Madrid

"Das Virus wurde gegen die Eucharistie ausgespielt"

Ein Gespräch mit Eulogio Lopez, Chefredakteur und Gründer der 1996 ins Leben gerufenen katholischen Onlinezeitung "Hispanidad" über die Lage der Kirche in Spanien.

Katholizismus in Spanien
"Nicht nur in Spanien steckt die Kirche in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte", meint Lopez. Foto: Adobe Stock Gil Maria Campos
  • Spanien gilt als eines der am härtesten von der Corona-Krise betroffenen Länder Europas

  • Nun will die Regierung den Ausnahmezustand zum sechsten Mal verlängern. Ab dem 21. Juni soll dann eine Art "neue Normalität" einkehren.  Vielerorts liegen die Nerven blank.

  • Auch die katholische Kirche ist Zielscheibe von Gereiztheiten. Regina Einig sprach mit Eulogio Lopez, Chefredakteur und Gründer der 1996 ins Leben gerufenen katholischen Onlinezeitung "Hispanidad" über die Lage der Kirche in seinem Land

 

Herr Lopez, die Stadtverwaltung von Valencia ermittelt auf Antrag eines sozialistischen Stadtrats gegen den Ortsbischof, weil dieser an einem traditionellen Marienfest im Mai gegen die Abstandsregeln verstoßen haben soll. Kardinal Ca izares wird "Vorsatz und Heimtücke" vorgeworfen   das Erzbistum weist die Vorwürfe als "Lüge" zurück. Warum sprechen spanische Juristen in diesem Zusammenhang von "Verfolgung"? Ist das in puncto Aggressivität ein Einzelfall?

Ja, Stadtrat Aaron Cano hat einen Christen verfolgt und denunziert; wir hoffen, dass er damit nicht weit kommt. Kardinal Canizares, der Erzbischof von Valencia, hat ihn mit Recht als Lügner bezeichnet. Selbst Canos Vorgesetzter Juan Rib , der Bürgermeister von Valencia, der politisch links steht und der Podemos-nahen Partei Compromis angehört, lässt die Vorwürfe gegen Kardinal Ca izares nicht gelten. Ja, in Spanien werden die Kirche und die Katholiken unblutig verfolgt, das heißt: Sie bringen uns nicht um, aber katholische Politiker, Journalisten und Intellektuelle bekommen heute in Spanien keine relevanten Posten. Der Vorfall in Valencia ist kein Einzelfall in puncto Aggressivität, sondern Teil einer im Prinzip friedlichen Verfolgung von allem, was katholisch ist und zum katholischen Kult gehört. Diese Verfolgung hat sich durch das Coronavirus verschärft.

"Eine Kirche ohne Eucharistie ist keine Kirche.
In diesem Sinne ist Covid-19 durchaus zur Zerstörung
der Kirche instrumentalisiert worden"

Wie erklären Sie sich, dass nicht wenige Katholiken in Spanien denken, dass die Pandemie gegen die Kirche instrumentalisiert wird? Gibt es in Ihrem Land so etwas wie Hass auf Christen?

Das Corona-Virus ist, wenn nicht gegen die Kirche, so doch gegen die Eucharistie ausgespielt worden. Papst Franziskus hat kürzlich das Wort Johannes Pauls II. aufgegriffen: "Die Kirche lebt von der Eucharistie" ("Ecclesia de Eucharistia", 2003). Eine Kirche ohne Eucharistie ist keine Kirche. In diesem Sinne ist Covid-19 durchaus zur Zerstörung der Kirche instrumentalisiert worden. Im Unterschied zu Italien, wo öffentliche Eucharistiefeiern expressiv verbis verboten wurden, waren es hier unsere Bischöfe, die der sozialistischen Regierung zuvorkamen   und das ist das eigentliche Drama. Die Regierung Sanchez hat zwar Ausgangssperren verhängt, aber Eucharistiefeiern nicht ausdrücklich verboten. Es war die Mehrheit der spanischen Bischöfe, die öffentliche Messfeiern untersagte. Und das ist ein Trauerspiel. Ja, es gibt in Spanien eindeutig eine Christophobie, die weiter geht als der eigentliche Antiklerikalismus. Aber schauen Sie genau hin: Das eigentliche Problem der Kirche in Spanien mit Blick auf das Corona-Virus liegt in ihren eigenen Reihen, es kommt nicht von außen.

Aber auch vor dem Ausbruch der Pandemie gab es schon so etwas wie einen Rückzug der Kirche: Der emeritierte Madrider Erzbischof Kardinal Antonio Maria Rouco Varela feierte jahrelang am Fest der heiligen Familie auf dem  Kolumbusplatz mitten in der Stadt eine heilige Messe, an der auch etliche Pilger aus Deutschland teilnahmen. Das wurde aber schon vor Corona abgeschafft...

Ja, Kardinal Rouco Varela feierte am letzten Sonntag im Dezember immer eine heilige Messe im Freien aus Anlass des Festes der heiligen Familie. Sein Nachfolger Carlos Kardinal Osoro hat das abgeschafft. Aus meiner Sicht war das ein Fehler, denn es steht uns Katholiken zwar gut zu Gesicht, diskret im Verborgenen zu beten. Doch in unserer Zeit heute sollten wir Katholiken auch das Gegenteil tun und öffentlich stärker in Erscheinung treten. Deswegen wäre es angemessen, auf die Straße zu gehen und auch unter freiem Himmel Eucharistie zu feiern.  

"Die einzige Partei, die derzeit christliche Postulate mitträgt,
wie beispielsweise das Recht auf Leben,
ist Vox, eine als ultrarechts geltende Partei"

Hat die katholische Kirche in Spanien echte Verbündete in der Politik?

In der Politik hat die Kirche in Spanien keine Verbündeten. Die einzige Partei, die derzeit christliche Postulate mitträgt, wie beispielsweise das Recht auf Leben, ist Vox, eine als ultrarechts geltende Partei. Was der spanische Progressismus als ultrarechts bezeichnet, hat allerdings nichts mit dem politischen rechten Rand in Deutschland zu tun. Vox ist nicht "ultra", sondern eine katholische Partei, die ein liberales Wirtschaftsmodell vertritt. Das große Problem in Spanien ist, dass alles, was katholisch ist, inzwischen am rechten Rand steht und quasi zu einem "ultra" geworden ist. Die katholische Kirche hat zwar Vox, aber als drittstärkste Partei hat diese in den Institutionen nicht allzuviel mitzureden.

Kürzlich erschien auf Ihrer Seite ein Beitrag, dessen Autor die These vertrat, dass Spanien einst die katholische Nation par excellence gewesen sei und als "Mutter Spanien" viele Nationen evangelisiert habe, dass Spanien aber heute "eine vom wahren Glauben abgefallene Nation" sei. Was ist da dran?

Ja, da ist etwas dran. Nicht nur in Spanien steckt die Kirche in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte: Sie zeigt sich in der Krise der Lästerung gegen den Heiligen Geist. Wir sind vom Relativismus - nach der Maxime: nicht ist Wahrheit, nichts ist Lüge, alles hängt von der Brille ab, durch die ich die Dinge betrachte, zur Lästerung gegen den Heiligen Geist übergegangen. Was schlecht ist, nennen wir gut und was gut ist, nennen wir schlecht. Dabei hat "Mutter Spanien" Lateinamerika evangelisiert und fast fünfzig Prozent der Katholiken weltweit sprechen Spanisch als ihre Muttersprache.

Wie wirkt die Kirche in Deutschland auf Katholiken in Ihrem Land?

Eulogio Lopez, Chefredakteur und Gründer der Onlinezeitung "Hispanidad"
Eulogio Lopez, Chefredakteur und Gründer der 1996 ins Leben gerufenen katholischen Onlinezeitung "Hispanidad". Foto: PABLO MORENO

Es gibt ein Bild von der Kirche in Deutschland, das bei den Katholiken in Spanien große Bedenken aufkommen lässt: die Gefahr des sogenannten "deutschen Schismas". Gemeint ist die Mehrheit der deutschen Bischöfe, die anscheinend Rom und Papst Franziskus herausfordern. Das wird als Art deutsche Überheblichkeit ausgelegt. Die Kirche in Deutschland galt in Spanien immer als Finanzquelle der Befreiungstheologie. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen.

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