Berlin

Das Gewissen lässt sich nicht für Fehlentscheidungen heranziehen

Da ist kein Joker. Seit dem letzten Konzil spielen Theologen das Gewissen gegen unpopuläre Entscheidungen der Kirche aus. Es gibt keinen Persilschein gegen die Lehre.

Pfingsttreffen
Die Forderung nach ökumenischer Mahlgemeinschaft ist nördlich der Alpen nichts Neues. Die Aufnahme auf dem Jahr 1971 lässt erahnen, dass mehr Emotion als Theologie dabei im Spiel war. Foto: KNA

Dürfen Katholiken im Namen der Gewissensentscheidung in der Sakramententheologie die Gewichte verschieben? Fast klang es so, als der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, im Frühjahr voraussagte, dass am Ende des Synodalen Weges „die Zulassung von Christen anderer Konfessionen zur Eucharistiefeier aufgrund ihrer Gewissensentscheidung“ kommen werde. Der Limburger Oberhirte berief sich dabei auf ein ökumenisches Konsenspapier: „Ich bin Mitunterzeichner der Erklärung des ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen („Gemeinsam am Tisch des Herrn“ vom 11. Dezember 2019) und überzeugt: Christen und Christinnen können mit guten Argumenten und nach eigenem Gewissen entscheiden, an der Eucharistie- oder Abendmahlsfeier der je anderen Konfession teilzunehmen.“ Als Begründung gab er an: „Weil es im Sinngehalt dessen, was wir glauben und feiern, doch mittlerweile so viel Übereinstimmung gibt“ (Publik Forum).

Selbstbegutachtung

Zuvor hatten Kardinal Reinhard Marx, Bischof Bätzing und weitere katholische Bischöfe gemeinsam mit hochrangigen Vertretern der evangelischen Kirche in einem Gutachten über das Gutachten – wobei man sich unter Ausschluss aller Gegenmeinungen selbst begutachtet hat – am 18. Mai 2020 festgestellt, dass das Konsenspapier einen „theologischen Begründungsrahmen für die individuelle Gewissensentscheidung einzelner Gläubiger entfaltet, wechselseitig zur Eucharistie beziehungsweise zum Abendmahl hinzuzutreten“. Dies stelle „einen weiterführenden Beitrag auf dem Weg zur Eucharistie- und Kirchengemeinschaft dar“.

Große Lehrunterschiede

Diese Aussage steht im offenen Widerspruch zur im Gutachten eingeräumten katholischen Auffassung, dass die Kommuniongemeinschaft gerade der Ausdruck einer bestehenden vollkommenen Kirchengemeinschaft ist. Worin im übrigen seit der Väterzeit Katholiken und Orthodoxe völlig übereinstimmen. Unmittelbar vor der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe hat der Apostolische Nuntius allen Mitgliedern eine Stellungnahme der römischen Glaubenskongregation zu beiden Dokumenten zugesandt. Darin erklärt das oberste Lehramt der Kirche: „Die Lehrunterschiede sind immer noch so gewichtig, dass sie eine wechselseitige Teilnahme am Abendmahl beziehungsweise an der Eucharistie derzeit ausschließen.“ Ausdrücklich geht der Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Ladaria auch auf das Gewissensargument ein: „Das Dokument kann daher auch nicht als Leitfaden für eine individuelle Gewissensentscheidung über ein Hinzutreten zum Abendmahl beziehungsweise zur Eucharistie dienen.“

Faktische Kommuniongemeinschaft

Rückendeckung für diese Vorgehensweise boten den Bischöfen der katholische Neutestamentler und Mitverfasser des Konsenstextes Thomas Söding. Sie hatten versucht, jeden Einspruch gegen die Berufung auf das Gewissen abzutun: „Auf das Votum von katholischer Seite aus mit Verboten zu reagieren, wäre nicht nur unklug, weil sich die allermeisten Betroffenen, von der Richtigkeit einer wechselseitigen Teilnahme überzeugt, nicht daran hielten; es wäre auch unbegründet, weil das Gewissen bindet, selbst wenn die Argumentation nicht stichhaltig sein sollte.“ Damit würde faktisch die Entscheidungsbefugnis der Kirche über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit zu ihr außer Kraft gesetzt. Zugleich würden alle über das protestantische Glaubensverständnis hinausreichenden Glaubensinhalte der katholischen Kirche mit der faktisch vollzogenen Kommuniongemeinschaft hinfällig.

Wurzeln des Konflikts

Die Wurzeln des Konflikts um die vermeintlich gut begründbare Gewissensentscheidung liegen nicht in der Debatte um die Kommuniongemeinschaft. Seit dem Konzil haben deutsche Moraltheologen den Gewissensbegriff konsequent verschoben. Das Gewissen wurde zum Vorrecht des Einzelnen, der die Kriterien Gut und Böse autonom festzulegen und dementsprechend zu handeln habe. Am Anfang stand die Antwort der deutschen Bischöfe auf die Enzyklika Pauls VI. „Humanae vitae“ (1968), die ein abweichendes Gewissensurteil des einzelnen Gläubigen für theologisch verantwortet angesehen hatte. Dieser Auffassung schloss sich auch die Würzburger Synode (1971–1975) an. Im von der Bischofskonferenz herausgegebenen „Katholischen Erwachsenenkatechismus“ (2. Bd.: „Leben aus dem Glauben“ 1995) heißt es über das Verhältnis von Gewissen und Lehramt der Kirche: „Das Gewissen des Christen wird die Hilfe der Kirche für konkrete Lebensfragen in rechter Gesinnung beachten, doch kann ihm niemand die persönliche Gewissensentscheidung abnehmen.“

Folgendermaßen wird die Spannung zwischen Norm und Gewissen im „Erwachsenenkatechismus“ aufgelöst: „In einer Situation, in welcher der Einzelne in einer Spannung zwischen Norm und Gewissen handeln muss, ist seine Gewissenserkenntnis und sein Gewissensurteil für ihn die letzte Norm seines Handelns. Da aber seine Gewissenseinsicht keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit hat, muss es bereit sein, sich immer neu zu prüfen.“

Moderner Gewissensbegriff

Von einem Gesamtverständnis der Gewissenserfahrung her geht es aber gar nicht um ein autonomes Gewissen, sondern um das Gute und die Wahrheit, die ihm dient. Schon 1978 kritisierte der katholische Religionsphilosoph Jörg Splett den modernen Gewissensbegriff: „Nicht die Wahrheit dient der menschlichen Wahrhaftigkeit, wenn alles seinen Ernst behalten soll, sondern die Wahrhaftigkeit der Wahrheit. Zuletzt redet man darum vom Gewissen nur dann unverkürzt, wenn man nicht bloß über es selbst, sondern von ihm und über es hinausblickt und spricht: auf das Gute hin.“ Bestätigt wurde Splett durch Johannes Paul II. in seinem Lehrschreiben „Veritatis splendor“ (1993): „Dem Gewissen des Einzelnen werden die Vorrechte einer obersten Instanz des sittlichen Urteils zugeschrieben, die kategorisch und unfehlbar über Gut und Böse entscheidet. Zu der Aussage von der Verpflichtung, dem Gewissen zu folgen, tritt unberechtigterweise jene andere, das moralische Urteil sei allein deshalb wahr, weil es dem Gewissen entspringt. Auf diese Weise ist aber der unabdingbare Wahrheitsanspruch zugunsten von Kriterien wie Aufrichtigkeit, Authentizität, ,Übereinstimmung mit sich selbst‘, abhanden gekommen, so dass man zu einer radikal subjektivistischen Konzeption des sittlichen Urteils gelangt.“

Nicht immer verpflichtend

Mittels der Unterscheidung einer „theoretisch-abstrakten Ebene“ und einer ursprünglicheren „konkreteren existenziellen Betrachtungsweise“ werde versucht, „Ausnahmen bezüglich der theoretischen Regel“ zu begründen, die gestatten, „in der Praxis guten Gewissens das zu tun, was vom Sittengesetz als für sich schlecht eingestuft wird. Auf diese Weise entsteht in einigen Fällen eine Trennung oder auch ein Gegensatz zwischen der Lehre von der allgemeinen gültigen Vorschrift und der Norm des einzelnen Gewissens, das in der Tat letzten Endes über Gut und Böse entscheiden würde. Auf dieser Grundlage maßt man sich an, die Zulässigkeit sogenannter ,pastoraler Lösungen‘ zu begründen, die im Gegensatz zur Lehre des Lehramtes stehen, und eine ,kreative‘ Hermeneutik zu rechtfertigen, nach welcher das sittliche Gewissen durch ein partikulares negatives Gebot tatsächlich nicht in allen Fällen verpflichtet würde.“

Dieses Lehrschreiben, das vom deutschen Erwachsenenkatechismus in diesem Punkt ignoriert wurde, hat den falschen Gewissensbegriff klar benannt und zurückgewiesen.

Erneut wird er im Falle der Interkommunion diesmal als Hebel angesetzt, die gesamte eucharistische Kirchenverfassung außer Kraft zu setzen. Demgegenüber betont „Veritatis splendor“ die Bedeutung des Lehramtes zur Formung des Gewissens: „Eine große Hilfe für die Gewissensbildung haben die Christen in der Kirche und ihrem Lehramt, …“, weil „die Freiheit des Gewissens niemals Freiheit ,von‘ der Wahrheit ist; sondern auch, weil das Lehramt an das christliche Gewissen nicht ihm fremde Wahrheiten heranträgt, wohl aber ihm die Wahrheit aufzeigt, die es bereits besitzen sollte, indem es sie, ausgehend vom ursprünglichen Glaubensakt, zur Entfaltung bringt. Die Kirche stellt sich immer nur in den Dienst des Gewissens, indem es ihm hilft, nicht hin- und hergetrieben zu werden von jedem Windstoß der Lehrmeinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert“, sondern „besonders in den schwierigeren Fragen, mit Sicherheit die Wahrheit zu erlangen und in ihr zu bleiben.“

Ein Weckruf

Als Weckruf an die schweigende Mehrheit des deutschen Episkopats heute sollte die Mahnung an die Oberhirten verstanden werden: „Als Bischöfe haben wir die schwerwiegende Verpflichtung, persönlich darüber zu wachen, dass in unseren Diözesen die gesunde Lehre (1 Timotheus 1,10) des Glaubens und der Moral gelehrt wird.“ Dass das Lehramt bei den Bischöfen in Einheit mit dem Papst liegt und nicht durch Professorenhypothesen ersetzt werden kann, verdient ebenso erinnert zu werden: „Die theologischen Meinungen bilden jedoch weder die Regel, noch die Norm für unsere Lehre. Ihre Autorität beruht … in der Gemeinschaft sub Petro et cum Petro auf unserer Treue zu dem von den Aposteln empfangenen katholischen Glauben.“

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