Vatikanstadt

Das Kandidatenkarussell steht noch still

Die von Papst Franziskus ernannten Kardinäle sind für viele eine unbekannte Größe. Trotzdem fallen Namen, wenn man in Rom über den Nachfolger von Franziskus spricht. Das Spektrum ist dabei sehr weit.

Luis Tagle
Kardinal Luis Tagle, Erzbischof von Manila. Foto: Romano Siciliani (KNA)

Wer das Ohr an die Gleise der Römischen Kurie legt, um einem leisen Summen zu entnehmen, wer denn als aussichtsreicher Papstkandidat in das kommende Konklave fahren könnte, hört nur sehr wenig - oder eigentlich nichts. Weder herrscht im Vatikan die Stimmung eines "fine papato", eines sich dem Ende zuneigenden Pontifikats, noch macht der 83 Jahre alte Franziskus den körperlichen oder geistigen Eindruck, dass er sich bald zu den Vätern versammeln könnte - oder wie sein Vorgänger an einen Rücktritt denkt. Wenn man den einen oder anderen Prälaten oder Kurienbischof dennoch auf den nächsten Papst anspricht, fallen deshalb zunächst recht fromme Antworten wie die, dass der Heilige Geist da wohl noch einiges zu tun hat, oder dass der Himmel der Kirche den Papst geben wird, den sie braucht.

Kardinal Tagle

Luis Tagle
Kardinal Luis Tagle, Erzbischof von Manila. Foto: Romano Siciliani (KNA)

Aber dann fallen auch Namen. Zum Beispiel die der beiden Kardinäle, die so ganz nach der Art von Papst Franziskus sind. Da ist der Philippine Luis Antonio Tagle mit reichlich chinesischem Blut in den Adern, der in Kirchenkreisen schlagartig bekannt wurde, als er bei der Entgegennahme der Kardinalswürde aus der Hand Benedikts XVI. im Jahr 2012 vor laufenden Kameras in Tränen ausbrach. Tränen hin - Tränen her, Tagle gilt als charismatische Gestalt im Kardinalskollegium, trotz seines Alters von erst 63 Jahren. Franziskus hat den Erzbischof von Manila dann Ende vergangenen Jahres zum Chef der einflussreichen Missions-Kongregation "Propaganda  Fide" gemacht. Und als Präsident des Dachverbands aller nationalen Caritas-Organisationen ist dieser auch international gut vernetzt.

Kardinal Zuppi

Ein anderer "Augenstern" von Franziskus ist der Erzbischof von Bologna, Kardinal Matteo Maria Zuppi (64), im Ausland und im Kardnalskollegium nicht so bekannt, aber mit einer starken Hausmacht im Rücken: der Gemeinschaft Sant Egidio. Als Franziskus den damaligen Weihbischof von Rom 2015 zum Erzbischof von Bologna ernannte, hatte Zuppi bei den Friedensverhandlungen von Sant Egidio in Mosambik mitgewirkt und war Kaplan der Gemeinschaft gewesen. Als der Papst ihn 2019 in den Kardinalsstand erhob, wies er ihm als Titelkirche Sant Egidio im römischen Stadtteil Trastevere zu, wo die Gemeinschaft ihren Hauptsitz hat. Als Mann des Straßenapostolats und der Armenspeisungen ist Zuppi ein Geistlicher vom Schlage Jorge Mario Bergoglios. Zwar steht er innerlich eher einem Pater James Martin SJ nahe als seinem Vorgänger Kardinal Carlo Caffarra in Bologna, aber Freunde von Sant Egidio im Kardinalskollegium dürften sich für einen Kandidaten Zuppi erwärmen können.

Kardinal Parolin

Pietro Parolin
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Foto: Paul Haring (KNA)

Der Ausgang des kommenden Konklaves ist auch deshalb ungewiss, weil von den 88 Kardinälen, die inzwischen von Franziskus das rote Birett erhalten haben, viele aus Schwellenländern stammen, die weitgehend unbekannt sind. Eine feste Größe ist jedoch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (65), der für alle die ein klarer Papstkandidat ist, die im kommenden Pontifikat das Gewicht der Kurie wieder gestärkt sehen möchten und denen die Parallel-Kurie des amtierenden Papstes in Santa Marta ein Dorn im Auge ist. Ein Kennzeichen von Parolin ist, dass er immer ein treuer Diener seiner Herren war, deren Liste von Kardinal Achille Silvestrini über Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano bis zu Benedikt XVI. und Franziskus reicht. Wie er sich aber als sein eigener Herr positionieren würde, können viele nicht einschätzen.

Kardinal Ranjith Patabendige Don

Kardinal Ranjith Patabendige Don
Kardinal Ranjith Patabendige Don nach seiner Ernennung zum Kardinal am 20. November 2010 im Vatikan. Foto: Katharina Ebel

Ein Wunschkandidat vieler eher traditionell eingestellter Katholiken wäre der Kardinal in Colombo mit dem schönen Namen Albert Malcolm Ranjith Patabendige Don (72), der in seiner Zeit als Sekretär der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und Kult von 2005 bis 2009 in Sachen Liturgie ganz an der Seite Benedikts XVI. stand, der ihn nur schweren Herzens nach Sri Lanka ziehen ließ, weil sich die Kirche des von Krisen geschüttelten Landes den in seiner Heimat hoch angesehenen Ranjith sehr als Mann des Ausgleichs auf dem Stuhl des Hauptstadt-Bischofs wünschte. Mit ihm würde ein Mann Papst, der wieder von der Peripherie der Kirche stammt, eine arme, aber sehr lebendige Ortskirche führt und dennoch ein Mann der Tradition ist.

Kardinal Dolan

Timothy Dolan
Kardinal Timothy Michael Dolan, Erzbischof von New York. Foto: Paul Haring (KNA)

Schon seit fünf Jahren hält Franziskus keine Kardinalskonsistorien mehr ab. Und viele der von ihm ernannten Kardinäle, die papstwahlberechtigt sind, hat man einfach noch nicht erlebt, zumal sie in entfernt liegenden Ländern wirken. Da muss man auch darauf achten, wo sich im roten Senat des Papstes vielleicht Koalitionen oder nähere Bekanntschaften abzeichnen. Mitte 2019 hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die Ortskirche in den Vereinigten Staaten besucht und kam auch mit dem Kardinal von New York, Timothy Dolan (70), zusammen. Eine "Atlantik-Brücke" der besonderen Art.

Beide, Woelki und Dolan, wollen das Sakramentale in das Zentrum der Seelsorge stellen - was in den Vereinigten Staaten jetzt schon mehr der Fall ist als in Deutschland. Und Dolan war es auch, der dem Verlag von George Weigel ein freundliches Billett zur Verfügung stellte, als dieser das Buch "Der nächste Papst" an einige Kardinäle schickte. Ein Omen? Zumindest Weigel könnte mit einem Timothy Dolan als Papst sehr gut leben.

 

 

 

 

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