IM BLICKPUNKT

Der Keil zwischen Papst und Kurie

Papst Franziskus spricht gerne in Rätseln - das lässt viel Raum für Interpretation, der auch in den Medien gerne genutzt wird, um einen Keil zwischen die Kurie und den Papst zu treiben. Gewisse Uneinigkeiten zwischen Franziskus und den Vatikanverantwortlichen bestehen aber tatsächlich.

Weihnachtsaudienz für die Römische Kurie
Wie nah steht der Papst der Kurie wirklich? In der medialen Berichterstattung werden immer wieder Uneinigkeiten von Papst und Kurie betont. Foto: Andrew Medichini (AP pool)

Dass die nicht immer präzise Kommunikation von Papst Franziskus Spielräume für alle möglichen Interpretationen öffnet, ist bekannt. Unvergessen bleibt seine Antwort beim Besuch der lutherischen Gemeinde Roms 2015 auf die Frage eines gemischtkonfessionellen Ehepaars nach dem gemeinsamen Empfang der Kommunion: „Sprecht mit dem Herrn und geht voran.“ Deutsche Bestrebungen, die Mahlgemeinschaft einzuführen, stützten sich dann auf diesen Satz wie auf ein tragfähiges Fundament.
Doch inzwischen ist es fast zu einem Ritual geworden, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze von Papst Franziskus zum Mittel purer Desinformation zu nutzen.

Interpretation in Angelus-Gebet: Franzikus will Segnung homosexueller Paare relativieren

Sein beim Gebet des Angelus am 21. April gesprochener Halbsatz, dass die Gnade des Herrn auch dann Frucht trage, wenn der Boden „aufgrund der Anmaßungen von Legalismen oder klerikalen Moralismen“ trocken sei, wurde direkt so interpretiert, als habe er damit die Note der Glaubenskongregation zu den Segnungen homosexueller Paare relativieren wollen. Der Journalist Gerard O'Connel schrieb das für die Jesuiten-Zeitschrift „America“, seine Frau Elisabetta Piqué für das argentinische Blatt „La Nación“. Und sofort beteten es alle nach, die in Franziskus seit langem schon einen unsicheren Kantonisten sehen.

Zuletzt dann die Nachricht, die Kardinäle Luis Ladaria und Kurt Koch hätten den Vorsitzenden der deutschen Bischöfe, Bischof Georg Bätzing, wegen seines Interviews mit der „Herder-Korrespondenz“ zu den Zielen des Synodalen Wegs zum Gespräch in den Vatikan einbestellen wollen, doch der Papst habe das nicht gewollt.

Uneinigkeiten zwischen Papst und Kurie sorgen für Verwirrung bei den Gläubigen

Auch für diese Nachrichten dienten wie so oft vor allem in den angelsächsischen Medien „führende Kurienmitarbeiter“, die jedoch „anonym bleiben“ wollten, als – schwacher – Beleg. Nun hat der offensichtliche Versuch, einen Keil zwischen den Papst und die Kurie zu treiben, einen wahren Kern: Mit seiner Entscheidung, nach der Wahl im vatikanischen Gästehaus Santa Marta zu bleiben und sich dort einer Art Parallelkurie zu bedienen, hat Franziskus tatsächlich gleich zu Beginn seines Pontifikats einen Graben der Distanz zwischen sich und dem Rest der Vatikanverantwortlichen gezogen. Aber diese Lesart ist ein Grundmuster der Berichterstattung über die Vorgänge in der römischen Kurie geworden.

Das Ergebnis: Viele Gläubige sind verwirrt. So verwirrt wie vor fast drei Jahren, als sich Glaubenskongregation und Rat für Gesetzestexte darum bemühten, die deutschen Bischöfe beim Kommunionstreit wieder auf eine klare gemeinsame Linie zu bringen und der Papst dank eines mit dem berühmten „F“ abgezeichneten Vermerks für Kardinal Reinhard Marx alles in der Schwebe ließ.
In der medialen Darstellung des Vatikans den Papst von der Kurie zu trennen, ist eine Methode, der sich zwei ganz unterschiedliche Lager bedienen: Die einen tun es, um dem „Apparat“ zu schaden, in dem sie die Bremser und Blockierer von Reformen vermuten. Die anderen tun es, um Franziskus zu desavouieren, dessen rein pastoraler Ansatz in Glaubensdingen auch einem zwei Mal zwei fünf sein lasse.

Franziskus' Aussagen im Licht der Tradition und der Lehre seiner Vorgänger sehen

Bei dieser oft sehr subjektiv geprägten Nachrichtenlage aus Rom gibt es für den einfachen Gläubigen nur eine Möglichkeit: Alles, was Franziskus in Fragen der Lehre und der Disziplin sagt, im Licht der Tradition und der Lehre seiner Vorgänger zu lesen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!