Vatikanstadt/Washington

Bei McCarrick hat niemand genau hingeschaut

Der umfangreiche Bericht des Staatssekretariats zur Causa McCarrick ist kein Report über den Täter, sondern über den Vatikan und die Ortskirche in den USA.

Missbrauchsvorwürfe gegen McCarrick
Wie konnte es geschehen, dass es zwar viele Gerüchte über den genialen Spendensammler McCarrick gab, niemand aber bereit war, diesen auf den Grund zu gehen? Foto: Robert Franklin (Pool South Bend Tribune)

Mehrfach spricht der am Dienstag vom Vatikan veröffentlichte McCarrick-Report von unvollständigen, teilweise anonymen, in jedem Fall aber nicht ausreichenden Informationen über das Doppelleben des ehemaligen Erzbischofs und Kardinals. Auch als der New Yorker Kardinal John O'Connor 1999 in einem Schreiben an den Apostolischen Nuntius in den Vereinigten Staaten vor einer Beförderung McCarricks auf den Sitz des Erzbischofs von Washington warnt und Papst Johannes Paul II. eine Untersuchung anordnet, liefern die vier damit beauftragten Bischöfe im Staat New Jersey Informationen, die dem Vatikan-Bericht zufolge "ungenau und unvollständig" waren. 

Johannes Paul II. glaubte ihm

Dennoch wurde McCarrick damals von der Liste der Kandidaten genommen. Bis dieser einen Brief an den Papst-Sekretär Stanislaw Dziwicz schrieb, in dem er schwört, "niemals sexuelle Beziehungen mit einer Person - Mann oder Frau, jung oder alt, Kleriker oder Laie - gehabt zu haben". Johannes Paul II. glaubte ihm und wählte ihn selber für den Bischofsstuhl in Washington aus, was McCarrick schließlich auch die Kardinalswürde einbrachte. Als Erzbischof in Polen hatte Karol Wojtyla immer wieder erlebt, dass das kommunistische Regime Bischöfe und Priester durch falsche Anschuldigungen in Verruf bringen wollte. 

Diese Mischung aus Milde und Gutmütigkeit bei den Oberen   die Päpste eingeschlossen - und der mangelnden Informationen aus dem unmittelbaren Umfeld zieht sich über lange Strecken des McCarrick-Reports, der mit seinen weit über vierhundert Seiten noch einer gründlichen Durchsicht bedarf. Auch die Toleranz, mit der man dem Kardinal bei seinen Reisen und Auftritten zusah, obwohl ihn Benedikt XVI. wegen der Anschuldigung der sexuellen Belästigung Erwachsener vom Amt des Erzbischofs entfernt und die Bischofskongregation McCarrick zu einem zurückgezogenen Leben aufgefordert hatte, ist typisch für jene Zeit, in der es so aussah, als hätte die Kirche nichts aus den Missbrauchsskandalen um die Jahrhundertwende gelernt. Auch der damalige Nuntius in Washington, Erzbischof Carlo Maria Viganò, unternimmt keine ernsthaften Schritte, um die öffentlichen Aktivitäten McCarricks zu stoppen. 

Kein Report über McCarrick

Auffallend: Man liest nichts von Opfern, die sich mit konkreten Klagen an die kirchlichen Verantwortlichen gewandt hätten. Das ändert sich erst spät, sehr spät, 2017, als zum ersten Mal eine Anschuldigung des Missbrauchs an einem Minderjährigen auftaucht. Auf einmal hat sich das Klima gewandelt: Der Vatikan eröffnet ein kanonisches Verfahren - und jetzt melden sich Opfer und Zeugen. Ihre Aussagen werden dazu führen, dass McCarrick aus dem Kardinalsstand entlassen und in den Laienstand zurückversetzt wird.

Der jetzt vorgelegte Bericht des Vatikans ist kein Report über McCarrick. Da lief ein kanonisches Verfahren, es liegen zahlreiche Zeugenaussagen vor und der heute 90 Jahre alte Missbrauchstäter wurde abgestraft. Vielmehr ist es ein Report über den Vatikan selbst und die Ortskirche in den Vereinigten Staaten: Wie konnte es geschehen, dass es zwar viele Gerüchte über den genialen Spendensammler gab, niemand aber bereit war, diesen auf den Grund zu gehen? Weder in der Heimat des Ex-Kardinals, noch in der Kurie, wo man zumindest einen Anfangsverdacht haben musste   und das schon 1999, als der Kardinal von New York den Vatikan vor einer Beförderung des Bischofs warnte. Mit dieser Optik wird man den Bericht lesen müssen, für den das Staatssekretariat zwei Jahre gebraucht hat, nachdem Ex-Nuntius Viganò  heftige Vorwürfe gegen Papst Franziskus geäußert und ihn zum Rücktritt aufgefordert hatte. Das Vertrauen vieler Katholiken in den Vereinigten Staaten und nicht zuletzt mancher Großspender in die Kirche haben die Klagen Viganòs zutiefst erschüttert. Immerhin: Der Report ist da. Es hat lange gedauert. Und es wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, den Bericht auch auszuwerten.

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