Madrid

Bischöfe stellen sich gegen Sterbehilfe in Spanien

Die spanischen Hirten stellen sich gegen das geplante Sterbehilfegesetz sowie gegen die Vertreibung der Benediktiner aus dem Tal der Gefallenen bei Madrid. In Spanien stehen Staat und Kirche in Opposition.

View of El Valle de los Caidos Memorial in San Lorenzo del Escorial in Madrid, Spain, 24 September 2019. Spanish Supreme
Gedenkstätte und Kloster im Tal der Gefallenen stehen im Zentrum hitziger öffentlicher Debatten. Foto: Imago

Am 11. Februar stimmte das spanische Parlament nach einer hitzigen Debatte mit 201 Ja- und 140 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen der Annahme des sozialistischen Gesetzentwurfs zur Sterbehilfe zum weiteren Gesetzgebungsverfahren zu. Nach dem Corona-bedingten monatelangen Lockdown im Abgeordnetenhaus lief die Frist für Änderungsanträge am 16. September ab. Weil aber die Anträge der Mitte-rechts-Parteien „Partido Popular“ und „Vox“ abgelehnt wurden, steht dem Gesetzentwurf nichts mehr im Wege.

Ziel des „Gesetzes zur Sterbehilfe“ ist es, dass die Sterbehilfe keine Straftat mehr nach Art. 143 des spanischen Strafgesetzbuchs, sondern ein „individuelles Recht“ sein soll. Das neue Gesetz soll zu den „liberalsten der Welt“ gehören: Es soll nicht nur den assistierten Suizid, sondern auch die „aktive“ Sterbehilfe („Euthanasie“) regeln. Dies bedeutet, dass der Arzt entweder „das Mittel“ dem Patienten unmittelbar verabreichen oder ein Rezept ausstellen kann, damit der Patient selbst es eigenständig einnimmt.

Bedingungen 

Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der Sterbehilfe beziehungsweise des assistierten Suizids sind, abgesehen von der Volljährigkeit sowie dem Vorliegen schriftlicher Informationen über den „medizinischen Prozess“ und der „verschiedenen Alternativen“ zwei schriftliche Anträge, die „in mindestens vierzehn Tagen Abstand voneinander“ freiwillig gestellt werden. Darüber hinaus muss der Antragsteller unter „einer schweren und unheilbaren Krankheit oder an einer schweren, chronischen und behindernden Krankheit leiden, die von einem verantwortlichen Arzt bescheinigt wurde“. Der Antragsteller muss die spanische Staatsangehörigkeit besitzen oder aber seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Spanien haben – damit soll wohl wenigstens auf dem Papier ein etwaiger „Sterbehilfe-Tourismus“ vorgebeugt werden. Die „Leistung“ wird von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.

Dagegen hat sich nicht nur der kürzlich gewählte Präsident der Madrider Ärztekammer, Manuel Martínez-Sellés, ausgesprochen, der außerdem als Abtreibungs- und Gendergegner gilt: „Die Sterbehilfe zerstört jedes Vertrauensverhältnis, das zwischen dem Patienten und dem Arzt, dem Gesundheitssystem und der Familie bestehen kann. Wenn ein Patient um Sterbehilfe bittet, meint er in Wirklichkeit, dass man sich um ihn kümmern und ihm zuhören soll.“

Würde des Lebens

Darüber hinaus haben auch die spanischen Bischöfe dazu Stellung genommen. Die Entscheidung, das Gesetzgebungsverfahren voranzutreiben, sei „eine schlechte Nachricht, denn menschliches Leben ist keine Ware, die jedem zur Verfügung steht“. Unter dem Motto „Kein Kranker ist ,unbetreubar‘, auch wenn er unheilbar krank ist“ haben sie eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt: „Die Würde der Person muss immer anerkannt und respektiert werden, erst recht, wenn sie zerbrechlicher und wehrloser ist.“ Dies verpflichte die Bischöfe, „uns diesem Gesetz entgegenzustellen, das im Namen eines angeblich würdigen Todes die Würde allen menschlichen Lebens an der Wurzel verleugnet“.

Nach einem Besuch bei Papst Franziskus am 19. September erklärte der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz Kardinal Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona: „Der Papst ist über den Versuch, in Spanien die aktive Sterbehilfe zuzulassen, sehr besorgt.“ „Ich meine, es geht nicht darum, ob jemand würdig stirbt oder nicht. Es geht um die Begleitung, wenn jemand Schmerzen hat. Wenn der Schmerz gelindert wird und der Kranke die Nähe seiner Angehörigen und des Pflegepersonals spürt, will er leben. Der Tod ist nicht das Ende, sondern die Tür zu der anderen Seite, wo wir leben werden.“

Basilika soll profaniert werden 

Kardinal Omella äußerte sich außerdem über die Pläne der sozialistisch-kommunistischen Regierungskoalition, das „Tal der Gefallenen“ in einen zivilen Friedhof umzuwidmen. Dafür müsste aber die Basilika laisiert werden und die Benediktiner ihre Abtei verlassen.

Der Erzbischof von Barcelona sprach sich ebenfalls gegen diese Pläne aus. In einem Interview mit dem Radiosender COPE am Abend des 21. September erklärte der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz: „Ich würde den Politikern sagen: Warum legen Sie bestimmte Dinge nicht auf Eis? Wir sollten nach dem suchen, was die Menschen wirklich interessiert. Meinen Sie, dass die Menschen so sehr daran interessiert sind, ob die Benediktiner die Abtei verlassen müssen oder nicht? Sie sind dazu da, um zu beten, um Gutes zu tun. Warum sollten jetzt Themen angegangen werden, die uns trennen und uns auf schwierige Zeiten zurückführen? Ich weiß, dass es in unserer spanischen Geschichte viele Wunden gibt, aber sie können uns vom Wesentlichen ablenken.“

Andere Probleme

Laut dem Kardinal haben die Menschen zurzeit ganz andere Probleme, insbesondere die – in Spanien starke – Corona-Pandemie sowie die sich daraus ergebende Arbeitslosigkeit ... Der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz appelliert „als Vorsitzender der Bischofskonferenz und im Namen der anderen Bischöfe an alle Kräfte in Spanien – die politischen Parteien, die Regierungsvertreter, die Verbände, die zivilen Institutionen, die Gewerkschaften sowie die Kirche selbst –, stärker zusammenzuarbeiten, um die Probleme gemeinsam zu lösen“.

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