Vatikanstadt

Benedikt und Franziskus: Im Wesentlichen geeint

Die vergangenen fünfzehn Jahre haben der Kirche zwei Päpste vorgeführt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch im Kern wollen sie dasselbe.

Benedikt XVI. und Papst Franziskus
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. besucht Papst Franziskus im Kloster "Mater Ecclesiae" vor seiner Abreise nach Castelgandolfo, am 30. Juni 2015. Foto: Osservatore Romano (Romano Siciliani)

Es war ein spektakulärer Akt: Am Nachmittag des 28. Februar 2013 hoben im Vatikan zwei Hubschrauber ab. Sieben Jahre, zehn Monate und neun Tage war es damals her, dass Benedikt XVI. am 19. April 2005 die Bürde des Papstamtes auf sich genommen hatte. Jetzt saß er mit seinem Privatsekretär in dem einen Helikopter, in dem anderen ein Kamerateam, das den historischen Flug nach Castelgandolfo für alle Zeiten festhielt. Zum ersten Mal in der Neuzeit hatte ein Papst seinen Rücktritt angekündigt. Kurz später sollte sich hinter Benedikt das Tor der päpstlichen Sommerresidenz schließen. Das Pontifikat des 264. Nachfolgers Petri war beendet. 

Wer verkörpert das Papsttum mehr?

Seit jenem denkwürdigen Hubschrauberflug werden am kommenden Sonntag wieder sieben Jahre, zehn Monate und neun Tage vergangen sein. Der 93-Jährige hat eine Wendemarke erreicht: Benedikt XVI., der sich immer noch mit "Sua Santità" anreden lässt, eine weiße Soutane trägt und den Apostolischen Segen erteilt, ist nun länger Emeritus als amtierender Papst. Und Franziskus hat die Amtsdauer seines Vorgängers überholt. Es war eine Zeit, in der sich in den Medien die Rede von den "zwei Päpsten" eingebürgert hat, in denen Fotos und Videos um die Welt gingen, die beide weiß gekleideten Männer im Vatikan zeigen, der auch für Benedikt - in Gestalt des ehemaligen Klosters "Mater Ecclesiae" - die wohl letzte Station seines Lebens geblieben ist. Und es war eine Zeit, in der in manchen katholischen Kreisen nicht nur die Äußerlichkeit der beiden Päpste verglichen wurde, sondern auch die Substanz ihres Petrusdiensts. War Benedikt nicht der, der das lateinische Papsttum, die Kirche Roms, die Romanitas, mehr verkörperte als sein Nachfolger, der aus dem fernen Argentinien kam? Oder war und ist Franziskus doch nicht näher bei dem Menschen, mit seinen Gesten und seinem unprätentiösen Stil?

Dass es dabei eben nicht um rein Äußerliches geht, haben die Debatten bewiesen, die in den letzten sieben Jahren zwischen zwei Lagern geführt wurden, die mit dem Rücktritt Benedikts und der Wahl von Franziskus auf merkwürdige Weise ihre Position gewechselt haben, so als hätten im "orbis cattolicus" Nord- und Südpol ihre Stelle vertauscht: Die, die sich unter Benedikt als besonders papsttreu empfanden und für die Rom ein Fels in der Brandung war, gingen nun auf Distanz zum Papst, spätestens als Franziskus einem gewissen römischen Kurswechsel mit den beiden Synoden zu Ehe und Familie und "Amoris laetitia" einen greifbaren Ausdruck verliehen hatte. Und für die, die ihre Kirche oft durch die Brille des antirömischen Affekts gesehen und in Papst Benedikt einen Mann der Reaktion und einer vormodernen Kirche vermutet hatten, ging mit Franziskus die Sonne am Himmel der Reformen auf und Rom schien plötzlich nicht mehr ein Hemmschuh, sondern Garant für eine Kirche zu sein, die es wieder lernt, mit der Zeit zu gehen. Benedikt als Mann der Orthodoxie, der das Dogma über die Sorgen der Menschen stellt. Und Franziskus als Mann der Orthopraxie, der in Fragen der Lehre eins plus eins auch mal drei sein lässt, wenn es den Leuten dient.
Dieses Schema ist in der letzten Zeit kräftig durcheinandergeraten. Etwa bei denen, die sich von der Amazonas-Synode die Weihe von Frauen zu Diakonen oder die "viri probati" erhofften. Erst recht in Deutschland bei denen, die es erleben mussten, dass Franziskus eher zu einem Mahner auf dem Synodalen Weg wurde und den Vatikan in zwei Anliegen dem deutschen "Reformeifer" ein klares Nein entgegenhalten ließ: bei der Trierer Reorganisation der Pfarreien und bei der ursprünglich für den Ökumenischen Kirchentag dieses Jahres angepeilten Interkommunion.

Theologischer Lehrer vs. ermahnender Erzieher

Dennoch scheinen beide Nachfolger Petri zwei Antipoden zu sein, zwei krass getrennte Weisen, das römische Papsttum zu verkörpern. Benedikt, der als theologischer Lehrer, Glaubenspräfekt und Papst eine theologische Gesamtschau des christlichen Glaubens intellektuell so brillant vorlegen konnte, dass man ihn auch den "Mozart der Theologie" genannt hat. Der ebenso versucht hat, bei aller persönlichen Bescheidenheit der Ausübung des päpstlichen Amtes in Liturgie und öffentlichen Auftritten eine gewisse Würde, ja Feierlichkeit zu geben. Und Franziskus, der Erzieher, der mit wenigen, sich häufig wiederholenden Ermahnungen und Aufforderungen christliche Tugenden einschärfen will: die Barmherzigkeit, die Vermeidung der üblen Nachrede, Armut, Nächstenliebe, Friedensliebe und die Bewahrung der Schöpfung. Die drei Worte, die für ihn das Geheimnis eines gelingenden Familienlebens darstellen (Danke, Bitte, Verzeihung), hat man von ihm schon so oft gehört, dass Chronisten der päpstlichen Verkündigung im Inneren schon mitsprechen können, wenn Franziskus diesen Baustein in eine Ansprache einfügt. Was Protokoll und Zeremoniell angeht, hat er von seinem ersten Auftritt als Papst auf der Loggia des Petersdoms an gezeigt, dass er die schlichtestmöglichen Formen bevorzugt. 

Aber das Verbindende ist stärker. Beide, Benedikt XVI. und Franziskus, wollten und wollen, dass die Kirche wieder christlicher wird. In dem Sinne, dass sie das Einzige, was der christlichen Religion ihre Berechtigung und ihre Schönheit gibt, wieder in das Zentrum der Lebensvollzüge aller kirchlichen Gliederungen und der getauften Gläubigen rücken wollten: Die Tatsache, dass das christliche Ereignis weder eine Erfindung des genialen Völkerapostels Paulus ist, noch die Frucht der Erleuchtung einer messianischen Sekte des Judentums vor zweitausend Jahren und erst recht nicht eine theologische Ausgeburt von Kirchenlehrern und eines römischen Lehramts, sondern die unmittelbare Auswirkung des Einbruchs Gottes in die Menschheitsgeschichte durch den eingeborenen Sohn Jesus Christus. Beide setzten und setzen dabei unterschiedliche Akzente   aber im Grunde ging es um dasselbe. Wenn Franziskus von dem Verlust der übernatürlichen Wurzeln der Kirche spricht, warnt er vor der "mondanit ", der Weltlichkeit. Wenn Joseph Ratzinger einer Entkernung der christlichen Botschaft in der Kirche wehren wollte, rief er zur Entweltlichung auf, auch schon lange, bevor er als Benedikt XVI. die Freiburger Konzerthausrede gehalten hat. 

Mahner gegen Relativismus

Während der Generalkongregation der Kardinäle vor dem Konklave im März 2013 hat Kardinal Jorge Bergoglio eine kurze Ansprache gehalten, die viele Papstwähler beeindruckt hat: "Wenn die Kirche nicht aus sich herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, wird sie selbstbezüglich und dann wird sie krank", sagte er. "Die Wurzeln der Übel, die zu allen Zeiten kirchliche Einrichtungen heimgesucht haben, liegen in der Selbstbezüglichkeit, in einer Art theologischem Narzissmus." Ohne es zu merken, glaube eine selbstbezügliche Kirche daran, dass sie ein eigenes Licht habe. Sie "lässt das schwerwiegende Übel der geistlichen Verweltlichung zu, dieses Leben, um sich gegenseitig die Ehre zu erweisen. Um es zu vereinfachen: Es gibt nur zwei Kirchenbilder: die Kirche, die das Evangelium verkündet und aus sich herausgeht, die Gottes Wort in religiöser Ergebenheit hört und treu verkündet, oder die verweltlichte Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt."

Wie für Franziskus die Radikalität des Evangeliums im Mittelpunkt steht, so hängt auch für Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. die Wahrheit des Christentums, das heißt die Wahrheit des Evangeliums daran, dass das Leben Jesu, sein Sterben und seine Auferstehung das Leben des einzelnen Menschen auch heute noch grundlegend verändern, das heißt ihn erlösen kann. 

Diese Grundüberzeugung ließ ihn zum Mahner gegen jede Form des Relativismus werden, in der Theologie, etwa in Form einer pluralistischen Religionstheorie (darum "Dominus Iesus"), oder in den amtlichen Strukturen einer Kirche, die ihre Christozentrik verliert und sich nach dem Maßstäben dieser Welt einrichten will. Ansonsten haben die vergangenen fünfzehn Jahre dem katholischen Erdkreis zwei Päpste vorgeführt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Cattolica hat wieder einmal bewiesen, dass die Einheit im Wesentlichen nicht mit Gleichförmigkeit im Äußeren gleichzusetzen ist.

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