Bautzen

Beinahe so auffällig wie Außerirdische

Die Klarissen in Bautzen leben in völliger Hingabe an Gott, ihr Leben ist vom Gebet durchdrungen - dadurch fallen sie auf und ziehen Menschen an.

Klarissen in Bautzen
Was auch Ungetaufte in Ostdeutschland immer wieder zum Nachdenken bringt: Für Schwester Serafina (li.) und Schwester Clara (re.) steht Christus im Mittelpunkt ihres Lebens. Foto: Privat

Wenn ich zur Anbetung komme, beladen mit allen möglichen Problemen, dann sag ich zum Herrn: Jetzt kümmere ich mich nur um dich – und du kannst dich um meine Nöte sorgen“, sagt Schwester M. Clara, die Äbtissin des Bautzener Klarissenklosters. Die Natürlichkeit, mit der sie und ihre sechs Mitschwestern in der Gegenwart Gottes leben, ist überwältigend. Ihr Alltagsleben ist vom Gebet durchprägt, einen besonderen Stellenwert hat die Anbetung: „Uns ist wichtig, dass wir Jesus niemals allein lassen und wenigstens eine von uns bei ihm betet“, so die Äbtissin.

Anbetung ist gelebte Treue

Welche Freude die Gegenwart Jesu schenkt, weiß die jüngste Schwester: Schwester M. Serafina ist mit gerade einmal 24 Jahren Feuer und Flamme für das Ordensleben. „Schon als ich in der zweiten Klasse ein Buch über Heilige las, hat mich Klara unwahrscheinlich fasziniert.“ Im Alter von sieben Jahren wusste sie, dass sie Ordensschwester werden will: „Mich hat etwas gefesselt, das man einfach nicht in Worte fassen kann.“ Mit dreizehn Jahren kam sie erstmals mit einer Freundin ins Bautzener Kloster und wusste sofort, dass sie hierhin gehört. „Mit vierzehn Jahren stand sie dann tränenüberströmt vor mir, weil sie unbedingt eintreten wollte – aber das ging damals freilich noch nicht“, erinnert sich Äbtissin Clara. Als Schwester Serafina dann nach ihrem Abitur 2016 eintrat, war es, als sei sie zu Hause angekommen. Bereut habe sie den Entschluss keinen Tag. Ob ihr das Leben als Ordensschwester und die viele Gebetszeit nicht manchmal langweilig werde? „Oh nein! Am Anfang gibt es da gar keinen Überdruss, im Gegenteil passiert im Gebet ja noch so viel! Und auch in trockenen Phasen erlebe ich die Anbetung einfach als gelebte Treue.“

„Stelle dein Herz vor das Bild der göttlichen Wesenheit, und forme deine ganze Person durch die Anbetung in das Bild seiner Gottheit um“, so hatte es die heilige Klara geschrieben. „In der Anbetung schenke ich Jesus Zeit und darin ein Stück meines Lebens, in dem es nicht darum geht, dass ich etwas mache, sondern einfach liebe und geliebt werde“, so sagt Schwester Clara heute, „Gott will, dass wir echt werden, unsere Berufung freilegen, dass wir erkennen, dass er einen Plan mit uns hat.“ – Sie weiß, wovon sie spricht: Einst den Franziskanerinnen im Kloster Sießen beigetreten, arbeitete die Theologin als Pastoralreferentin, bis sie eines Tages merkte, dass sie Gott mehr zur Kontemplation ruft. „Es gab eine kontemplative Gruppe in Sießen, der ich eine Zeit angehörte, aber dann stellte sich die Frage: Gehe ich wieder aktiv in die Seelsorge oder ist die Kontemplation meine Berufung?“

Auf Gebet um Nachwuchs folgt eine Eingebung

In einem Traum hatte sie die Eingebung, sie solle sich bei Bischof Reinelt melden. „Ich war ziemlich überrascht, denn ich wusste gar nicht, wo der eigentlich Bischof ist“, sagt die heutige Äbtissin, „aber ich merkte, dass, wenn diese Eingebung von oben kommt, ich darauf eingehen muss – und nach einigen Gesprächen in Sießen schrieb ich einen Brief an den Dresdner Bischof.“ Der erhielt ihn am Abend nach der 75-jährigen Jubiläumsfeier des Klarissenklosters in Bautzen, auf dem er gepredigt hatte, dass Nachwuchs zum Konvent käme, wenn nur gebetet würde. Offenkundig beteten die Schwestern gut, denn Schwester Clara entschied sich bald, dem Ruf nach Bautzen zu folgen.

Doch wie lässt sich der Wille Gottes finden? Für Schwester Clara ist es wichtig, Gott ernst zu nehmen und sich klarzumachen, dass er für jeden eine konkrete Idee bereithält. „Ich muss zu einer Indifferenz finden, in der ich frei werde von meinen festen Vorstellungen, um alle Optionen zu sehen und Gott freizugeben. Es geht darum ehrlich zu beten: ,Dein Wille geschehe!‘“ Zu dieser geistlichen Weite verhelfen die Schwestern auch Besuchern, die im „Engelhaus“ beherbergt werden können. „Unsere Gäste sind hier auch bei Jesus zu Gast und werden von ihm verwöhnt.“ Viele kommen mit Konfliktsituationen. „Jeder Mensch ist eine Berufung. Wir helfen, wenn wir zuhören: Dann merken wir, dass die Lösungen der Probleme in jedem selbst liegen. Jeder Mensch bringt seine Potenziale mit und wir müssen sie nur freilegen.“ So finden im Kloster auch regelmäßig junge Frauen aus den neuen Bundesländer zum „Treffpunkt St. Clara“ zusammen, auf der gemeinsamen Suche nach dem Weg, den Gott für jeden bereithält.

Die Andersartigkeit der Schwestern fasziniert die Menschen

Das Klarissenkloster ist dabei keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass die wenigsten Menschen in Sachsen einer Konfession angehören. Viele Menschen begegnen den Schwestern interessiert – als seien sie lebendige Fragezeichen. „Ich wollte heute früh den Reifendruck unseres Autos prüfen und hab mich wohl etwas untalentiert angestellt. Da eilte mir ein junger Mann zu Hilfe und wollte wissen, was wir im Kloster so machen würden“, berichtet Schwester Claras. Ihre Antwort: „Wir wollen Gott lieben, anbeten und ganz für ihn da sein!“ Der Mann war verblüfft: „Das ist ja eine ganz andere Welt, ich muss Sie mal besuchen kommen!“

Seit Sr. Clara vor 20 Jahren nach Sachsen kam, hat sich ihr Blick auf Menschen außerhalb der Kirche stark verändert. „Damals waren das einfach Nicht-Christen, heute sind sie für mich geliebte Kinder Gottes.“ Die Äbtissin sieht es als Auftrag, den Willen Gottes zu suchen – für ihr Leben und das Leben derer, die sich ihr anvertrauen. Ein Gespräch mit ihr wirkt wie ein Vitalisierungsprogramm, das Gott in jedem von uns neu Mensch werden lässt. Und die Frage nach Gott macht ihr Mut: „Im Westen fragten mich die Leute meistens nach der Kirche. Im Osten fragen sie mich nach Gott: Gibt es ihn wirklich? Hat er etwas mit mir vor?“ Der missionarische Geist der Klarissen zeigt sich darin, Zeugnis von einer echten Gottesbeziehung zu geben, einer großen Möglichkeit für jeden Menschen, die in manchen Oberflächlichkeiten des kirchlichen Alltags auch übersehen werden kann. Das Bautzener Klarissenkloster ist eine Einladung, dem Wirken Gottes im eigenen Leben Raum zu geben. „Wer Jesus kennenlernen will und gern zur Anbetung kommt, der soll uns unbedingt besuchen!“, sagt Sr. Serafina mit einem Enthusiasmus, der jede Sorge um die Zukunft der Kirche schwinden lässt.

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