Würzburg

Das Papstamt ist Garant wider die Erosion des katholischen Glaubens

Petrus bleibt auch in Zukunft der Fels der Kirche – und das ist für George Weigel ein guter Grund, um die Papstgeschichte zu beleuchten und angesichts der Glaubenskrise in vielen Ländern dafür zu kämpfen, dass wir katholisch bleiben.

Frontstellungen gegen das Petrusamt haben heute viele Gesichter.
Frontstellungen gegen das Petrusamt haben heute viele Gesichter. Foto: Synodaler Weg/Klaus Landry

Was für eine Arroganz, könnte man denken. Da nimmt sich ein Autor die Freiheit, zu Lebzeiten eines Papstes schon die Agenda für den nächsten zu schreiben. Als wäre der gerade amtierende Papst eine Fehlbesetzung, deren Versagen man dezent in das Jobprofil der kommenden Leitungskraft einschreiben kann. Genau diese Erwartung bedient George Weigel nicht. Man wird nicht einen einzigen falschen Ton gegen Papst Franziskus in „Der nächste Papst“ entdecken. Stattdessen bietet der souveräne Historiograf der Päpste in der Neuzeit eine konzise Logik kirchenleitenden Handelns, die von Leo XIII. bis Franziskus reicht und gerade den Beitrag des amtierenden Papstes ins rechte Licht rückt.

Weigel schreibt Kirchengeschichte, indem er Papstgeschichte schreibt – nicht weil er autoritätsfixiert wäre oder nichts von der Berufung aller Getauften wüsste. Im Petrusamt laufen aber die Fäden zusammen, weil es „die Quelle jedweder exekutiven, legislativen und judikativen Autorität in der katholischen Kirche“ ist und weil sich dort wie in einem Brennglas sammelt, nach welchem Plan der Geist die Kirche führt. Weigel weiß dabei sehr gut, dass der Papst „nicht der Herr, sondern der Diener der katholischen Tradition“ ist. Positioniert er sich „über der Tradition oder dem Evangelium“, dann „geraten er und die Kirche in große Gefahr“.

„Gut könnten die nicht sein,
die sich, in irgendeinem Winkel des Erdkreises,
vom Erdkreis abtrennen.“

Die Art, in der Weigel die Geschichte der Kirche in großen Zügen und ihrem inneren Zusammenhang denkt, erinnert an John Henry Newman, der leidenschaftlich an der Entelechie und inneren Wahrheit der zweitausendjährigen Entfaltung der Kirche interessiert war. Wie sich vor Newmans Augen die Sonderrolle der anglikanischen Kirche in Nichts auflöste, als er einen einzigen Satz von Augustinus las – „Gut könnten die nicht sein, die sich, in irgendeinem Winkel des Erdkreises, vom Erdkreis abtrennen“ –, so ist George Weigel von der Sorge bewegt, die Universalität der Kirche könne sich in den Umbrüchen der Gegenwart da und dort durch Schisma, Apostasie, Sektierertum, Populismus, Ignoranz, Dummheit und Langeweile in Nichts auflösen. Wie Newman über das Augustinus-Diktum katholisch wurde, so kämpft Weigel angesichts der Erosion des Glaubens in manchen Ländern der westlichen Hemisphäre dafür, dass wir katholisch bleiben.

Wider Automatismen bei der Glaubensverkündigung

In den Päpsten seit Leo XIII. sieht Weigel entschlossene Wegbereiter einer neuen Gestalt von Kirche. Aber: „Die Kirche wird im nächsten Pontifikat ein noch unerforschtes Gelände betreten.“ Auf Automatismen in der Weitergabe des Glaubens wird sie ebenso wenig bauen können wie auf Privilegien und angestammte Rechte. In ungeschütztem Gelände wird sie den Erweis von Geist und Kraft erbringen müssen, Dabei ist Weigel durchaus nicht pessimistisch, was die Kirche im Ganzen angeht. Seit 1900 hat sich die Zahl der Katholiken weltweit verfünffacht (!), eine Dynamik, die noch immer ungebrochen und mit rein demographischen Fakten nicht zu erklären ist. Weigel erklärt sie durch einen initialen „Entschluss von evangelikaler Kühnheit“ im neunzehnten Jahrhundert, als nämlich Leo XIII. entschied, die Kirche müsse „die defensiven Festungen verlassen ... und sich mit der modernen Welt auseinandersetzen“ – freilich „um sie zu bekehren“. Wenn es um den entscheidenden Treiber geht, der die Kirche von Leo XIII. bis Papst Franziskus aus musealer Erstarrung in Vitalität, Attraktivität und reales Wachstum in vielen Ländern führte, so nennt Weigel den Begriff „Mission“.

Und auch das andere unmögliche Wort – „evangelikal“ – geht Weigel leicht über die Lippen, wo er nach Erneuerung des Katholischen jenseits eingefahrener Bürokratien sucht und Allianzen mit denen entdeckt, die es außerhalb der Kirche ernst meinen mit Bekehrung und Jesus. Schon 2013 hatte „die katholische Stimme Amerikas“ ihre Leser mit dem visionären Bestseller „Evangelical Catholicism“ (deutscher Titel: „Die Erneuerung der Kirche“) geschockt, in dem Weigel prophezeite, die Kirche werde überall dort scheitern, wo sie sich durch Mimikry der säkularen Welt anpasse, und sie werde einer neuen Blütezeit entgegengehen, wo sie missionarischer, charismatischer und evangelikaler werde. Keine Angst – mit „evangelikal“ meint Weigel: vom Evangelium her inspiriert, ganz dicht am Wort Gottes, christo-zentrisch. Ob die Kirche scheitert oder einer neuen Blüte entgegensieht, entscheidet sich daran, ob sie sich auf institutionellen Selbsterhalt kapriziert oder selbstvergessen in die Hingabe an Jesus einlädt. Man „muss es so oft wie möglich sagen, weil die Tendenz, die Kirche institutionell zu denken, so tief in der katholischen Vorstellungswelt verwurzelt ist: Jesus Christus und sein Evangelium sind der Daseinsgrund der Kirche. Und deshalb muss Jesus Christus im Zentrum der Verkündigung dieses Evangeliums stehen und Christus muss das Zentrum allen Wirkens der Kirche sein.“

Mit faszinierender Klarheit beschreibt Weigel
den missionarischen Aufbruch
als das Neue und die Essenz des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Über fünf epochale Umbrüche arbeitet George Weigel eine schlüssige Standortbestimmung der katholischen Kirche in der Gegenwart heraus. Phase 1: Die Kirche trennt sich vom rabbinischen Judentum. Phase 2: In der Patristik adaptiert und transformiert Kirche das klassische Erbe. Phase 3: Das Mittelalter, die „engste Verbindung aus Kirche, Kultur und Gesellschaft, die es je gab“. Phase 4: Die gegenreformatorische Bewegung. Phase 5: Die „Kirche der Neuevangelisierung“. Weltweit stehen die Katholiken „inmitten der Turbulenzen dieser Übergangszeit“, zudem dort, „wo dieser fünfte epochale Übergang einen kritischen Punkt erreicht hat“. Mit faszinierender Klarheit beschreibt Weigel den missionarischen Aufbruch als das Neue und die Essenz der sechzehn Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, ihre nachkonziliare Verdichtung „im Konzept einer Kirche als missionarischer Gemeinschaft von Jüngern“ und schließlich deren Operationalisierung in der „Proklamation der Neuevangelisierung“ durch alle Päpste seit Paul VI.

Eigens gewürdigt wird von George Weigel dabei das Dokument von Aparecida („die vielleicht ausgewogenste Beschreibung, wie eine missionarische Gemeinschaft von Jüngern aussehen sollte“), das von Jorge Bergoglio mitgestaltet und in „Evangelii gaudium“ zur weltkirchlichen Guideline erhoben wurde. „Die Kirche, die das Evangelium angenommen, die Männern und Frauen das große Geschenk der Freundschaft mit unserem Herrn Jesus Christus gemacht, diese Freunde des Herrn in die Gemeinschaft seiner Jünger aufgenommen und diese Jünger kraft der Sakramente dazu ermächtigt hat, das ihnen gemachte Geschenk an andere weiterzugeben – dieser Katholizismus ist lebendig.“

Deutschlands Katholiken marginalisieren sich

Am Synodalen Weg scheint diese Einladung in eine weltkirchliche Dynamik der Erneuerung vorübergegangen zu sein. Man war ja nicht einmal bereit, der flehentlich vorgetragenen Bitte des Papstes zu entsprechen und Neuevangelisierung zum Herzstück der Reformbemühungen zu machen. So legt man die beherzte Orientierung, die George Weigel mit „Der nächste Papst“ gibt, nachdenklich aus der Hand. Betreibt die deutsche Ortskirche gerade ihre eigene weltkirchliche Marginalisierung?

George Weigel denkt konsequent universalkirchlich; Er berührt diesen „Winkel des Erdkreises“, der sich zu eigenen Wegen berufen fühlt, nur am Rande, wenn er von „Catholicism light“ spricht, einer Art von Kirche, „die ihr Vertrauen in das Evangelium verloren hat, die das Evangelium nicht länger als rettende Wahrheit und göttliche Gnade für jedermann verkündet (und) sich selbst anscheinend als eine Nichtregierungsorganisation betrachtet, die von der Gesellschaft gebilligte gute Werke tut“. Weigel nennt sie eine „Kirche, die dahinsiecht“, weil sie den Anschluss an die Universalkirche verpasst hat und notorisch in die falsche Richtung unterwegs ist: „Dieser Katholizismus liegt im Sterben, und zwar auch dort, wo er finanzstark und gut organisiert zu sein scheint.“ Auch wenn der nächste Papst ein „durch und durch bekehrter Jünger“ sein wird, wird es nicht an ihm allein liegen, „ob sein Papsttum die Sache des Evangeliums voranbringt oder die evangelikale Mission der Kirche behindert“. Aus den Ruinen unserer Fehlversuche müssen wir schon selbst aufstehen.

George Weigel: Der nächste Papst.
Media Maria, Illertissen 2020, ISBN 978-3-94793124-8, EUR 18,95.

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