Speyer

Bischof Schlembach: Treu und standhaft

Ein Nachruf auf den verstorbenen Speyrer Oberhirten Anton Schlembach.

Nachruf auf den verstorbenen Speyrer Oberhirten Anton Schlembach
Bischof Anton Schlembach, früherer Bischof von Speyer, nimmt am Pontifikalrequiem für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl im Dom zu Speyer teil. Foto: Arne Dedert (dpa-pool)

Bitterkeit klang mit, wenn Anton Schlembach im Rückblick sagte: Oft sei er „der Einzige“ gewesen. Der Einzige zum Beispiel, der schonungslos einen Glaubensverlust erkannte, wenn andere eine veränderte Glaubenspraxis diagnostizierten. Der Einzige, der dem Zeitgeist widersprach, wo andere eher auf die allgemeine Stimmung hören wollten. Bisweilen muss er sich gar als der der Einzige gefühlt haben, der einfach katholisch sein wollte. Denn für den Speyerer Bischof bedeutete das: treu an der Seite des Papstes auszuharren. Buchstäblich stand er neben ihm, als er den Glanzpunkt seiner 23-jährigen Amtszeit beim Papstbesuch in Speyer 1987 erlebte. Und im übertragenen Sinn bezog er dort Stellung, als er seine schwerste Entscheidung traf: Er gehörte zu den ersten deutschen Oberhirten, die sich 1999 zum Ausstieg aus dem staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung durchrangen.

Entschiedener Einsatz für den Lebensschutz

Dabei hatte auch er dieses Modell zunächst noch selbst verteidigt. Sein einstiger Generalvikar Josef Szuba erinnert sich an eine Visitation, zu der er – damals noch Pfarrer im westpfälzischen Rodalben – seinen Bischof Ende der 1990er Jahre empfing. Katholische Ärzte aus der Region nutzten den Anlass, um bohrende Fragen stellten: Wie können kirchliche Stellen Scheine ausstellen, die zwar eine auf den Schutz des Lebens ausgerichtete Beratung dokumentieren, aber zugleich eine Abtreibung ermöglichen? Schlembach stellte sich bis in den vorgerückten Abend hinein dieser Auseinandersetzung. Er differenzierte, beschrieb das moralische Dilemma, warb um Verständnis. Und sagte den Medizinern schließlich: Sie sollten die Bischöfe nicht kritisieren, sondern für sie beten. Doch als auch Johannes Paul II. immer deutlicher auf einen Kurswechsel drang, war für Schlembach klar, was er zu tun hatte.

Und schlussendlich mussten auch alle anderen deutschen Bischöfe den Ausstieg aus diesem System vollziehen. Im Kreis der Oberhirten mit Diözesen im Gebiet des Landes Rheinland-Pfalz blieb Schlembach gleichwohl der Einzige, der mit seiner markanten und oft ein wenig rauen Stimme diese Entscheidung auch aus voller Überzeugung vertrat: Sein Trierer Mitbruder Hermann Josef Spital gehorchte der päpstlichen Vorgabe zwar vergleichsweise lautlos, aber widerwillig. Karl Lehmann hingegen, der Mainzer Bischof und Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, ließ in aller Deutlichkeit erkennen, wie ungern er sich der Weisung aus Rom beugte. Und Franz Kamphaus in Limburg ließ den umstrittenen Schein einfach weiter ausstellen, bis ihm der Heilige Stuhl die Verantwortung dafür entzog und die Umgestaltung des Beratungssystems seinem Weihbischof übertrug.

Er konnte auch unwirsch und aufbrausend werden

Doch es war nicht nur seine nicht immer mehrheitsfähige Standhaftigkeit, die den Speyerer Bischof bisweilen alleine dastehen ließ. Unwirsch und aufbrausend konnte der Geistliche werden – ein Charakterzug, den er vielleicht aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Geboren 1932, wuchs er als Kind einer Bauernfamilie am Rande der fränkischen Rhön auf. Und diese Region hat noch mehr kantige Gestalten hervorgebracht: Julius Döpfner zum Beispiel, den späteren Kardinal und Konzilsvater, den Schlembach als Präfekten im Würzburger Knabenkonvikt Kilianeum erlebte. Es folgten Studium in Würzburg und Rom sowie Eintritt in die katholische Studentenverbindung Unitas-Hetania. Weihe, Promotion, Kaplansjahre. Zusehends verantwortungsvollere Aufgaben, zum Beispiel als Regens des Würzburger Priesterseminars und, ab 1981, als Domkapitular und Generalvikar.

1983 dann der Wechsel in die Pfalz: Sein Vorgänger Friedrich Wetter weihte Schlembach zum neuen Speyerer Oberhirten. Als die ihm vertrautesten Freunde, die er dort gefunden habe, nannte er Jahre später: den Dom und den Pfälzerwald. Bittere Gedanken haben wohl vor allem seine letzten Lebensjahre überschattet. Obwohl er nach seiner Emeritierung im Jahr 2007 auch viel Zuneigung erfuhr. Zum Beispiel, als er 2012 seinen 80. Geburtstag feierte. Sein Nachfolger Karl-Heinz Wiesemann würdigte ihn als jemanden, der eine Stelle aus dem Lukas-Evangelium verinnerlicht habe: „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen wurde, dann sagt: Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ Denn bei Schlembach finde sich nichts „Aufgeblasenes, Eitles, Selbstherrliches“. Und, so ergänzte Wiesemann abweichend vom Manuskript: „nichts Intrigantes“.

Papstbesuch als glanzvollster Moment des bischöflichen Dienstes

Der Jubilar bedankte sich später für das „überreiche Lob“. Und fügte schelmisch-charmant hinzu: „Mit Einschränkungen, meine ich, wird es wohl gestimmt haben“. Auf die Zeichen seiner bischöflichen Würde hatte er in der vorangegangenen Messe schon verzichtet, den Hirtenstab gegen einen Stock getauscht. Aber er hatte jenes Gewand angelegt, das er stets hervorholen ließ, wenn Herausragendes zu begehen war: die Kasel, die Johannes Paul II. 1987 in Speyer getragen hatte. Das „Jahrtausendereignis“ des Papstbesuchs sollte für Schlembach der glanzvollste Moment seines bischöflichen Dienstes bleiben.

Am Montag ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Einer seiner letzten Besucher: Franz Jung, der einst sein Sekretär war und nun Bischof von Würzburg ist. Er berichtet: Am Sterbebett spürte er keine Bitterkeit. Aber „die Gelassenheit eines Menschen, der seinen Frieden mit Gott und der Welt gemacht hat“.

Das Requiem findet am 24. Juni um 13 Uhr im Speyerer Dom statt. Zuvor wird der Leichnam in der Friedenskirche St. Bernhard aufgebahrt

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