Aachen

Askese auf der Kanzel

Warum sich Predigthygiene in der katholischen Kirche nicht nur in Coronazeiten empfiehlt.

Don Camillo auf der Kanzel
Ein Meister des Wortes in seiner Zunft: Vor langweiligen Predigten behütete der Herr Don Camillo. Foto: Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Man darf über alles predigen, nur nicht über zehn Minuten!“ Diese – vor allem in der katholischen Predigtausbildung geltende – Seminarweisheit ist nicht selten ein frommer Wunsch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sonntagspredigten laufen gerne aus dem Ruder, vor allem, wenn sie im Freistil gehalten werden ohne ihn zu beherrschen. Das freie Formulieren einer Predigt kann sie lebendiger machen als die ausformulierte Variante. Sie kann aber auch zur Qual für den Zuhörer werden, wenn der Prediger nicht nur auf ein schriftliches, sondern auch auf ein gedankliches Konzept verzichtet, das es ihm in spontanen Formulierungen gestatten würde, den heutigen, von den Kurzbotschaften in den Medien und sozialen Netzwerken konditionierten Zuhörer bei der Stange zu halten. Die Kunst des Predigens besteht eben darin, die Gemeinde zu fesseln, um sie anschließend mit einer nachhaltigen Botschaft wieder in die Freiheit zu setzen. 

Und genau das gelingt in unserer Zeit der Wortfluten immer weniger. Der Rundfunk trickst bei seinem Umgang mit dem Wort gerne mit musikalischen Unterbrechungen. Denn es ist eine Erfahrung, dass der Hörer gerne den Sender wechselt, wenn er nicht alle paar Minuten durch Musikbeiträge bei Laune gehalten wird. Dieser Strategie kann sich der Prediger nicht bedienen. Er turnt am Hochreck einer zwar nicht zum Umschalten, jedoch zum inneren Abschalten in der Lage befindlichen Zuhörerschaft. Prediger kennen diesen Stand-by-Modus einer Gottesdienstgemeinde, der dem Einschlafen vorausgeht.

Sonntagspredigt ist keine Sonntagsschule

Hier hilft nur eines: lebendiges Sprechen von konkreten Dingen, ein guter Predigteinstieg, der die Zuhörer mitnimmt und in Schwung versetzt und – je nach rethorischen Fähigkeiten – Kürze. Der heutige Sonntagsmessbesucher kommt nicht wie vor dem Medienzeitalter zur Messe mit der Absicht, dort neben seinen religiösen Pflichten gleichzeitig seine Wocheninsel an Kultur, Musik und Bildung zu finden. Die Sonntagsschule als inkorporiertes Element der Liturgie hat für die Wahrnehmungskapazitäten heutiger Konsumenten ausgedient. Zwar will jeder für die Woche etwas mitnehmen, aber kurz muss es sein.

Diese durchaus nicht unkatholische Forderung nach Prägnanz und Kürze predigender Elemente in der Heiligen Messe erfuhr kürzlich eine unerwartete Variante mit nahezu rechtsverbindlichem Charakter. John Wester, Erzbischof der nordamerikanischen Diözese Santa Fe, verordnete seinem Klerus in diesem Sommer, dass eine Predigt nicht länger als fünf Minuten dauern dürfe. Andernfalls solle es strafrechtliche Konsequenzen geben. Dem langwierigen Prediger droht – auch wenn die kirchenrechtlichen Voraussetzungen für eine solche Androhung nicht ganz klar sind – der Entzug der Predigterlaubnis, sollte er es nicht schaffen, sich kurz zu fassen. Nun ist diese Verfügung zwar der Corona-Situation geschuldet, trifft aber dennoch etwas für die Erneuerung der Liturgie Wesentliches. 

Verkündigung ist Teil der Liturgie

Nachdem in früheren Zeiten die Predigt als ein unliturgischer Einschub in die Messfeier gewertet wurde, dem der Zelebrant durch Ablegen des Messgewands Rechnung trug, um zu symbolisieren, dass jetzt eine Pause zur Belehrung eingelegt würde, besteht die vom Zweiten Vatikanischen Konzil reformierte Liturgie darauf, dass die Homilie ein Teil der Liturgie ist und sich deswegen in ihrer inhaltlichen Ausrichtung auch vornehmlich von der Liturgie des Tages, vor allem von den Lesungen, inhaltlich inspirieren lassen soll. In dieser Hinsicht soll sie eben nichts sonderlich Fremdes sein, sondern sich organisch einfügen in das liturgisch-kultische Geschehen, das eben nicht nur der Rahmen für die Wortverkündigung sein soll, sondern die Maßgabe für das, was neben der Verkündigung, der in der Liturgie als gebeteter Glaube bereits enthalten ist, an Deutung und Unterweisung nötig erscheinen kann. Hier beginnt allerdings nach der neuen Verortung der Predigt als Teil der Liturgie zugleich die Geschichte eines Missverständnisses, das die Liturgiegeschichte seit den 1960er Jahren zutiefst prägt. Wurde der Predigt anfangs zugestanden, selbst Teil der Liturgie zu sein, so wurde das Verhältnis mit der Zeit auf den Kopf gestellt und die Liturgie Teil der Predigt. 

"Durch diese wohlmeinende Umnutzung der Liturgie
von der anbetenden zweckfreien Kulthandlung 
zur gottesdienstlich verbrämten Lehrveranstaltung, ...
hat sich das Predigen über die Jahre als Primadonna der Liturgie etabliert, ... ."

Das Ergebnis lässt sich heute allerorten verifizieren: Eine Kurzansprache zur Begrüßung mit Verweisen auf Tagesaktuelles mit wohlmeinender Veranstalterallüre, die – zumal in der face-to-face-Version der Zelebrationsform – sich als bürgerliche Höflichkeitsfloskel gerade aufdrängt, wenn man denn glaubt, der Veranstalter zu sein. Nicht selten bieten Liedansagen oder Präludien zu den Lesungen willkommene Anmoderationsgelegenheiten, wie sie auch in den Medien üblich sind. Nichts will unkommentiert bleiben. Die eigentliche Predigt am dafür vorgesehenen Ort erreicht die Gläubigen dann zu einem Zeitpunkt, wo sie bereits durch eine bunte Palette an Gedanken geführt wurden, um sich nun dem „Thema des Gottesdienstes“ zu widmen, das dann in den Fürbitten nochmals abgearbeitet wird – meist auch hier eher als Botschaft an die sichtbare Versammlung als an den unsichtbaren Gott adressiert, um in eher kurzen, floskelhaften Bemerkungen vor dem Vater unser und dem Friedensgruß in die Vertiefungsphase des Lernprozesses vorzudringen. 

Die Coda der liturgischen Sonatenhauptsatzform bilden thematische Vergewisserungen vor dem Segen, gepaart mit launigen Wünschen als mal kürzere, mal längere Kadenz zum Abschluss und Ausblick. Durch diese wohlmeinende Umnutzung der Liturgie von der anbetenden zweckfreien Kulthandlung – die in ihren Formen stets davon zu sprechen hat, dass sie absichtsloses Spiel vor dem anwesenden Gott ist – hin zur gottesdienstlich verbrämten Lehrveranstaltung, die sich nur dann lohnt, wenn einem ein Erkenntnisgewinn geschenkt wurde, hat sich das Predigen über die Jahre als Primadonna der Liturgie etabliert, die das Regiment über alle anderen liturgischen Elemente übernommen hat. In dieser Verschiebung der Wertigkeiten rückt die Coronahygiene unverhofft und sicher auch ungewollt die Dinge ins Lot – wenigstens in der Diözese Santa Fe. Vom „Tradipriester“ bis zum Liturgieheimwerker wird durch die Fünf-Minuten-Maßgabe verlangt, dass man sich kurz fasst. 

Die Predigt soll weder zur sonntäglichen Volksmission missbraucht werden, die unverbunden neben der Liturgie steht, und es soll die Liturgie auch nicht zur Kulisse eines ungebremsten Mitteilungsbedürfnisses werden. Dank der Coronahygiene wird eine homiletische Hygiene eigener Art auf den Weg gebracht und durch sie die Prediger erinnert, dass die Liturgie nicht vom Menschenwort lebt. Im Zeitalter der Allgegenwart einer inflationären Impulskultur – live und digitalisiert – schafft ein Virus etwas, das kuriale Liturgen durch römische Schreiben und Direktiven nicht zu schaffen vermochten. Es bewirkt eine Zwangsaskese der Worte und setzt damit das frei, was Liturgie eigentlich ist: das wortlose und damit alles sagende Staunen in der Gegenwart des fleischgewordenen Gottes, dem man nicht ständig ins Wort fallen sollte.

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