Tours

Der Heilige Martin rang mit dem Teufel

Martin von Tours besaß ein feines Gespür für die Unterscheidung der Geister. Das ihm half, den Versuchungen des Teufels zu widerstehen. Von seinem geistlichen Lehrer Hilarius von Poitiers wusste er, was es bedeutet, gegen Irrlehren und satanisches Blendwerk zu kämpfen

Heiliger Martin
Der Finger der Martinsstatue auf dem Martinsweg zwischen Chinon und Langeais weist die Menschen auf den Himmel hin. Foto: KNA
  • Martin vor Tours hatte ein gutes geistliches Gespür.
  • Der Heilige war auch intellektuell beschlagen, er war ein gelehriger Schüler seines Lehrers Hillarius.
  • Von Gott soll man nicht nach menschlichen Maßstäben denken. 

Eine Szene in der „Vita Martini“ des Sulpicius Severus schildert, wie der Teufel Martin versuchte, indem er ihm in seiner Mönchszelle erschien, umstrahlt von Purpurlicht, umhüllt von einem Königsmantel, gekrönt mit einem edelsteinfunkelnden, goldenen Diadem. Satan gab sich als Christus aus, der im Begriff sei, auf die Erde herniederzusteigen, und sich ihm zuerst offenbaren wollte. Nach Augenblicken des Schweigens antwortete Martin: „Jesus, unser Herr, hat nicht gesagt, dass er im Purpur und im Glanze einer Krone wiederkommen werde. Ich kann nicht glauben, dass Christus anders gekommen wäre als in jener Haltung und äußeren Gestalt, so wie er gelitten, also mit den Wundmalen des Kreuzes.“ Nach diesen Worten verschwand der Teufel sogleich. Der Biograph, ein Zeitgenosse des Heiligen, versicherte, er habe dieses Vorkommnis wortgetreu nach den Aussagen Martins erzählt.

Gutes Gespür

Woher hatte Martin das Gespür für das satanische Blendwerk? Woher kannte er dessen Schliche, sich als Engel des Lichtes auszugeben, wie Paulus warnend im zweiten Brief an die Korinther geschrieben hatte? Sulpicius Severus sagte, es sei Martin durch eine Geistesoffenbarung kundgeworden, dass nicht Gott, sondern der Teufel vor ihm stehe. In der spätantiken Hagiographie war dies eine naheliegende Erklärung.

Große Fortschritte

Dennoch darf gefragt werden, ob es nicht noch eine weitere Voraussetzung gab, die den heiligen Martin zu dieser Unterscheidung der Geister befähigte. „Vor einem warne ich: Hütet euch vor dem Antichrist!“ Mit diesen Worten hatte Martins geistlicher Lehrer, Bischof Hilarius von Poitiers im Jahre 364 oder 365 vor dem arianischen Bischof Auxentius von Mailand gewarnt, der nur zugestehen wollte, der Sohn sei dem Vater ähnlich, nicht aber gleichen Wesens mit ihm, also ewig und unerschaffen. Martin stand, nachdem er den Militärdienst verlassen hatte, für mehr als zehn Jahre (356–367) mit dem Bischof von Poitiers in engem Kontakt, wo, wie es im Römischen Brevier am 14. Januar heißt, „Martin in seiner Schule jene großen Fortschritte machte, die seine Heiligkeit später offenbarte“. Nahe der Bischofsstadt gründete Martin 361 eine Asketengemeinschaft in Ligugé, das erste Kloster auf gallischem Boden. Zuvor hatte er sich nach einer Missionsreise in seine Heimatregion Pannonien (Ungarn) kurz in Mailand aufgehalten, wo der von Hilarius scharf attackierte Bischof Auxentius die Hauptstütze des Arianismus im Abendland war.

Die spätere Warnung seines bischöflichen Lehrers Hilarius vor dem Antichrist dürfte sich Martin aufgrund seiner persönlichen Erinnerungen die eigenen Erlebnisse in Mailand tief eingeprägt haben, zumal der Bischof von Poitiers auch sonst wiederholt von dem endzeitlichen Gegenspieler Christi beziehungsweise seinen Vorläufern in der Gegenwart sprach. Der pro-arianische Kaiser Konstantius II. beispielsweise, der ebenso Hilarius wie Athanasius von Alexandrien wegen ihrer unverbrüchlichen Treue zum Glaubensbekenntnis von Nizäa (325) in die Verbannung geschickt hatte, war für den Bischof von Poitiers gleichermaßen ein solcher Vorläufer des Antichrist, korrumpierte er doch den Episkopat durch zahlreiche Gunsterweise, sofern die Bischöfe sich willfährig den Vorgaben seiner Religionspolitik beugten.

Ein Scheinfrieden

Hilarius schrieb in seiner Kampfschrift „Gegen Konstantius“: „Er überhäuft uns mit seinen Gaben, um uns zu seinen Sklaven zu machen; er stiftet der Kirche Gotteshäuser, um den Glauben zu zerstören.“ Ebenso zitierte Hilarius die Warnung des Apostels Paulus, dass Satan selber sich das Aussehen eines Lichtengels gebe und seine Diener sich als Diener der Gerechtigkeit ausgäben (vgl. 2 Korinther 11,14f). Auch Kaiser Konstantius II. schützte des hehre Ziel der Einheit und des Friedens in seinem Reich vor, um die kontroversen Diskussionen über die Wahrheit des Glaubens an die Gottheit Christi zu unterdrücken. Hilarius demaskierte diesen vom Herrscher dekretierten Scheinfrieden als „Einigkeit in der Gottlosigkeit“, zu der sich die korrumpierten Bischöfe herbeiließen.

Kritik am Arianismus

Doch nicht nur die kaiserliche Religionspolitik wurde von Hilarius schonungslos entlarvt. Auch die arianische Irrlehre unterzog er einer tiefschürfenden Kritik. Was veranlasste die arianischen Theologen letztlich, dem Sohn das göttliche Wesen abzusprechen und ihn nur als Gottes erstes und vollkommenstes Geschöpf gelten zu lassen? Es war das Bestreben, das christliche Gottesbild den Standards des aufgeklärten Denkens der Zeit anzugleichen. Im Rahmen des späteren Platonismus erschien nur ein streng philosophisch gefasster Monotheismus akzeptabel. Der Glaube an die Gottessohnschaft musste daher neu interpretiert werden, um sich in diese Plausibilitätsstrukturen der glaubenslosen Zeitgenossen einfügen zu können. Hilarius erblickte die Verfehlung der arianischen Irrlehre darin, dass „sie Gott nicht nach Gottes eigener Kundgabe, sondern nach ihrem willkürlichen Urteil bemisst“.

Ein eigener Glaube

Die Arianer konstruierten sich ihren eigenen Glauben, um „sich an die Weisheit dieser Welt anzupassen“, schrieb Hilarius aus dem Exil in seinem Werk „Über die Dreifaltigkeit“. Doch, so fragte er weiter, „welchen Respekt verdient eine Lehre, wenn man nicht danach verlangt, was man lehren muss, sondern sich nach den eigenen Wünschen die Lehre zusammenstellt?“

Die trügerische Raffinesse der arianischen Theologen bestand nun aber darin, weiterhin einzelne Aussagen des Glaubensbekenntnisses zu verkünden, beispielsweise die Einheit Gottes zu betonen oder vom Sohn Gottes, allerdings im rein metaphorischen Sinne, zu reden, um durch vorgetäuschten Glauben die Irrlehre zu propagieren. „Mit dem Glauben der Kirche kämpfen sie gegen den Glauben der Kirche“, protestierte der Bischof von Poitiers, um den selektiven Gebrauch des kirchlichen Credo seitens der Irrlehrer zu entlarven.

Denken wie Gott

Wenngleich Martin von Tours nicht in die dogmatischen Kontroversen seines Jahrhunderts involviert war, erwies er sich dennoch als gelehriger Schüler des heiligen Hilarius. Dieser warnte immer wieder vor den Täuschungsmanövern des Antichrist, deren Anzeichen er ebenso in der sogenannten Friedenspolitik des Kaisers wie im Rationalismus und Pseudo-Glauben der Arianer aufdeckte.

Der Bischof von Poitiers hatte gleichermaßen das Kriterium des wahren Glaubens prägnant formuliert: „Von Gott darf man nicht nach menschlichen Maßstäben denken. … Von Gott muss man lernen, wie man von Gott zu denken hat; denn er wird nur erkannt, indem er sich selbst zu erkennen gibt.“

Newman war beeindruckt

So konnte auch Martin dank seines geistlichen Lehrers Hilarius sich dieses Kriteriums bedienen, um die glänzende Fassade zu durchschauen, hinter der sich der Widersacher Gottes verbarg. Martin fragte nach den Malen der Nägel, nach den Spuren des Kreuzes, denn nur so hatte der Gottessohn sich den Menschen zu erkennen gegeben.

John Henry Newman, der sich zeitlebens mit dem modernen Rationalismus und Liberalismus in Kirche und Gesellschaft auseinandergesetzt hatte, kommentierte in seinen „Historischen Skizzen“ diese Begegnung in aktualisierender Weise: „Die Anwendung dieser Vision auf Martins Zeit ist offensichtlich; ich meine, sie bedeutet heute, dass Christus nicht im Stolz des Intellektes oder mit philosophischer Reputation kommt. Dies sind die glänzenden Gewänder, in die sich Satan jetzt kleidet. Viele Geister schweifen umher, noch mehr steigen aus dem Abgrund empor (vgl. Offenbarung 20, 3); die Beglaubigungen, die sie vorweisen, sind die kostbaren Geistesgaben, Schönheit, Reichtum, Tiefe, Originalität. Christ, schaue genau auf sie hin, zusammen mit Martin in Schweigen, und frage sie nach dem Mal der Nägel.“

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