Lindau

Den Wehrlosen eine Stimme geben

Andere Menschen für den Tierschutz zu sensibilisieren scheint in unserer Gesellschaft oft leichter, als den Blick für das Töten ungeborener Kinder zu schärfen. Wie der Pfarrer den Gerechtigkeitssinn einer Tierschützerin ansprach.

Für ungeborene Kinder beten
Für Ungeborene zu beten, wie es diese Amerikanerin beim Marsch für das Leben in Washington tut, sensibilisiert auch andere für den nötigen Schutz des Lebens. Foto: Imago

Bis 2018 war ich noch Pfarrer auf der Insel Lindau. So schön die Insel auch ist, hat sie doch eine sehr kleine Uferpromenade. Wenn ich also Besuch bekam und mit diesem am Bodensee entlang spazieren wollte, fuhr ich also oftmals ins nahe gelegene Bregenz, wo es eine sehr schöne und lange Uferpromenade gibt. Natürlich trifft man dort am Wochenende neben Touristen auch alle möglichen Händler an sowie andere Gruppen, die auf sich aufmerksam machen.

Vegan als Religion

Dort stehen also die Zeugen Jehovas und wenige Meter weiter die Mormonen. Nochmals einige Meter weiter steht eine Gruppe junger Menschen, die Masken tragen und Bildschirme in den Händen halten. Ich muss schon näher hingehen, auf die Bildschirme schauen und auf die daneben aufgebauten Informationsstände, um zu sehen, wofür diese Gruppe wirbt. Es sind Veganer, die hier gleichberechtigt neben Religionsgemeinschaften stehen und die durch recht schockierende Videos auf die Massentierhaltung und die oftmals grausame Tötung von Tieren aufmerksam machen.

Guter Slogan

Als ich stehen bleibe, spricht mich recht bald eine junge Frau an: Was ich denn davon halte? Ich gebe ihr teilweise recht und betone, dass meines Erachtens hier der Gesetzgeber gefordert ist, um solche Grausamkeit zu unterbinden. Dennoch spreche ich mich nicht grundsätzlich gegen den Verzehr von Fleisch aus. Mit der jungen Frau komme ich tiefer ins Gespräch. Dann sage ich lobend: „Euer Slogan gefällt mir übrigens sehr gut: Den Wehrlosen eine Stimme geben. Genau das ist mir nämlich auch sehr wichtig. Es gibt auch Menschen, die wehrlos sind und dann gequält und getötet werden. Ich spreche von ungeborenen Kindern im Mutterleib. Für die müssen wir uns einsetzen.“ Die junge Frau zeigt Interesse und unser Gespräch geht plötzlich über eine ganz andere Thematik: die straffreie Abtreibung und das Lebensrecht der ungeborenen Kinder. Ich erzähle meiner Gesprächspartnerin von der monatlichen Gebetsvigil für das ungeborene Leben, die abwechselnd in Lindau und in Bregenz stattfindet und die verbunden ist mit einem Gebetszug vor die dortige Abtreibungsklinik. Die junge Frau sagt, davon habe sie noch nie gehört. Ich gebe ihr genauere Informationen und nenne ihr Ort und Zeit.

Bereit für den Lebensschutz

Junge Menschen, die sich für Tierrechte einsetzen, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und müssen meiner Meinung nach sehr sensibel sein. Da müsste eine Grundbereitschaft da sein, auch das Anliegen des Lebensschutzes zu verstehen. Immerhin eint uns ein zentraler Punkt, der Einsatz für jene, die selbst keine Stimme haben. Gerade junge Menschen sind für das Thema Lebensschutz besonders ansprechbar. So steht dieses Thema auch auf den Lehrplänen der neunten beziehungsweise zehnten Klasse, wo ich im Religionsunterricht wertvolle Unterrichtsstunden erleben durfte.

Zum Nachdenken gebracht

Auch die Gebetsvigil für das ungeborene Leben, die nach dem Vorbild des amerikanischen Geistlichen Monsignore Philip Reilly gehalten wird, wird vielerorts getragen von der 1996 im deutschen Sprachraum gegründeten „Jugend für das Leben“. Den Idealismus junger Menschen sollten wir nicht unterschätzen und gerade auch solche junge Menschen auf diese Thematik ansprechen, die gesellschaftspolitisch aus einer ganz anderen Richtung kommen.

Das Gespräch mit der jungen Frau ist nicht sonderlich lange; sie will sich wieder den Passanten zuwenden und diese ansprechen auf das Anliegen des Tierschutzes und des Veganismus. Doch auch für das von mir angesprochene Thema hat sie sich offen gezeigt. Als wir schließlich auseinandergehen, habe ich das Gefühl, einen Menschen zum Nachdenken gebracht zu habe.

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