Mein Klassiker

Das tröstende Wort

Wie das Buch der Bücher für mich zum Ort echter Gottesbegegnung geworden ist.

Dom zu Florenz
Die Engel stärken die Menschen durch das Wort Gottes – Baptisterium im Dom zu Florenz. Foto: William Perry via www.imago-imag (http://www.imago-images.de/)

Im anfänglichen Nachdenken darüber, was einen Klassiker ausmacht, erinnerte ich mich an meine Zeit in Rom. Acht Jahre lebte, studierte und lehrte ich in der Ewigen Stadt. Jedes Jahr in diesen acht Jahren habe ich drei Bücher immer aufs Neue gelesen: Zum einen Adalbert Stifters „Nachsommer“, Fjodor Dostojewskis „Idiot“ und „Gestalten und Gedanken“ von Peter Wust. Mit jedem Lesen entdeckte ich Neues in dem vermeintlich bereits Bekanntem. Das macht einen Klassiker aus: zeitlose Aktualität und ungebrochene Sprachgewalt.

Das Wort, das trifft

Und trotzdem, auf der Suche nach „meinem Klassiker“ bot sich keines dieser Bücher an, hier von mir besprochen zu werden. Trotz dieser innigen Beziehung zu Stifter, Dostojewski und Wust, wenn ich auf mein Leben und Glauben blicke, dann ist es ein Buch, das mir nicht nur neue Welten erschloss. In ihm bin ich dem Wort begegnet. Ich habe einmal den Satz gelesen: „Das Wort wird dich finden und dich trösten.“ Nur zu oft habe ich selbst diese Erfahrung gemacht, als ich die Heilige Schrift aufschlug.

Die Bibel ist ein lebendiges Buch. Das Wort spricht an, obwohl es zumalen noch nicht verstanden wurde, vermeintlich noch keine Entsprechung findet in unserem Leben. Und dennoch: Es trifft. Ich habe das persönlich erfahren dürfen. Nach meiner Elektriker-Lehre, nach Versuchen als Stapler-Fahrer und als Betonierer, habe ich mich als junger Soldat zum UN-Auslandseinsatz in Zypern gemeldet. Auf unserer Beobachtungsstation waren die Tage durchstrukturiert; weit und breit keine Möglichkeit, sich in der freien Zeit zu beschäftigen.

Lebendige Gottesbegegnung mit Folgen

In Ermangelung von Alternativen stand mir in meinen Pausen also verhältnismäßig viel Zeit zur Verfügung, die ich mit Lesen verbrachte. Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen: Mir fiel eine Bibel in die Hände und ich begann, das Neue Testament zu lesen. Plötzlich, in Matthäus 11, 28 der Satz: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Dieses Wort traf mich unvermittelt mitten ins Mark.

Was war geschehen? Ich fühlte mich damals ja nicht mühselig oder beladen; und trotzdem fühlte ich mich getroffen. Noch heute sage ich: In diesem Moment war mir, als ob Gott an mir vorübergegangen wäre. Es war die prägendste Gottesbegegnung in meinem Leben – mit unvorhersehbaren Folgen. Eine heilsame Unruhe brach in mir aus.

Das Wort legt frei

Ich suchte daraufhin den Militärpfarrer auf und fragte ihn, ob das, was hier geschrieben stand, wirklich wahr ist. Er bejahte. Ich fragte ihn: „Mich hat dieses Wort derart getroffen – was soll ich jetzt tun?“ Und er antwortete mir: „Gib Gott in deinem Leben eine Chance.“ Genau das habe ich schließlich getan – und bin Priester geworden. Die Bibel, das Wort Gottes, hat mein Leben in neue Bahnen gelenkt. Auch, wenn ich nicht auf Anhieb wusste, was dieses Wort mit mir zu tun hatte, spürte ich: Es ist wahr. Und: Es wirkt weiter – in mir. Immer wieder klingt es in mir nach: „Kommt her zu mir…“.

Wie oft ist es uns schon so ergangen, dass wir Sätze in der Heiligen Schrift lesen – zuweilen auch Stellen, die wir schon tausende Mal betrachteten – und plötzlichen umgibt uns ein wohliges Schaudern. Das Wort Gottes gibt je neue Einsichten, vermag aber auch zu entlarven, schenkt Hoffnung, beglückt, macht demütig; legt zuweilen auch in uns frei, was wir zu verstecken suchen, nicht wahrnehmen wollen.

Auch wenn es zuerst nicht verstanden wird: Das Wort wirkt

Nicht selten treffen wir aber auch auf Worte, die wir nicht auf Anhieb verstehen, deren Bedeutung uns (noch) versperrt ist – wir finden keinen Zugang. Auch mir geht es nicht anders. Ich denke in diesen Momenten immer an die Gottesmutter Maria, die mir in diesen Situationen als weise Ratgeberin dient. Als sie etwa den jungen Jesus in Jerusalem im Tempel wiederfand, heißt es in Lukas 2, 50–51 „Sie verstanden nicht, was er damit meinte (…)“. Und nur wenig später die Reaktion Mariens auf das Nicht-Verstehen: „Seine Mutter bewahrte alles in ihrem Herzen.“

Auch das Unbegreifliche hat damit einen festen Platz in uns. Es darf in uns reifen und – in uns geborgen – auf Erfüllung warten. Andererseits: Zumalen ist das Wort in uns bereits wahr und erfüllt, ohne dass wir Kenntnis davon haben. Erst im Rückblick erschließt sich dann nur zu oft: Das Wort hatte es zuerst gewusst.

Neue Dimensionen der Bibel durch Fremdsprachen entdecken

Maria ist nur eine der zahlreichen weisen Ratgeberinnen, denen ich in der Bibel nahe gekommen bin. Auf jeden Gläubigen wartet eine biblische Gestalt in der Heiligen Schrift, die uns besonders prägen möchte. Bei mir war es etwa Johannes der Täufer, den ich auch in meinem bischöflichen Wahlspruch sprechen lasse: „Er aber muss wachsen, ich muss kleiner werden.“ Jeden Tag bitte ich um seine Fürsprache: Hilf mir, auf dass ich kleiner werde, damit er, der nach mir kommt – und immer schon mitten unter uns ist – größer werden kann.

Kein Buch in meiner Bibliothek hat sich mir auf so vielfältige Weise immer neu erschlossen. Ob im leisen Studieren oder durch das Laute-Lesen oder Vorgelesen-Bekommen: jedes Mal neu – jedes Mal anders. Eine gute Übung, die Bibel noch einmal anders zu rezipieren, in der ich mich auch selbst immer wieder versuche, ist es, sie in einer anderen, fremden Sprache –  vielleicht gar laut – zu lesen. Auf diese Weise erschloss sich mir ein neuer Horizont aus einer in mir liegenden Herzenstiefe.

Der Klassiker schlechthin

Und nicht zu vergessen: Einen besonderen Platz hat dieser heilige Text in der Liturgie, wo die Worte gleichsam performativ vom Gestern ins Heute gebracht werden. Peter Handke hat einmal geschrieben: „Ob ich an Gott glaube, weiß ich nicht. Aber an den Gottesdienst glaube ich.“ Nicht selten sind es Momente im Gottesdienst, bei der Lesung, die einem Wort, einem Gedanken in mir wieder einen neuen Drall geben, mich bewegen. Ich denke, die Bibel ist nicht nur mein Klassiker – sie ist der Klassiker schlechthin: ein Buch des Lebens, Kraftquelle im Alltag – voller Worte, die uns immer wieder neu treffen wollen und weiterwirken durch unser Leben und unseren Dienst am Nächsten.

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