Josefsjahr

Heiliger Josef: Ein wahrer Liebender

Der Heilige ist nach wie vor ein Vorbild für Familienväter. Das Josefsjahr bietet die Chance, den stillen Heiligen neu kennen zu lernen. Seine Liebe überschreitet Grenzen.

Der Heilige Josef: Ein Vorbild auch für heutige Väter.
Ein Vorbild auch für heutige Väter: Der Heilige Josef mit seiner Familie in seiner Werkstatt hier dargestellt auf einem Gemälde von Juan del Castillo (1590-1658). Foto: Picasa (imago stock&people)

Er hat kein Wort gesagt, er kam in den Nachrichten seiner Zeit nicht vor, er war bescheiden und gehorsam: Josef, der Nährvater Jesu. Selbst bei allem guten Willen stößt man bei dem Versuch, ihn als Vorbild vorzuschlagen, auf Klischeevorstellungen, die ihn dem normalen Leben und den damit verbundenen Problemen als abgewandt und fernstehend erscheinen lassen.

Am 8. Dezember wurde die Eröffnung des Josefsjahres verkündet, das bis zum 8. Dezember 2021 dauern wird. Anlass war der hundertfünfzigste Jahrestag des Dekrets „Quemadmodum Deus“, mit dem der selige Pius IX. den heiligen Josef zum Schutzpatron der katholischen Kirche proklamiert hatte. 

Ein Josefsjahr

Aus diesem historischen Anlass hat Papst Franziskus ein apostolisches Schreiben mit dem Titel: „Patris Corde“ (Mit väterlichem Herzen) verfasst, in dem er offiziell ein dem heiligen Josef geweihtes Jahr ausruft und die Gründe dieser Entscheidung darlegt. Es ist ein sehr schönes, nicht allzu langes Schreiben, das eine zusammenfassende Katechese über die Gestalt des heiligen Josef enthält. Ich lege allen ans Herz, es zu lesen. Im Wesentlichen werden sieben besondere Eigenschaften des heiligen Josef in sieben Kapiteln beschrieben, in denen der Papst die Kernpunkte seiner Lehre über den heiligen Josef entwickelt:

  1. Geliebter Vater
  2.  Vater im Erbarmen
  3. Vater im Gehorsam
  4. Vater im Annehmen
  5. Vater mit kreativem Mut
  6. Vater und Arbeiter
  7. Vater im Schatten. 

Ein auffallender Aspekt findet sich am Ende des Briefes, wo ein Thema angesprochen wird, das der Papst in seiner ganzen Dramatik für unsere Zeit herausstellt. Er geht von einer Anklage aus: „In der Gesellschaft unserer Zeit scheinen die Kinder oft vaterlos zu sein. Auch die Kirche von heute braucht Väter.“ Das Thema ist von größter Aktualität, doch es wird oft nicht beachtet oder sogar missverstanden. In der Tat können wir nunmehr seit Jahrzehnten beobachten, wie sich der Vater in unserer Gesellschaft nicht mehr als derjenige wahrnimmt, der die Wahrheit besitzt und aufgerufen ist, sie den Kindern zu vermitteln. Dies ist das Resultat einer Epoche, die von einer Fragmentierung des Wissens, von moralischem Relativismus, von einem Pluralismus der Verhaltensweisen und nicht zuletzt von einem Abdriften von der Geschlechtsidentität beherrscht wird, die nicht nur zunehmend die Rollen von Mann und Frau, sondern das Mann- und Frau-Sein an sich in Frage stellt und am Ende „hybride Ungeheuer“ hervorbringt. 

Rolle der Väter

Aus diesem Grund haben die Väter von heute – im Gegensatz zu den Müttern, deren Rolle als wichtigste Erziehungsperson der Kinder von der Tradition gefestigt wurde – große Schwierigkeiten, sich in einem Vorbild wiederzuerkennen. Gleichzeitig leiden sie jedoch auf mehr oder minder bewusste Weise unter diesem Mangel an Identität und suchen, da sie keinen präzisen Status besitzen, nach einer neuen Rolle – eine mühsame Suche, die häufig zu Niedergeschlagenheit, wenn nicht gar zum Aufgeben und nicht zuletzt zu falschen Ansichten über die Vaterschaft führt.

Vor den Hintergrund dieser Sachlage stelle ich die Provokation von Papst Franziskus: „Als Vater wird man nicht geboren, Vater wird man“, indem man sich um ein Kind kümmert und die Verantwortung für sein Leben übernimmt. Daraus folgt, so fährt der Papst fort: „Eine Vaterschaft, die der Versuchung widersteht, das Leben der Kinder zu leben, eröffnet immer neue Räume. Jedes Kind trägt ein Geheimnis in sich, etwas noch nie Dagewesenes, das nur mit Hilfe eines Vaters zur Entfaltung gebracht werden kann, der seine Freiheit respektiert; eines Vaters, der sich bewusst ist, dass sein erzieherisches Handeln erst dann zum Ziel kommt und dass er erst dann sein Vatersein ganz lebt, wenn er sich ,nutzlos‘ gemacht hat, wenn er sieht, dass das Kind selbstständig wird und allein auf den Pfaden des Lebens geht.“ 

Ein echter Vater

Angesichts dieser lehramtlichen Aussagen des Papstes über den heiligen Josef halte ich es für notwendig, mit einigen Klischeevorstellungen aufzuräumen, die den heiligen Josef nicht als „echten“ Vater betrachten und ihn von daher als jener Autorität beraubt ansehen, die ihn zu einem Vorbild für die Väter von heute machen kann. Das erste Klischee, warum der heilige Josef kein echter Vater sei, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass er Jesus nicht gezeugt hat. Es ist wahr, dass die physische Zeugung fehlt, doch diese begründet nicht ontologisch das Vater-Sein. Natürlich kann man Vater sein, weil man ein Leben mehr oder weniger bewusst zeugt. Dafür reichen ein paar Sekunden. Etwas anderes bedeutet es, ein „Vater“ zu sein und diese Rolle zu verstehen und auszuüben. Dafür reicht ein Leben oft nicht aus. In diesem Sinne können wir sagen, dass die Vaterschaft des heiligen Josef  nicht fiktiv, sondern real und konkret ist. Die Evangelienberichte über die Kindheit sagen, dass der heilige Josef seine Vaterschaft durch klar bestimmte Gesten ausübt: die Annahme des  ungeborenen Kindes, die Eintragung Jesu ins Einwohnerverzeichnis, die Namensgebung, die Beschneidung, die Darstellung im Tempel, Schutz, Unterhalt, Erziehung, Arbeit. Alles Aspekte, die sich bei einem guten Familienvater wiederfinden und von der jüdischen Tradition sanktioniert waren. 

Ein echter Mann

Das zweite Klischee besagt, die soeben aufgezählten Aspekte zeigten eine Art und Weise Mann zu sein auf, die für das heute vorherrschende Bild von „Männlichkeit“ sicher nicht verlockend sei. Tatsächlich geht aus ihnen das Bild eines heiligen Josef hervor, der gehorsam, bescheiden, keusch, von Pflichtbewusstsein beseelt, opferbereit und ein selbstloser Beschützer ist – alles Eigenschaften, die in unserer Kultur, die von einem Bild des Mannes als „Macho“ beherrscht wird, der körperlich fit, jugendlich und trendig ist, als wenig begehrenswert für einen Mann erscheinen. Sie würden vielmehr einen Angriff auf seine „Männlichkeit“ darstellen und jenes Selbstwertgefühl auf eine harte Probe stellen, das er zu besitzen scheint, das sich jedoch auf lange Sicht als fragil und oberflächlich erweist. 

Bischof Gregor Maria Hanke zum Josefsjahr

 

Echte Keuschheit

Unter den Eigenschaften des heiligen Josef weist der Papst auf eine hin, die uns hilft, sowohl die eheliche Beziehung als auch die Vaterschaft eines jeden Mannes besser zu verstehen: die „Keuschheit“. Franziskus verwendet sogar – möglicherweise bezugnehmend auf die Litaneien des heiligen Josef – den Superlativ „Allerkeuschester“ [im italienischen Text steht der Superlativ „castissimo“; in der deutschen Übersetzung wird dies einfach mit „keusch“ wiedergegeben; Anm. d. Übs.], eine Haltung, die „das Gegenteil von ,besitzergreifend‘“ bedeute. Er habe vermocht, „in außerordentlicher Freiheit zu lieben“ und es verstanden, „zur Seite zu treten“ und nicht sich selbst, sondern „Maria und Jesus zur Mitte seines Lebens zu machen“. Sein Glück gründe auf der „Selbsthingabe“. Die auf diese Weise verstandene Keuschheit des heiligen Josef muss uns darüber nachdenken lassen, wie es möglich ist, dass der Dialog innerhalb des Ehepaares nicht nur auf Botschaften mit körperlicher oder sexueller Bedeutung reduziert wird. 

Tiefe Gemeinschaft

In ihrer Ontologie muss die eheliche Liebe aus einer Spiritualität schöpfen, die über den körperlichen und geschlechtlichen Aspekt hinausgeht und eine tiefe seelische Gesinnungsgemeinschaft im Leben des Paares einschließt, mit dem Ziel, einander zu vervollständigen und sich gegenseitig zu stützen. In den jungen Generationen gilt es heute hingegen als selbstverständlich, dass die körperliche Anziehung und die sexuelle Freiheit in den Beziehungen grundlegend für ein „glückliches“ Zusammenleben als Paar sei. 

Eine dritte und letzte Klischeevorstellung, die es auszuräumen gilt, besagt, der heilige Josef sei ein kühler, unpersönlicher Vater ohne Empfindungen oder Gefühle. De facto müssen Kinder so geliebt werden, wie sie sind, und nicht so, wie man sie gerne hätte, um nicht Gefahr zu laufen, dass sich die Liebe der Eltern zu den Kindern als „krank“ erweist. Um das näher zu erläutern: Der beunruhigende Geburtenrückgang in allen europäischen Ländern, das immer häufigere Vorkommen von Einzelkindern in den Familien, der Konsumismus und eine gewisse hedonistische Lebenshaltung haben auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern verletzt. Immer häufiger ist festzustellen, dass Kinder als Besitz und nicht als Geschenk betrachtet werden, die im Streit zwischen Partnern sogar zum Grund für Forderungen führen können. 

Die moderne Psychologie lehrt, dass die Liebe, wenn sie gewisse Grenzen überschreitet, pathologische Züge annehmen kann, die zu übermäßiger Eifersucht, zu Abhängigkeit und zu Fesseln führen, die nicht nur die Freiheit der Kinder, sondern auch die der Partner selbst beschneiden. In diesem Fall wird die Beziehung krank und erscheint als unerträgliches Joch, das sich auf lange Sicht für die betroffenen Personen als zerstörerisch erweist. Was die väterliche Beziehung des heiligen Josef zu Jesus betrifft, so beschreibt Papst Franziskus sie, indem er die Worte des Propheten Hosea auf sie anwendet: Er brachte „Jesus das Gehen bei und nahm ihn auf seine Arme. Er war für ihn wie ein Vater, der sein Kind an seine Wange hebt, sich ihm zuneigt und ihm zu essen gibt.“ Mit Sicherheit können wir behaupten, dass er Jesus gegenüber ein ausgeglichener Vater war, da er ihm im Gegensatz zu vielen heutigen Eltern keine „exzessive Liebe“ entgegenbrachte. 

Den Willen des Vaters im Himmel erfüllen

Natürlich hat er ihn geliebt, indem er ihn aufwachsen ließ und erzogen hat, aber immer unter Beachtung seiner Persönlichkeit und vor allem seines Auftrags, in primis seiner Freiheit als Sohn Gottes, der auf die Erde gekommen ist, um den Willen eines anderen Vaters zu erfüllen: des Vaters im Himmel. Der heilige Josef hat Jesus nicht „besessen“ und erst recht nicht zu etwas gezwungen, was ihn hätte verändern und sein Dasein schwierig und qualvoll hätte machen können. Das bestätigt sich, wenn wir uns das Leben Jesu genau ansehen. Nachdem er erwachsen geworden war, sprach er mit so begeisterten und liebevollen Worten von seiner Beziehung zum Vater im Himmel, dass man dahinter eine unbeschwerte und glückliche Beziehung zu seinem irdischen Vater erahnen kann. 

Zum Schluss seines Schreibens hebt Papst Franziskus hervor, der heilige Josef sei niemals frustriert, sondern immer voller Vertrauen und ganz verwirklicht, indem er schweigend, ohne zu klagen, Gesten „konkreten Vertrauens“ – und nicht zuletzt, so möchte ich hinzufügen, der Liebe und vollkommenen Selbsthingabe – vollzieht. Aus allen diesen Gründen bin ich überzeugt, dass er in seiner fundamentalen und einzigartigen Aufgabe als Ehemann Marias und irdischer Vater Jesu als Vorbild für alle Väter nicht nur immer noch aktuell, sondern sogar notwendig ist. Nur wenn wir seine wahre Größe neu entdecken, werden wir vermögen, einen entscheidenden Beitrag zu leisten, um diese Lücke der „sozialen Abwesenheit“ des Vaters zu füllen, und aktiv daran mitwirken können, seine ursprüngliche Identität sowie seine unentbehrliche Rolle in der Familie und für die heutige Gesellschaft wiederzufinden und neu zu bewerten. 


Übersetzung von Claudia Reimüller 

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