Jahr des heiligen Josef

Der dem Teufel Fallen stellt

Josef der Arbeiter verkörperte im Kalten Krieg den Antikommunisten. Er zeigte der Welt die Kirche als wahre Heimat der werktätigen Bevölkerung.

Mérode-Triptychon
Das spätmittelalterliche Mérode-Triptychon setzt Maria und Josef geradezu als avantgardistisches Paar in Szene: Während der Mann der Frau den Rücken freihält, kann sie sich im Gespräch mit dem Erzengel Gabriel ihrer Berufung widmen. Foto: IN

Er bohrt Löcher. Während im Wohnzimmer Maria der Engel erscheint und die Geburt des Heilands ankündigt, sitzt ein bärtiger Greis in der Nebenstube und arbeitet mit Holz. Säge, Axt, Nägel, Hämmer, Bohrwerkzeuge und Messer liegen im Raum verstreut oder auf einer Werkbank. Sitzt der zukünftige Ziehvater Christi abseits der Szene? Oftmals hat man in der Kunst des Mittelalters Josef nur schlafend oder vom Heilsgeschehen entrückt gesehen. Doch Josef kommt im Mérode-Triptychon eine besondere Bedeutung zu. Schon vor der Geburt des Gottessohnes beschützt er ihn – und verquickt diese Aufgabe mit seinem Handwerk. Auf dem Fenstersims, das hinaus auf einen niederländischen Marktplatz mit Giebelfassaden zeigt, steht ein hölzerner Apparat. Der heilige Josef baut Mausefallen – gegen den Teufel. 

Zimmermannswerkstatt wird zum Idyll

Das spätmittelalterliche Meisterwerk belegt, dass Josef als Arbeiter – oder besser: Handwerker – kein reiner Topos des neunzehnten Jahrhunderts, der katholischen Soziallehre oder des Antikommunismus ist. Die Arbeit des Heiligen steht im Zusammenhang mit dem Heilsgeschehen. Josef arbeitet mit Holz, Hämmern und Nägeln – ein Hinweis auf den Tod am Kreuz. Dass Josef seinen Ziehsohn im Handwerk unterrichtete, beflügelte die Fantasie europäischer Renaissance- und Barockmaler, die den greisen Josef mit dem Jesusjungen darstellen: die Zimmermannswerkstatt wird zum Idyll, in dem die Heilige Familie als Vorbild katholischen Familienlebens dient. Es ist ein Motiv, das ab dem 19. Jahrhundert und dem Zenit des Bürgertums eine neuerliche Rückkehr feiert und das später auch Papst Johannes Paul II. in „Redemptoris custos“ aufgreift: „Dank seiner Werkbank, an welcher er sein Handwerk zusammen mit Jesus ausübte, brachte Josef die menschliche Arbeit in die Nähe des Geheimnisses der Erlösung.“ 

Ein gelehrter Mann

Dabei hat der genaue Beruf des Heiligen im letzten Jahrhundert für Diskussionsstoff gesorgt. „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“, fragen die staunenden Synagogenbesucher bei Matthäus. Das Griechische nutzt an der Stelle das Wort tékton, das in seiner Bedeutung über den Holzhandwerker hinausreicht; vielmehr kann es mit einem Handwerker, Facharbeiter, Bauarbeiter oder „Meister“ seines Fachs übersetzt werden. Die Vulgata nutzt an der Stelle die lateinische Entsprechung „faber“, das in eine ähnliche Richtung weist. Der Werkstoff wird dabei nicht näher bestimmt. Das berühmte Wort vom „Stein, der zum Eckstein“ geworden ist, und die vergleichsweise geringen Baumbestände des Heiligen Landes haben die Vermutungen von Wissenschaftlern bestärkt, dass tékton eher als Steinmetz oder gar Architekt zu übersetzen sei. Der Religionswissenschaftler Géza Vermes ging davon aus, dass tékton eine Übersetzung des Aramäischen naggara sei; diese Bezeichnung hob nicht das handwerkliche, sondern das geistige Geschick eines Menschen hervor. Nach dieser Deutung sei Josef schlicht ein „gelehrter Mann“ gewesen. 

Josefs Beruf als Zimmermann ist nicht aus der Luft gegriffen 

Doch Josefs Beruf als Zimmermann ist nicht aus der Luft gegriffen. Die griechischen Evangelien schließen an die griechische Septuaginta an. Dort taucht das Wort tékton im Zweiten Buch der Könige auf und wird speziell für Handwerker gebraucht, die mit Holz arbeiten. Einen Steinarbeiter bezeichnet die Septuaginta als lithólogos. Die frühchristliche Tradition, Josef und Jesus als Holzhandwerker zu deuten, beginnt spätestens mit Justin dem Märtyrer, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts wirkte. Im Dialog mit dem Juden Tryphon erzählt Justin, dass Jesus Joche und Pflüge gebaut habe. Justin unterstreicht, Jesus habe anhand dieser Symbole Gerechtigkeit und ein aktives Leben veranschaulicht. Justin, der im Jahr 165 das Martyrium erleidet, verwendet für Josef und Jesus ebenfalls die Bezeichnung „tékton“. In dieselbe Zeit fällt die Entstehung des Jakobusevangeliums. Die apokryphe Schrift hatte trotz ihrer nicht-kanonischen Stellung einen großen Einfluss auf die christliche, besonders die orthodoxe Tradition: die Namen der Eltern Marias, Joachim und Anna, das Fest Mariä Opferung und die immerwährende Jungfräulichkeit entstammen dieser „Vorgeschichte“ der Evangelien. Dort findet sich der Hinweis, Josef habe vor der Brautwerbung seine „Axt davongeworfen“. Dass nicht die Ziehvaterrolle, sondern die Berufsbezeichnung sein identitätsstiftender Titel war, zeigt sich auch an einem anderen apokryphen Evangelium aus der Spätantike, das Josef und sein Sterben in den Mittelpunkt stellt: die Historia Josephi Fabri Lignari, die Geschichte Josefs, des Zimmermanns. 

Josef wird zum Patron von Orten, Ländern und Vereinen, die habsburgischen Herrscher machen ihn populär 

Beginnend mit der frühen Neuzeit macht Josef Karriere und mausert sich von einem Heiligen der zweiten Reihe zu einem beliebten Namenspatron für Jungen. Die katholische Erneuerung vor und nach dem Dreißigjährigen Krieg fördert das Andenken, Josef wird zum Patron von Orten, Ländern und Vereinen, die habsburgischen Herrscher machen ihn populär. In den Zünften gilt er nicht nur als Schutzpatron der Zimmerleute, sondern bald auch der Baumeister, damit auch der Maurer und der Handwerker per se. Mit dem Ende der Zünfte im Zuge der revolutionären Umwälzungen geht diese Rolle auf katholische Berufsgenossenschaften und Arbeitervereine über. Im 19. Jahrhundert gründet der Arbeiterpriester Anton Maria Schwartz einen privaten Verein zur besonderen Verehrung des heiligen Josef, der Mainzer Arbeiterbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler stellt den heiligen Arbeiter als Vorbild in den Vordergrund. 

Schutzpatron der Kirche

Indes Rom den Ehemann Mariens 1870 zum Schutzpatron der gesamten katholischen Kirche ernennt, entstehen in den Arbeitervierteln Europas neue Kirchen, die dem Heiligen geweiht sind. Ein „besonderes Anrecht auf die Hilfe des heiligen Josef“ hätten Proletarier und Arbeiter, so Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Quamquam pluries“ vom 15. August 1889, „ihnen vor allem soll er ein Vorbild zur Nachahmung sein“. Und weiter: „In Wirklichkeit ist also eine bescheidene Lebenslage keineswegs erniedrigend; ja, die Arbeit der Werktätigen, welcher Art sie auch sein mag, ist nicht nur in keiner Weise entehrend, sie kann sogar sehr wohl, wenn sie von tugendhafter Gesinnung beseelt ist, einen adeligen Charakter besitzen.“ Seine Beschwerden, sein Fleiß und sein Ringen um den Lebensunterhalt der Familie machen aus dem Handwerker Josef den idealen Arbeiter. Das Beispiel Josefs sollte „all jenen, die als Werktätige Tag für Tag ihr Brot verdienen, neuen Mut einflößen und zur Berichtigung ihrer Anschauungen helfen“. 

Gegen den Kommunismus

Mit den letzten Worten brachte Leo den heiligen Josef endgültig in Stellung gegen die Kommunisten. Nicht auf die Versprechungen der Revolutionäre, sondern „auf das Beispiel und den Schutz des heiligen Josef sowie auf die mütterliche Fürsorge der Kirche“ sollten sich die Menschen verlassen. Papst Pius XI. setzte diese Linie 1937 mit „Divini redemptoris“ fort: In der Enzyklika stellt Pius den Widerstand der Kirche gegen den „atheistischen Weltkommunismus unter den Schutz des mächtigen Schirmherrn der Kirche, des heiligen Josef“, der dem „arbeitenden Stand“ angehört hatte. Dass Papst Pius XII. den Gedenktag „Josef, der Arbeiter“ im Jahr 1955 einführte, und auf den 1. Mai legte, war nur folgerichtig: als kämpferische Ansage an den im Kalten Krieg stärker denn je agierenden Kommunismus, und als hoffnungsvolles Zeichen, dass die Kirche die wahre Heimat der Arbeiter war, beschützt von dem Mann, der schon das Jesuskind vor dem Teufel behütet hatte.

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