München

Bischof Oster: Die Kirche kann ihre Lehre nicht einfach ändern

Jugendbischof Stefan Oster SDB, der im Synodalforum "Leben in gelingenden Beziehungen" mitarbeitet, hält die Lehre des heiligen Johannes Paul II. von der Theologie des Leibes für vertiefenswert. Damit gehört er zur Minderheit der Synodalen. Da die Morallehre der Kirche beim Synodalen Weg derzeit nicht mehrheitsfähig ist, stellt sich die Frage, was das für künftige Voten bedeutet.

Bischof Stefan Oster: Die Kirche kann ihre Sexualmoral nicht einfach ändern
Bischof Oster: Die Kirche kann ihre Sexualmoral nicht einfach ändern. Es geht darum reifer und heiliger zu werden. Foto: Armin Weigel (dpa)

Herr Bischof, welche Eindrücke haben Sie beim Regionalforum des Synodalen Wegs in München gewonnen?

Wir haben sehr ernsthaft um die Themen gerungen. Am Anfang ging es um die Frage nach dem Einfluss der Corona-Pandemie in Bezug auf die Kirche und den Synodalen Weg. Dabei ist eine Vorlage relativ kritisch diskutiert worden. Zudem sind noch sehr viele andere Punkte genannt worden. Aber ich habe den ganzen Tag in großer Ernsthaftigkeit erlebt, auch bei den zwei sehr kontroversen Themen, die heute Nachmittag im Fokus standen. Also die Atmosphäre war gut und geprägt vom wirklichen Willen, zuzuhören.

Bischof Rudolf Voderholzer hat die zum Teil mangelnde Transparenz kritisiert, beispielsweise bei der Wahl der heutigen Moderatoren. Livestreams der Regionalkonferenzen zum Mitverfolgen gab es heute auch nicht. Wie sehen Sie das?

Ja, immer wieder lässt die Transparenz zu wünschen übrig. Heute habe ich es nicht so empfunden, bis auf den Text, den Bischof Rudolf angemahnt hat über die biblische Einführung beziehungsweise Grundlegung zum Thema „Frauen und Kirche“. Das fand ich ein schwieriges Vorgehen. Aber da haben die Verantwortlichen eingelenkt und haben das auch eingeräumt. Wer die Moderation macht, ist kein großer Punkt. Die beiden, die ausgewählt worden sind, haben es meiner Ansicht nach sehr gut gemacht.

Heute wurde auch über das Forum „Leben in gelingenden Beziehungen“ gesprochen. Sie sind selbst Mitglied im Forum. Wie haben Sie die Diskussion wahrgenommen?

Ja, die Diskussion war stark geprägt von einem sehr intensiven Auftakt-Statement eines jungen Katholiken, der homosexuell ist und in einer Beziehung lebt. Er hat seine Verletzungsgeschichte in der Kirche erzählt. Daran entlang hat sich dann vieles entwickelt. Die deutliche Mehrheit ist der Meinung, dass man unsere Sexualmoral weiterentwickeln muss. Es ist dann aber auch wieder aus meiner Sicht zu Recht auf Johannes Paul II. und die Theologie des Leibes hingewiesen worden, die für mich eine Weiterentwicklung in der Sexualmoral ist, aber auch eine Vertiefung, die eben im Einklang mit der Tradition steht. Sexualität ist ein sehr persönliches Thema, das jeden angeht und da hilft es nicht, nur in abstrakten theologischen Debatten zu reden, sondern man muss auch persönlich werden. Das ist vor Fernsehkameras natürlich schwierig. Die Debatte war aber auch hier aus meiner Sicht sehr sachlich.

In diesem Jahr feiern wir den 100. Geburtstag von Papst Johannes Paul II. Seine Theologie des Leibes ist für viele ein Stichwort, aber was sie genau besagt, wissen viele nicht. Besteht hier nicht die Notwendigkeit, die Theologie des Leibes einem breiten Publikum bekannt zu machen?

Die Theologie des Leibes ist keine so ganz einfache Materie und innerkirchlich mit nicht wenig Misstrauen belegt. Innerkirchlich wollen viele Menschen – wahrscheinlich die breite Mehrheit – eine wie sie es nennen Weiterentwicklung dieser katholischen Position. Man weiß natürlich, dass Johannes Paul sehr treu und auch sehr tief war - und deswegen wohl ist die Rezeptionslage bei uns nicht besonders gut. In anderen Ländern höre ich, dass die Theologie des Leibes deutlich intensiver reflektiert wird. Ich glaube auch, dass sie Frucht bringt unter vielen jungen Menschen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Aber dass das in Deutschland zukünftig die Masse sein wird, meine ich derzeit nicht zu sehen.

Wie lief denn die Arbeit eigentlich in Ihrem Forum ab? Durch Corona waren vermutlich auch einige Umstellungen notwendig.

Ja, die erste Sitzung konnten wir noch in leiblicher Anwesenheit machen. Zwei weitere Sitzungen waren dann Videokonferenzen. Dazwischen sind von Redaktionsgruppen Texte erarbeitet worden, ein Beschlusstext und ein sogenannter Votentext. Ich selbst war nicht in der Redaktionsgruppe, habe aber mit einigen Leuten auch noch mal sehr intensiv etwas dazugelegt – einen Text, der noch einmal versucht, vertieft die kirchliche Lehre zu erklären und stark zu machen. Die aktuelle Textfassung, die ist noch nicht fertig, aber sie hat schon einiges von dem, was wir versucht haben einzubringen. Aber natürlich, die Mehrheit des Forums ist der Meinung, dass wir hier eine Weiterentwicklung brauchen.

Grundlage für die Forderung einer Weiterentwicklung der Sexualmoral sind humanwissenschaftliche Erkenntnisse. Welche sind das genau?

In den Humanwissenschaften spricht man beispielsweise von der Polyvalenz der Sexualität; dahinter steht die Einsicht, dass Sexualität mehrere menschliche Bedürfnisse und Werte erfüllt. Zentral in der kirchlichen Lehre sind dabei die Offenheit für das Leben und die liebende Beziehung der Partner, das gegenseitige Wohl der Gatten. Aber natürlich hat Sexualität weitere Dimensionen: Lusterfahrung, Identitätsstiftung, auch Transzendenzerfahrung, also das Überschreiten von sich selbst, so dass man womöglich darin sogar etwas von der göttlichen Liebe erfährt oder erkennt. Natürlich stimmt es also, dass Sexualität auch andere Dimensionen hat. Und weil sie nicht ganz heil ist – bei keinem von uns –, hat sie auch negative: Manchmal geht es um Machtausübung und vielleicht sogar um Schmerz zufügen oder Schmerzen erleiden als Form der Selbsterfahrung oder solche Dinge. Wir wissen also alle, dass es auch seltsame und verfehlte Formen von Sexualität gibt. Aber wenn man zunächst die positiven Dimensionen nimmt, dann sagen die Humanwissenschaften: Ist es nicht so, dass jede Dimension für sich steht und deswegen auch schon in sich wertvoll ist? So dass also Sexualität auch schon dann gut ist, wenn sie nicht nur auf Lebensweitergabe und gegenseitige Bindung ausgerichtet ist. Aus Sicht der kirchlichen Lehre kann man dazu sagen: Alle positiven Dimensionen sind tatsächlich gut und wichtig, aber der Glaube sagt, dass der Mensch, der im Glauben reifer wird, auch alle Dimensionen zueinander integriert – und gerade nicht voneinander isoliert leben will und soll. Und dieses Menschenbild des erlösten oder reifen Menschseins, die ist natürlich den Humanwissenschaften qua Methode nicht gegeben. Der Weg des Glaubens zielt aber darauf ab, dass wir Menschen reifer, heiler, letztlich heiliger werden. Das bedeutet für uns: Wir nehmen die Erkenntnisse der Humanwissenschaften wahr, sehen aber auch wie unser Menschenbild diese gewissermaßen umgreift. Zumindest in diesem Punkt der sogenannten Polyvalenz.

Schon um das Jahr 1968 gab es Diskussionen, wie zentral die Weitergabe des Lebens ist – denken wir an die Enzyklika „Humanae vitae“ (1968). Wie viel Weiterentwicklung ist im Bereich der Sexualmoral möglich?

Die Weiterentwicklung der Morallehre im Sinne des heiligen Johannes Paul II. besteht vor allem auch im intensiven Blick auf den sogenannten Personalismus, einer philosophischen Strömung, bei der es um den Menschen als Beziehungswesen geht, mithin also auch um eine Beziehungsethik. In diesem Blick ist deutlicher als zuvor die ganze Person gesehen, nicht nur der physische Akt der sexuellen Begegnung oder des Triebs. Und damit ist aus meiner Sicht eine Erweiterung und Vertiefung der Lehre schon gegeben. Ansonsten meine ich zu sehen, dass die bestehende Lehre auch mit den vorgegebenen Grenzen so tief in die Offenbarung Gottes über das Menschsein gehört, dass wir sie von uns aus nicht einfach ändern oder „weiterentwickeln“ können, wie das nicht wenige wünschen.

Das Motto der Regionalkonferenzen lautet „Fünf Orte – Ein Weg“. Ist die passende Metapher für den Synodalen Weg dann „Fünf Orte – Ein Weg – Viele Ausfahrten“?

(lacht) Das weiß ich nicht. Ich hoffe, dass wir einigermaßen beieinander bleiben und auch zeigen, dass wir als Kirche gemeinsame Anliegen haben. Aber in den Knackpunkten eine gemeinsame Lösung zu finden, ist nicht so einfach. Vielleicht müssen wir auch Papiere formulieren, wo die verschiedenen Positionen stehenbleiben können.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.