Jahr des heiligen Josef

Auch Geistliche sind zur Vaterschaft berufen

Unsere Zeit braucht geistliche Väter, die das Gebet an erste Stelle setzen, vollkommen auf Gott vertrauen und andere ermutigen. Der Nährvater Jesu kann ein Vorbild für uns Priester in diesen Eigenschaften sein. Persönliche Erfahrungen aus der Gemeinschaft "Vor-Oratorium St. Josef" in Ingolstadt.

Kapelle St. Josef Vor-Oratorium In Ingolstadt
Der konzentrierte Blick nach innen signalisiert maximale Aufmerksamkeit für Gott. Die Statue des heiligen Josef in der Kapelle des Ingolstädter Vor-Oratoriums spiegelt die kontemplative Seite eines Weisen. Foto: Privat

Wir Priester der „vaterlosen Gesellschaft“ (A. Mitscherlich) wissen: Vater wird man nicht allein durch Zeugung eines Kindes. Vaterschaft ist mehr als eine bloße Funktion, die einem biologischen Vorgang entspringt. Gibt es vielleicht sogar eine tiefe ontologische Parallele zwischen der Vaterschaft Josefs und der Priesterweihe?

Nicht alles auf einmal machen und verwalten wollen

Ich könnte an dieser Stelle viele Geschichten erzählen, unter welchen Fügungen des heiligen Josef sich unsere Gemeinschaft „Vor-Oratorium St. Josef Ingolstadt“ seit dem 12. September 2015 entwickelt. In Anlehnung an Psalm 127 könnten wir bezeugen, dass es der heilige Josef ist, der unser Haus baut. Weil nun im neuen Apostolischen Schreiben „Patris corde“ von Papst Franziskus die Aussage gleich einem Seufzer enthalten ist „Die Welt braucht Väter“ (Papst Franziskus, AS Patris corde Nr. 7), liegt ein anderes Thema auf der Hand. Wie erleben wir Priester im Vor-Oratorium das Wachsen in der geistlichen Vaterschaft in der Schule Josefs?

Unsere zurzeit vier Mitglieder umfassende kleine oratorianische Gemeinschaft formiert sich in einer Zeit der zu Ende gehenden Volkskirche alter Prägung. An allen Ecken und Enden werden Aufgaben sichtbar, die zuvor eine Mehrzahl von Vorgängern im Amt mit Sorgfalt und Engagement angegangen sind. In sie hineingeworfen erliegt ein Priester sehr schnell der Versuchung, alles machen und verwalten zu wollen. Zu leicht gerät Psalm 127, 1 aus dem Blick: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.“ Deshalb steht in unserer Hauskapelle keine klassische Figur von Josef als Arbeiter mit Hobel und Messwinkel, sondern ganz bewusst eine „kontemplative“ Statue aus den Werkstätten der Monastischen Familie von Bethlehem. Still, gesammelt, mit geschlossenen Augen steht er rechts neben dem Altar.

Das Gebet an erste Stelle im Terminkalender setzen

Wenn wir morgens um Viertel nach sechs unsere halbe Stunde kontemplativen Gebets beginnen, ist er uns immer eine Mahnung: Vergiss nicht das Wichtigste, die Versenkung in Gott! Wenn wir vom Aktionismus und den Zerstreuungen des Tages verschluckt werden, hilft uns ein Blick auf ihn, der still dasteht und betet. Er erinnert uns daran, dass wir das Gebet als wichtigsten und vorrangigen Punkt als Erstes in den Terminkalender eintragen müssen. Denn unser Herr Jesus Christus verdient in einem Oratorium einen anderen Rang, als in zufällig freiwerdende Lücken geschoben zu werden.

Die Schreinerei, vor allem der mit großen Balken hantierende Bauschreiner, verlangt eine große physische Stärke. Wie leicht könnte man sich den heiligen Josef als einen kräftigen, ja athletischen Mann vorstellen, mit starkem Nacken und ausgeprägtem Bizeps. Mit dieser Power wäre es mir ein Leichtes, die Arbeit von gefühlt fünf Vorgängern zu schultern. Die schlanke, ruhige Statue in unserer Hauskapelle lehrt mich hier eine weitere Lektion.

Schwächen zulassen

Wie viele Männer neige ich dazu, Problemlöser sein zu wollen. Ich vermute, es gibt viele Frauen auf der Welt, die still darunter leiden, dass ihre Männer nicht hören und aushalten, sondern loslaufen und Probleme lösen wollen. So gut dieser männliche Wesenszug sein kann, er verschenkt wesentliche Potenziale geistlichen Lebens.

Ich will es nicht so formulieren, dass geistliche Vaterschaft die Entwicklung der weiblichen Persönlichkeitsseiten voraussetzt. Greifbarer erscheint mir Kolosser 3, 21: „Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.“ Geistliche Vaterschaft möchte keine Abhängigkeiten erzeugen, sondern die erwachsen werdenden Kinder in die größere Freiheit ihres Lebens entlassen. Dazu braucht es die Schule der eigenen Schwäche. Gott möchte durch mich Priester als unvollkommenes und schwaches Werkzeug wirken. Lass es zu! Nimm es an! An meinen inneren Aggressionen zeigt sich meine Verdrängung, an der wachsenden Sanftmut das Gelingen der Annahme meiner Schwäche. Dann wird die eigene Schwäche zum Garten, in dem andere wachsen können.

Ein positives Bild vom Mannsein fördern

Der Distanzunterricht zu Corona-Zeiten bietet auch seine Chancen. Ich musste schmunzeln, als mir ein Kollege von der Ehrlichkeit seiner Zwölftklässler berichtete. Ihnen gefiel der Religionsunterricht plötzlich viel besser, weil er von dem „gefühligen Zeug“ entlastet war. Nicht mehr so oft Stimmungen erzeugen, Bilder beschriften und Gefühle beschreiben, sondern mehr fremde Inhalte in den Mittelpunkt stellen. Der Kollege stellte die Frage, ob unsere Religionspädagogik nicht vielleicht doch etwas zu stark „feminisiert“ sein könnte? Frauen schätzen im Umgang mit Priestern, dass sie oft besser zuhören können als ihre eigenen Männer. Dass dahinter die Gefahr lauert, zu einer Kompensation für die Defizite des Ehemanns zu werden, muss uns Seelsorgern bewusst sein.

Der heilige Josef erinnert mich immer wieder daran, dass meine Rolle als Priester die geistliche Vaterschaft, nicht Mutterschaft ist. Um nur einen Aspekt herauszugreifen: Angebote für Frauen gibt es in der Kirche mehr als genug. Gruppen für Männer, egal ob Singles oder verheiratet, fehlen fast überall. Nicht allein in der Grundschule wird das Fehlen der Väter zuhause in der Zuwendung einiger Kinder, vor allem der Jungs, deutlich: Sie suchen den Vater. Geistliche Vaterschaft kann und darf jedoch den leiblichen Vater nicht ersetzen. Sie soll aber die Entwicklung eines positiven Bildes vom Mannsein fördern.

Mut zur Spontanität

Diese Haltungen versuchen wir, in unser tägliches geistliches Leben zu integrieren, im täglichen stillen Gebet, im Josefsgebet unserer Gemeinschaft, sowie in der jährlichen Novene vor dem Josefsfest. Insbesondere im Entstehen einer Gemeinschaft braucht es dieses bereits erwähnte kindliche Vertrauen auf die Regie Gottes in allen alltäglichen Dingen: Einkommen, Einsatzfelder, Wohnsituation, Einbindung in die Strukturen der Diözese und vieles mehr.

Jetzt in Zeiten des Lockdowns spüren wir, dass wir an der Spontanität Josefs wachsen müssen. Wie er müssen wir fähig werden, auf den Anruf Gottes zu hören, um Gewohntes hinter uns zu lassen. Die Pandemie wird nur dann eine Chance für uns vor Ort werden, wenn wir begreifen, was es zu bewahren und was es zu verändern gilt. So tritt etwa die Notwendigkeit kleiner geistlicher Gruppen (oratorium saeculare) mit einem höheren Bewusstsein für die Entwicklung und Pflege geistlicher Freundschaften immer deutlicher hervor. Schon der heilige Philipp Neri, der Gründer des Oratoriums, wusste um diese Wirkweise des Heiligen Geistes, wenn er betete: „Ich kann nichts Gutes tun, wenn Du mir jetzt nicht hilfst.“

Kindliches Vertrauen zu Gott aufbauen

Geistliche Vaterschaft muss sich auch im Umgang mit dem Geld zeigen. Zu oft blenden wir in Deutschland die Finanzen als Übungsfeld der Heiligkeit aus. Wir möchten, angeregt vom heiligen Josef, einen einfachen Lebensstil pflegen und unser kindliches Vertrauen in Gott dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir kein Vermögen anhäufen. Für den Leser mag es überraschend klingen. Aber für diese Haltung des Vertrauens haben wir eine einfache Geste gefunden. Inspiriert durch den Artikel „Der Wunschbrief an den heiligen Josef“ (in: Triumph des Herzens III 2019 [Nr. 154], S. 28-31) haben wir einen ebensolchen Wunschbrief verfasst, in dem wir unsere Wünsche für die Entwicklung unserer Gemeinschaft formuliert haben. Sicher werden wir dem Willen des Vaters folgen. Aber seit dem 18. Juli 2019 liegt unser „Wunschbrief“ unter den Füßen des heiligen Josef. An ihm soll sich unsere geistliche Vaterschaft messen. Dafür ist dieses kleine Papier ein täglicher Zeuge.

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