Rom

Stefan Heid: Kernritus der Messe stand von Anfang an fest

Stefan Heid ist Kirchenhistoriker und Fachmann für Christliche Archäologie. Im Gespräch mit ihm geht es um die Frage, wie sich die Eucharistie ausgehend vom Abendmahlssaal Jesu Christi im Ritus des frühen Christentums weiter entwickelt hat.

Letztes Abendmahl
Im Abendmahlssaal begründete Jesus Christus die Opferhandlung, die dann ab der ersten Jahrhundertwende in jeder Ortskirche dargebracht wurde. Die Abbildung zeigt das letzte Abend- mahl in einem Fresko von Domenico Ghirlandaio, 1480. Kirche zum Heiligen Erlöser Allerheiligen, F... Foto: Wikicommons

Herr Professor Heid, am Gründonnerstag feiert die Kirche die Einsetzung der Eucharistie durch Jesus Christus beim letzten Abendmahl mit seinen Aposteln. Wie war dann die weitere Entwicklung hin zur regelmäßigen Feier der Eucharistie durch die Apostel und später ihre Nachfolger?

Vieles liegt da im Dunkeln, aber es ist hinreichend klar, dass zwei Dinge zusammengehören: Ortskirche und Eucharistie: Ekklesía und Eucharistía. Die moderne Wissenschaft ist groß darin, zentrale christliche Überlieferungen als Legende darzustellen, etwa das leere Grab Christi oder die Einsetzung der Eucharistie durch Christus, obwohl diese Elemente zu den bestbezeugten Christus-Überlieferungen gehören, die gerade deshalb mehrfach in den neutestamentlichen Schriften vorkommen, weil sie, je in ihrer Art, von fundamentaler Bedeutung für das Leben schon der ersten christlichen Generationen sind. Die Eucharistie ist eine von Christus für die gesamte Kirche gesetzte, originäre Kultüberlieferung und ist so von Anfang an die sakrale Kernhandlung jeder Ortskirche. Und das ist die Stadtgemeinde beziehungsweise dann Bischofskirche, nicht eine Hauskirche oder Pfarrei. Sie ist strikt an die apostolische Tradition gebunden, insofern sie von Christus selbst mit maximaler Autorität dem engsten Schülerkreis anvertraut wurde. 

"Mit der Eucharistie wurde nicht
experimentiert. Man machte keine
Mahlexperimente mal so und mal so"

Diese apostolische Bindung ist, soweit sich irgend nachweisen lässt, Grundvoraussetzung jeder Eucharistiefeier. Wie genau die apostolische Rückbindung in jeder Ortskirche wirksam geworden ist, lässt sich kaum mehr ermitteln. Dass sie aber entscheidend ist, sollte man nicht bezweifeln. Mit der Eucharistie wurde nicht experimentiert. Man machte keine Mahlexperimente mal so und mal so. Man suchte sich nicht in der paganen Umwelt den für sich selbst passendsten Mahl- und Opferritus aus. Sondern der Kernritus der Eucharistie mit Brot, Wein und Wandlungswort steht von Anfang an fest. Gerade das zeigt auch, dass die Eucharistie als Mysterium wirklich gehütet und tradiert wurde und nicht jedermann und jederfrau als Winkelfeier nach Gutdünken anvertraut wurde. Sie wurde auch keineswegs häufig begangen, lange Zeit überhaupt nur sonntags. Dass die Christen "täglich das Brot im Haus brachen", ist eine problematische Stelle der Apostelgeschichte. Gerade dass hier von täglicher Feier die Rede ist, macht es extrem unwahrscheinlich, dass die Eucharistie gemeint ist, zumal ja auch nicht vom Kelch die Rede ist. Allenfalls kann die Eucharistie als - gelegentlicher - Begleitritus eines Mahls mitgemeint sein. 

Was halten Sie von der weit verbreiteten Meinung, das Christentum habe anfangs keinen Kult und keine Opfer gekannt, sondern nur Liebes- und Sündermähler, die in Hauskirchen begangen wurden?

Die Christen haben tatsächlich Gemeinschaftsmähler gekannt, wie sie in der ganzen Antike verbreitet waren. Dieser Mähler trugen durchaus halb-rituellen Charakter. Anfangs waren sie allein schon deshalb ein Zeugnis der Einheit, weil Juden normalerweise nicht mit Heiden aßen, dies jedoch im gemeinsamen Christusglauben taten. Die Eucharistie war so gesehen nicht das eigentliche Zeichen der Einheit der Christgläubigen, sondern das gemeinsame Mahl, während die Eucharistie offenbar den Getauften vorbehalten war. Die gemeinsamen Mähler standen insofern in der Tradition der Sündermähler, als hier Nicht-Getaufte teilnehmen konnten. So muss man zumindest annehmen, auch wenn sich dieser Nachweis nur schwer erbringen lässt. Der Bezug von Taufe und Teilnahme an der Eucharistie ist aber doch schon im Neuen Testament selbst erkennbar. Spätestens ab der ersten Jahrhundertwende trennt sich die Eucharistie von den Mählern. Die Mähler finden nach antiker Tradition immer abends statt, und so bleibt es, während die Eucharistie am Morgen begangen wird, und zwar gerade auch wegen der eucharistischen Nüchternheit, das heißt weil man vor dem Verzehr der Eucharistie nichts essen will.

Der Vorsitz der Abendmähler, Agapen, liegt beim Bischof, der sich allerdings auch durch Presbyter und Diakone vertreten lassen kann. Die Abendmähler sind jedenfalls nicht einfach private Hausfeiern, sondern kirchliche Feiern. Sie haben auch mit der Pflicht jeder Ortskirche zu tun, Gastfreundschaft zu üben und Arme aufzunehmen. Es sind keine banalen Gelage, sondern mit Gebeten und biblischen Lesungen durchwirkte, durchgestaltete Mähler, zu denen aus Platzgründen normalerweise nicht alle beziehungsweise nur Geladene kommen können.

"Was die Eucharistie betrifft, so wird diese
völlig einmütig seit der Jahrhundertwende
als Opferfeier der Kirche aufgefasst,
wie auch immer man dies verstehen möchte"

Was die Eucharistie betrifft, so wird diese völlig einmütig seit der Jahrhundertwende als Opferfeier der Kirche aufgefasst, wie auch immer man dies verstehen möchte. Es gibt schlechterdings keine andere theologische Figur für die Eucharistie. "Mahl" ist keine frühchristliche Erklärungs- und Deutefigur der Eucharistie. Sie wird vielmehr, wenn sie erklärt wird, immer in alttestamentliche Deutetradition als Opfer sui generis verstanden, als die den Christen spezifische, von Christus begründete Opferhandlung, die nicht mehr nur in Jerusalem, wie die Opfer im Tempel, sondern in jeder Stadt des Erdkreises, das heißt in jeder Ortskirche, dargebracht wird (Mal 1,11).

 Auf welche Quellen kann man sich dabei stützen?

Hier sind die seit jeher einschlägigen Stellen bei Paulus, Plinius dem Jüngeren, dem Hebräerbrief, der Zwölfapostellehre, Justin dem Märtyrer und Tertullian von Karthago zu finden. Eine aktuelle Forschungsrichtung meint, man könne noch anhand von Tertullian und Cyprian von Karthago, also bis ins dritte Jahrhundert und darüber hinaus, zeigen, dass die Christen Agape und Eucharistie in einem einzigen, ausgedehnten Mahltreffen feierten. Es habe im frühen Christentum keine Einheitslinie gegeben, auch keine Grenze von Sündern, Getauften, Sakralität und Profanität. Das steht aber auf klapprigen Beinen. Schon Plinius beobachtet, dass die Christen morgens und abends unterschiedliche Feiern haben. Vor allem Tertullian und Cyprian unterscheiden unmissverständlich zwischen der morgendlichen Eucharistie, die als Opfer (sacrificium) bezeichnet wird, und dem abendlichen Gemeinschaftsmahl (convivium). Es ist leider bis in die Theologie hinein heute nicht mehr klar, dass die frühen Autoren mit "convivium" (Mahl) gerade nicht die Eucharistie bezeichnen, sondern die abendliche Agape. Die Eucharistie ist somit gerade nicht das "Abendmahl". Erst als im vierten Jahrhundert das abendliche Gemeinschaftsmahl vor allem aus praktischen Gründen nicht mehr praktiziert wird, übernimmt die Eucharistie die Vorstellung vom "Abendmahl" (convivium). Das ist aber eine späte Entwicklung, die mehr der katechetischen Phantasie entspringt. So bezeichnen dann etwa Johannes Chrysostomus und Augustinus die Eucharistie als heiliges Mahl und verwenden Metaphern wie: zum Tisch des Herrn gehen, am Tisch des Herrn liegen. Damit will aber keiner der Kirchenväter je bestreiten, dass der Priester eine Opferhandlung am "heiligen Tisch" vollzieht.

Am Gründonnerstag wird aber auch der Einsetzung des Weihepriesteramts durch Jesus Christus gedacht. Wann hat die frühe Kirche diese Verbindung von Eucharistie und Weiheamt erstmals formuliert?

Das ist ein schwieriges Thema, das genau untersucht werden müsste. Es ist schwer belastet durch die falsche Annahme, es habe so etwas wie Hauskirchen gegeben. Auf diesem Wissenschaftsmythos beruhen dann alle heutigen Interpretationen beziehungsweise Ablehnungen des Weiheamtes. "Episkopen" und "Presbyter" sind nicht "Hausväter", sondern Amtsbezeichnungen für die Verantwortungsträger der Ortskirche. In jeder Ortskirche gibt es bestellte Episkopen beziehungsweise Presbyter. Bereits im zweiten Jahrhundert gibt es immer nur einen einzigen Ortsbischof, während die anderen Presbyter untergeordnet sind und als Kollegen und Vertreter des Bischofs fungieren. Die Presbyter sind jene, die in seinem Auftrag die Eucharistie feiern dürfen. Es gab bei ihrer Bestellung zweifellos einen Ritus (Handauflegung). Die Bezeichnung "Priester" für die Episkopen und Presbyter begegnet uns erst um 200 bei Tertullian und anderen. Aber schon der Erste Klemensbrief vor 100 beansprucht das maximale Prestige für die kirchlichen Ämter. Sie haben nichts mit weltlichen Ämtern, etwa Magistraten oder städtischen Kultbeamten zu tun. Ihre Wurzeln liegen in der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Sie sind nicht identisch mit den Ämtern des Jerusalemer Tempels, sie setzen diese auch nicht fort. Sondern die Ämter der Kirche sind von Gott, Christus und den Aposteln neu begründet worden. Aber die christlichen Ämter nehmen an den Tempeldiensten doch ihr Maß, denn sie können nicht "weniger" als diese sein. Insofern die Diener der Kirche "die Opfer darbringen" (Erster Klemensbrief), sind sie also gewiss nicht weniger Priester als jene des Alten Bundes. 

Geht auch das dreistufige Weiheamt - Diakon, Priester, Bischof - auf die apostolische Zeit zurück?

"Es gibt über die Ursprünglichkeit und Apostolizität
des dreigliedrigen Amtes frühkirchlich keinen Dissens.
Dissens besteht allenfalls über die Legitimität einzelner Amtsträger"

Zweifellos, denn diese Ämter finden sich bereits im Neuen Testament. Es ist auch ein atemberaubendes Faktum, dass sich die Dreierstruktur des kirchlichen Amtes in allen Ortskirchen der gesamten Welt gleich ausbildet. Es gibt über die Ursprünglichkeit und Apostolizität des dreigliedrigen Amtes frühkirchlich keinen Dissens. Dissens besteht allenfalls über die Legitimität einzelner Amtsträger.

Was sagen uns die allerersten Kirchenbauten über das Eucharistieverständnis des frühen Christentums?

Stefan Heid, Rektor des Päpstlichen Instituts für Christliche Archäologie in Rom

Die archäologisch frühesten Kirchenbauten stammen aus dem dritten Jahrhundert. Es handelt sich um die schon lange bekannte Kirche von Dura Europos, die heute in Jordanien liegt, und um das erst vor wenigen Jahren entdeckte Oratorium von Megiddo bei Nazareth. Der langestreckte Kirchensaal von Dura Europos ist mit dem Kopfende geostet. Dort ist ein Podium, das für den Altar gedient haben dürfte. Es ist der einzige Kirchenraum der Stadt, also die Bischofskirche. Hauskirchen gibt es nicht. Das ist auch klar, weil der Kirchenkomplex einen Taufraum aufweist. Die Ostung des Langraums deutet auf die Feier der Eucharistie hin, insofern sie Christus, der im Osten aufgehenden Sonne der Gerechtigkeit, dargebracht wird. Gerade im Orient ist diese Symbolik früh und stark bezeugt. 
Megiddo ist insofern bemerkenswert, als hier mitten im Raum der Altarblock erhalten ist, und nicht etwa der Rest eines Pfeilers. Damit ist die populäre Auffassung, die Christen hätten anfangs nur Holzaltäre benutzt, erledigt. Wichtiger aber ist, dass eine Bodeninschrift direkt beim Altar alles klärt: "Die gottliebende Akeptous hat den Tisch (dem) Gott Jesus Christus zum Gedächtnis dargebracht". Es handelt sich also um einen Stiftungsaltar, der hier als Tisch bezeichnet wird. Damit ist in keiner Weise ein "Mahltisch" zu assoziieren, denn das griechische Wort "Tisch" bezeichnet auch den Altar, genauer den Sakraltisch beziehungsweise "heiligen Tisch", der ausschließlich Kultzwecken dient. Von einem solchen Sakraltisch - samt Sakralkelch - für die Eucharistie spricht schon Paulus (1 Kor 10,21).

Kannte die frühe Kirche den Dienst von Laien am Altar?

"Seit dem vierten Jahrhundert ist davon auszugehen,
dass der Altarbereich durch Schranken geschützt ist.
Hier festigt sich die Vorstellung von dem für Kleriker reservierten Raum"

Seit dem ersten Jahrhundert wird zwischen Klerikern und Laien unterschieden. Es ist völlig klar und braucht nicht eigens festgehalten zu werden, dass der Altar, von dem die Christen ebenfalls bereits seit dem ersten Jahrhundert sprechen (Hebr 13,10), sozusagen der Dienstplatz des Klerus ist. Man sollte aber auf keinen Fall daraus eine überdrehte Vorstellung von Tabu aufrichten. Selbstverständlich durften Laien gelegentlich zum Altar hintreten. Hier gab es aber örtliche Unterschiede, zu welchen Gelegenheiten etwa Laien an den Altar herantreten durften, etwa zur ersten heiligen Kommunion oder zur Verehrung der Altarreliquien. Seit dem vierten Jahrhundert ist davon auszugehen, dass der Altarbereich durch Schranken geschützt ist. Hier festigt sich die Vorstellung von dem für Kleriker reservierten Raum. Für die verschiedenen Formen des Altardienstes selbst ist das Bischofs-, Presbyter- und Diakonenamt vorgesehen. Alle weiteren Dienste dienen nicht direkt dem Altar, sondern sind sozusagen Zulieferdienste für die genannten Amtsträger. "Laien am Altar" im Sinne von Amtshandlungen durch Laien am Altar ist für die frühe Kirche ein Widerspruch in sich.

Mit Blick auf den kommenden Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt hat es Bestrebungen gegeben, die Mahlgemeinschaft von Katholiken und Protestanten zuzulassen, weil in der Amtsfrage inzwischen ein ökumenischer Konsens erreicht worden sei. Dem hat Kardinal Kurt Koch vom vatikanischen Einheitsrat widersprochen. Wie sehen Sie das? Feiern die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften die Eucharistie heute im Kern noch so wie in der Frühzeit des Christentums? 

So allgemein gefragt, bestimmt nicht. Kalvinisten haben mit dem frühchristlichen Eucharistieverständnis so gut wie nichts gemein. Bei Luther ist das schon anders. Er steht noch stark in der mittelalterlichen Eucharistiefrömmigkeit. Aber das heutige Luthertum, das auf der Grundlage der Leuenberger Konkordie mit den Kalvinisten Abendmahlsgemeinschaft praktiziert, hat mit Luther wohl nur noch Spurenelemente gemein. Es gibt also nach Jahrhunderten stabiler Konfessionalität eine rapide Erosion, insofern man sich zentraler reformatorischer Bekenntnisse entledigt. Das lässt dieselben selbstkritischen Fragen bei den Katholiken aufsteigen: Haben heute der landläufige Liturgieglaube und die gewöhnliche katholische Eucharistiepraxis wirklich noch mit dem Bekenntnis und der Liturgiepraxis des Trienter Reformkonzils zu tun, wie sie das Zweite Vatikanischen Konzil eigentlich noch bestärken und erneuern wollte? Ist also nicht auch der Katholizismus von seiner jahrhundertelang gültigen Form weit abgerückt?

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