Augsburg/Krakau

Auf den Spuren  Johannes Pauls II.   

Der Weg des Jahrhundertpapstes. Polens jüngste Geschichte ist ohne Johannes Paul II. nicht denkbar. Ein Reisebericht aus der Heimat des polnischen Papstes.

Zakopane, Fatima-Sanktuarium

Wer dem Menschen Karol Wojtya in Krakau und Umgebung begegnen will, muss tief in die Geschichte einsteigen. Denn bis heute erschließt sich das Selbstverständnis unserer östlichen Nachbarn erst dann, wenn man um die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert weiß und die Tatsache, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Land nur eine kurze Zeit staatlicher Souveränität vergönnt war, bis sie endlich nach über 250 Jahren mit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" wieder möglich wurde. Die Pilgerreise anlässlich des 100. Geburtstags des heiligen Johannes Paul II. Mitte September hat mich darüber hinaus manch geistlichen und pastoralen Aspekt im seelsorglichen Wirken dieses Papstes, dem ich von 1996 bis 2002 im vatikanischen Staatssekretariat diente, neu erkennen lassen. Unterwegs auf seinen Spuren wird lebendig, was er in seiner Antrittsenzyklika "Redemptor hominis" (1979), seinem Regierungsprogramm, als Grundsatz aufstellte: "Der Mensch in der vollen Wahrheit seiner Existenz ( ), er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt" (Nr. 14).  

Grausame Willkür erlebt

Im Steinbruch und bei zahllosen Nachtschichten in einer Chemiefabrik musste der junge Karol während der deutschen Besatzungszeit buchstäblich am eigenen Leib erfahren, wie sehr grausame Willkür und Entrechtung den Menschen demütigen. Der Gebetskreis des Schneiders und Mystikers Jan Tyranowski gab ihm in dieser Zeit den so notwendigen Halt und wies ihm, der früh das Skapulier trug, den Weg in die Spiritualität des Karmel. Mit 21 Jahren zur Vollwaise geworden, entschied sich Karol Wojtyla für das Theologiestudium, wohl wissend, dass er sich damit zusätzlich in Lebensgefahr begab. Doch er, der nach dem frühen Verlust der Mutter schon als Kind zur Muttergottes von Kalwaria Zebrzydowska, einem Wallfahrtsort nahe der Heimatstadt Wadowice, seine Zuflucht genommen hatte, setzte alles auf eine Karte: "Was er euch sagt, das tut", diesem Auftrag Mariens im Johannesevangelium (Joh 2,5) wusste er sich zeitlebens verpflichtet. Sie war es, der er sich gemäß einem Gebet des heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort schon 1939 ganz und gar anempfahl   mit der Bischofsweihe im Jahr 1958 bestimmte das "Totus tuus" endgültig sein Leben.  

Heiliger in Ausbildung

Was Johannes Paul II. in seinem autobiographischen Rückblick auf 50 Jahre Priestertum als "Gabe und Geheimnis" benannte, macht bis heute seine Faszination aus: Wie kaum ein anderer hat er seine Heimat, Europa, ja die Welt geprägt, als ein reich mit intellektuellen, emotionalen und mystischen Fähigkeiten ausgestatteter Mensch, der sich ganz Gott überließ und damit ganz frei wurde für einen Auftrag von weltgeschichtlichem Ausmaß. Das Evangelium wurde ihm so sehr zur Richtschnur, dass er die Heiligung des eigenen Lebens als zentrale Aufgabe des Christen begriff, für die er während seines langen Pontifikates unermüdlich warb. Eine Anekdote aus seinem ersten Studienjahr an der Krakauer Universität   er hatte sich für die Hauptfächer Philosophie und Polnische Literatur eingeschrieben   erzählt, dass Mitstudenten auf seinen Sitzplatz im Hörsaal einen Zettel gelegt hatten, mit dem Hinweis: "Karol Wojtyla, Heiliger in Ausbildung."  

Memento mori

Im ersten Rundschreiben für das neue Jahrtausend, "Novo millennio ineunte" (2001), betonte Johannes Paul II. unter Rückgriff auf 1 Thessalonicher 4,3: "Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit" und fährt fort: "Dieser Auftrag betrifft nicht nur einige Christen   alle Christgläubigen ( ) sind zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen. ( ) Es handelt sich um einen Weg, der ganz von der Gnade gehalten ist und dennoch einen starken geistlichen Einsatz verlangt. Er kennt auch schmerzvolle Reinigungen (die "dunkle Nacht")  " (Nr. 30/33).

Papst Johannes Paul II. während eines Besuchs bei Attentäter Mehmet Ali Agca im Gefängnis in Rom.
Papst Johannes Paul II. während eines Besuchs bei Attentäter Mehmet Ali Agca im Gefängnis in Rom. Foto: imago stock&people

Sie durchlebte er selbst zur Genüge: Den Besuchern des Museums im Wadowicer Geburtshaus gehen die Schüsse auf dem Petersplatz am 13. Mai 1981 durch Mark und Bein und minutenlang kann man sich nicht von der zusammenbrechenden weißen Gestalt auf der riesigen Leinwand lösen  Alter, Krankheit und Kräfteverfall des einst sportlich so aktiven und durchtrainierten Papstes werden im Zeitraffer von Filmaufnahmen und Fotografien noch einmal deutlich und erinnern an einen Nachfolger Petri, der unverstellt und in aller Öffentlichkeit sein persönliches Kreuz dem Herrn nachtrug. Ein Vorbild, das für sich sprach und ein Memento mori für Millionen! 

Habt keine Angst!

Selbstheiligung nach dem Beispiel Johannes Pauls II. ist jedoch nicht Selbstzweck nach dem Motto: Jesus und ich   das ist das Wichtigste. Auch wenn er durch und durch ein Mann des Gebetes war, wie uns Kardinal Stanislaw Dziwisz, sein treuer Sekretär durch 39 Jahre, bei einer Zusammenkunft im neu gebauten Centrum "Habt keine Angst!" in Krakau-Lagiewniki erklärte: Schon als Krakauer Erzbischof und Kardinal sei der Papst im Alltag ganz familiär und ungezwungen gewesen und gleichzeitig ein Mensch, vor dem man ganz natürlich Respekt empfand, weil man spürte, dass er in beständiger Gebetsverbindung mit dem Herrn war. Seine engste Umgebung wusste, dass er sehr häufig die Kapelle aufsuchte, auch des Nachts, um dort hingestreckt mit dem Gesicht auf dem Boden, wie er es bei der Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe getan hatte, zu verharren, oft stundenlang.

Schule des Gebets

Johannes Paul II. weiß also, wovon er spricht, wenn er in der genannten Enzyklika alle Gläubigen anspricht: "Ja, liebe Schwestern und Brüder, unsere christlichen Gemeinden müssen echte  Schulen  des Gebetes werden", um im selben Atemzug hervorzuheben: "Ein intensives Gebet also, das jedoch nicht von der historischen Aufgabe ablenkt: Denn während es aufgrund seiner Natur das Herz der Gottesliebe öffnet, öffnet es dieses auch der Liebe zu den Brüdern" (Nr. 35). Wahre Gottesliebe zeigt sich in der Nächstenliebe und umgekehrt. Echte Verbundenheit mit Christus macht uns zu Menschen, die sich ergreifen und verwunden lassen von der Not und dem Leid unserer Mitmenschen, seien sie nah oder fern. Darin zeigt sich die Glaubwürdigkeit unseres christlichen Lebens und danach werden wir am Ende gerichtet werden (vgl. Mt 25). 

Dies ist die Basis der "Neuevangelisierung", die wir bis heute mit diesem Papst verbinden; Denn "wer Christus wirklich begegnet ist, kann ihn nicht für sich behalten, er muss ihn verkündigen. Ein neuer apostolischer Aufbruch tut not, der als tägliche Verpflichtung der christlichen Gemeinden und Gruppen gelebt werden soll, ( ) jedoch mit dem gebührenden Respekt vor dem jeweils unterschiedlichen Weg eines jeden Menschen" (Nr. 40).

Welch eine Wertschätzung vor dem Geheimnis eines jeden Menschen und zugleich der Führung Gottes diesen heiligen Seelsorger von Beginn seines pastoralen Wirkens an erfüllt hat, erfahren wir im Zusammenhang mit dem Besuch von Kazimierz, jenem Stadtteil Krakaus, der seit dem 14. Jahrhundert den aus Westeuropa vertriebenen Juden Zuflucht bot und bis zur Vernichtung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten wegen seiner zahlreichen Synagogen religiöser Mittelpunkt der gesamten Region gewesen war. Im Unterschied zu den meisten Christen heute besaß der junge Karol ganz selbstverständlich jüdische Freunde, wechselte, wenn ein Torwart gebraucht wurde, beim Fußballspielen in die Mannschaft mit mehrheitlich jüdischen Altersgenossen und wusste, wie eine Synagoge von innen aussah.

Jüdische Freunde

Als er 1948 gebeten wurde, einen Sechsjährigen zu taufen, dessen Eltern ihn vor ihrer Deportation nach Auschwitz einer katholischen Familie übergeben hatten und das Vernichtungslager nicht überlebten, weigerte er sich mit dem Hinweis, dass "der Junge ja bereits einer Religionsgemeinschaft angehöre und bei einem Kind nicht von einer freien Willensentscheidung die Rede sein könne" (zit. n. Drobinski/Urban: Johannes Paul II, München 2020, S. 62). Tatsächlich war es Jerzy Kluger, sein jüdischer Jugendfreund, der Jahrzehnte später den denkwürdigen Besuch des Papstes in der Synagoge von Rom 1986 vorbereitet hat. Im selben Jahr rief Johannes Paul II. Vertreter aller christlichen Kirchen und der Weltreligionen nach Assisi, die Stadt des hl. Franziskus (1181/82 1226), der nicht zuletzt aufgrund der Stigmata schon zu Lebzeiten als "alter Christus   ein zweiter Christus" galt: Hintergrund für das bisher unübertroffene Engagement des Papstes im interreligiösen Dialog, den er vollkommen glaubwürdig und wahrhaftig führte.

Das neue Jahrtausend

2001 mahnt er ihn auch als Aufgabe für das dritte Jahrtausend an: "Wir Christen haben die Pflicht, ihn so zu entwickeln, dass wir das volle Zeugnis der Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15) vortragen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, dass eine Beleidigung für die Identität des anderen sein könnte, was frohe Verkündigung eines Geschenkes ist: eines Geschenkes, das für alle bestimmt ist und allen mit größter Achtung der Freiheit eines jeden angeboten werden soll" ("Novo millennio ineunte" Nr. 56). In all dem dürfen wir das Vermächtnis dieses großen Heiligen sehen. 

 


Kurz gefasst 

Polen ist nicht ohne die Geschichte Johannes Pauls II. denkbar   und umgekehrt. Seine tiefgläubige Familie, die marianisch geprägte Frömmigkeit, der Widerstand gegen Nationalsozialisten und Kommunisten sowie die Verbundenheit mit seinen Landsleuten prägten Karol Wojtyla. Um die Texte des Papstes verstehen zu können, hilft ein Blick auf seine Lebensstationen. Der Autor, der während des Pontifikats Johannes Pauls II. mehrere Jahre im vatikanischen Staatsekretariat tätig war, zeichnet den geistlichen Werdegang des Jahrhundertpapstes facettenreich nach. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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