Würzburg

Benedikt XVI.: Kirche ohne Glauben „ganz überflüssig“

Bereits vor 50 Jahren sah Joseph Ratzinger große "Erschütterungen" und ein Kleiner-Werden der Kirche Christi hierzulande voraus. Für die Kirche gebe es allerdings immer eine hoffnungsvolle Perspektive.

Papst Benedikt XVI.
Mit Blick auf die Vergangenheit kritisiert Ratzinger zwischen den Zeilen seine theologischen Zeitgenossen, die, vom Reformeifer des Zweiten Vatikanums beflügelt, wieder einem rationalistischen und verweltlichten Zeitgeist statt dem Geist Christi folgen würden. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Während sich die katholische Kirche in Deutschland einer Zerreißprobe zu nähern scheint, lohnt ein Blick auf einen unaufgeregten, prophetischen Text von Joseph Ratzinger. Bereits vor 50 Jahren sah er große "Erschütterungen" und ein Kleiner-Werden der Kirche Christi hierzulande voraus.

Zwischen den Zeilen Kritik an theologischen Zeitgenossen

Im Originaltext dieser Ansprache, die kürzlich im Archiv des Hessischen Rundfunks aufgefunden wurde und dieser Zeitung vorliegt, behandelt Ratzinger zunächst nicht die Frage, ob die Kirche im Jahr 2000 eine Zukunft habe oder nicht, sondern denkt mit den Zuhörern darüber nach, was eigentlich "katholisch ist". Eine Kirche "ohne Glauben und ohne Gott" hält er für "ganz überflüssig".

Mit Blick auf die Vergangenheit kritisiert Ratzinger somit und zwischen den Zeilen seine theologischen Zeitgenossen, die, vom Reformeifer des Zweiten Vatikanums beflügelt, wieder einem rationalistischen und verweltlichten Zeitgeist statt dem Geist Christi folgen würden. Er wirft ihnen vor, mit der "Gartenschere der Vernunft" vorzugehen und nicht in die Tiefen oder Höhen des geoffenbarten "organischen" Geschehens des katholischen Glaubens vorzudringen. Dass eine Kirche, die den katholischen Glauben zunehmend verliere, "kleiner" und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung "beraubt" werde, sei nicht verwunderlich, sondern absehbar.
 
Für die Kirche gibt es allerdings immer eine hoffnungsvolle Perspektive, wenn sie sich von den Heiligen prägen und erneuern lasse. Heiligmäßig lebende Kleriker oder einfache Katholiken, die in ihrem Alltagsleben nicht leidensscheu in die "Betäubung der Bequemlichkeit" fliehen, nicht "leere Worte" predigen oder einem "Kult der Aktion" folgen wollen, werden eine große Zukunft haben.  DT/reg

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