert den Beginn eines Tauziehens höchsten Ranges. Denn es geht um sehr, sehr viel Geld. Dabei ist noch nicht ganz deutlich geworden, welcher schwerwiegender Vergehen sich der kaltgestellte Kardinal denn schuldig gemacht haben soll. Papst Franziskus habe ihn in einer Audienz am Donnerstagabend der Unterschlagung bezichtigt, sagte Becciu vor den Journalisten, und erklärte weiter, es ginge dabei um eine Summe von hunderttausend Euro, die auf seine Veranlassung hin 2017 aus dem Fonds des Peterspfennigs für caritative Zwecke an die Diözese Ozieri auf Sardinien geflossen seien, wo sie dazu dienen sollten, Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung und Flüchtlingshilfe einer gemeinnützigen Kooperative zu unterstützen, die als operativer Arm der diözesanen Caritas von Ozieri wirkt.

Diskrete Hilfe

Solche diskreten Hilfsleistungen, beteuerte Becciu vor den Journalisten, hätten durchaus in seiner Kompetenz als damaliger Substitut im vatikanischen Staatssekretariat gelegen – ein Amt, das er von 2011 bis 2018 innehatte.

Die neuen Vorwürfe gegen Becciu hatte vor mehr als einer Woche das italienische Wochenmagazin „L'Espresso“ publik gemacht. Ozieri ist die Heimatdiözese des gebürtigen Sarden Becciu. Aber, so schrieb „L'Espresso“, Leiter der besagten Kooperative ist der Bruder des Kardinals, Tonino Becciu. Inzwischen jedoch hat der Bischof von Ozieri, Corrado Melis, in einer Stellungnahme klargestellt, dass die hunderttausend Euro immer noch auf den Konten der Diözese liegen und noch nicht an die Kooperative weitergeleitet worden seien.

Hilfe für Brüder

Auf der Pressekonferenz wies Becciu Vermutungen zurück, er wolle seine Familie unterstützen. Denn „L'Espresso“ hatte aufgrund eigener Recherchen auch berichtet, dass Becciu früher schon dafür gesorgt habe, dass die Caritas von Ozieri zwei Mal jeweils dreihunderttausend Euro von der Italienischen Bischofskonferenz erhalten habe – ein Sachverhalt, den Becciu am Freitag nicht ableugnen wollte. Dass der Sarde in seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Angola und Kuba vor ungefähr zehn Jahren einen anderen Bruder, der Schreiner ist, mit Holz- und Reparaturarbeiten für kirchliche Gebäude beauftragt habe, wie „L'Espresso“ ebenfalls schrieb, bestätigte Becciu hingegen. Es sei damals eine Notlage und schwer gewesen, einheimische Schreiner zu besorgen. Dass er noch einem weiteren Bruder geholfen haben soll, dessen Bier zu vermarkten, wies der entlassene Kardinal vor den Journalisten jedoch entschieden zurück.

 

 

Für den Vatikan hat sich jetzt eine brenzlige Situation ergeben. Da Papst Franziskus Becciu aus dem Amt entlassen und ihm Unterschlagung vorgeworfen hat, steht nun ein schwerwiegender Verdacht im Raum. Zudem hat das Magazin „ L'Espresso“ weitere Berichte zum Fall Becciu angekündigt. Dabei geht es auch um die Rolle des ehemaligen Substituten bei der unglücklich verlaufenen Investition in die Londoner Luxus-Immobilie.

Verfahren im Vatikan

Die vatikanische Staatsanwaltschaft dürfte nun ein Verfahren gegen den zurückgetretenen Präfekten eröffnen. Becciu behauptete jetzt vor den Journalisten, der Papst sei falsch informiert worden, es handle sich bei der ganzen Angelegenheit nur um ein Missverständnis.

Die Vatikanjustiz steht also vor der Aufgabe, den Sarden wegen einer wirklichen Straftat von erheblichem Ausmaß zu überführen. Die Überweisung von Geldern des Staatssekretariats an eine diözesane Caritas reicht da nicht. Und zwischen Becciu und Pell ging es um einen Streit über Zuständigkeiten und vatikaninterne Kontrollmechanismen. Auch das dürfte nicht ausreichend sein, einen Kurienmann Jahre später öffentlich bloßzustellen und zu degradieren.

Londoner Luxusimmobilie

Allerdings warten noch weitere Beschuldigte auf ein öffentliches Verfahren. Dass der Fall der Londoner Luxus-Immobilie, in die man in der Amtszeit von Becciu als Substitut im Staatssekretariat Gelder investierte, nicht nur ein gigantisches Missgeschick war, das sich letztlich dem durch den Brexit verursachten Wertverlust des Anlageobjekts verdankte, weiß man seit einem Jahr, als die Vatikanjustiz fünf Mitarbeiter, darunter den ehemaligen Sekretär Beccius und den Direktor der Finanzaufsichtsbehörde AIF, vom Dienst suspendierte. Das alles muss jetzt aufgeklärt werden. Pell wurde nach Rom gerufen. Wird er ein Kronzeuge der Anklage sein.

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