Vatikanstadt

Altar und Priestertum gehören zusammen 

Neue Regeln im Petersdom. Die Einschränkung der Einzelzelebration bedroht die katholische Lehre vom Messopfer. Die Einzelmesse ist die Folge einer vertieften Einsicht.

Gottesdienst im lateinischen Ritus in Rom  im April 1964
Vor 50 Jahren April 1964: Erstmals gab es am 12. April 1964 eine Konzelebration im lateinischen Ritus. Während der Weihe des neuen Abtes von St. Paul vor den Mauern, Giovanni Battist Franzoni wurde mit besonderer Erlaubnis von Papst Paul VI. von Kardinal Confalonieri; dem Bisc... Foto: Archiv

Ausgerechnet am traditionellen Festtag des heiligen Papstes Gregor des Großen (12. März) wurden durch das päpstliche Staatssekretariat alle „Privatmessen“ im Petersdom verboten, also Messen, die der Priester allein feiert. Einzige Ausnahme bildet die Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus durch maximal vier Priester täglich. Beispiellos ist dieser Vorgang, insofern das Staatssekretariat direkt in die Verwaltung einer Päpstlichen Basilika eingreift, die ihm gar nicht untersteht, und dabei gegen geltendes Kirchenrecht verstößt. Jeder Priester, der legitimerweise darum bittet, ist nämlich zur Einzelzelebration zuzulassen. Die Maßnahme steht in einer Reihe von Versuchen, die Konzelebration faktisch unumgänglich zu machen. 

Keine Hochform

Zugegeben, die Einzelzelebration ist keine hohe Form der Liturgie. Sie ist eine Messe, die der Öffentlichkeit im Sinne einer Beteiligung der Gläubigen und des feierlichen Vollzugs beraubt ist. Das ist der Sinn des lateinischen Wortes „privatus/a“ im Ausdruck „Privatmesse“. Eigentlich hat „Missa privata“ also nichts mit Individualismus zu tun! Diese Form der Messe kam im Mittelalter in den Klöstern auf, die an ihren Altären römische Heiligtümer und den Brauch der Stationskirchen nachahmen oder bedeutende Reliquien ehren wollten. Auch die Häufung der Priestermönche und die sich entwickelnde Stipendienpraxis haben diesen Brauch gefördert. 

Vertiefte Einsicht

Hinter dieser Entwicklung steckt aber letztlich eine vertiefte Einsicht in die wesentliche Verbindung von Priestertum und Eucharistie und die Bedeutung einer jeden Messe über das Leben einer konkreten Gemeinde hinaus. Das Messopfer ist Aktuierung des Erlösungswerkes und in ihm bringt sich auch der Priester in besonderer Weise dar (vgl. PO 13). Er ist für den Altar geweiht. Darin erschöpft sich zwar keineswegs sein Dienst, aber hier findet er seine Mitte. Jede Messe ist heilsrelevant, sie wird für die Lebenden und die Verstorbenen dargebracht und hat als Tun der Kirche immer öffentlichen Charakter. Von daher hat es einen tiefen Sinn, dass ein Priester täglich zelebriert, auch wenn er seelsorglich nicht einer konkreten Gemeinde verpflichtet ist. 

Gegner der Privatmessen unter Häresieverdacht 

Ein Lebensvollzug der Kirche ist nicht davor gefeit, entstellt zu werden, verliert dadurch aber nicht seine Bedeutung. So auch im Spätmittelalter, als die vielen Stipendien ein Priesterproletariat dazu zwang zu zelebrieren, um zu leben. Das Konzil von Trient hat diesen Missbrauch abgestellt, den Protest der Reformatoren gegen die „Privatmesse“ als solche aber zurückgewiesen. Denn gerade hier wird der Glaube der Kirche an das Messopfer in konzentrierter Form greifbar. Als später die Synode von Pistoia sich nochmals gegen sie wandte, stellte dies Papst Pius VI. 1794 in der Bulle „Auctorem fidei“ unter Häresieverdacht (DH 2628). 

Päpste befürworten

Auffallend ist, dass mit Pius XII. und Paul VI. Päpste die Einzelzelebration gutheißen, die sich zugleich dafür aussprechen, dass die Gläubigen an einer Eucharistie mit entfalteter Feiergestalt teilnehmen. Wenn auch das II. Vatikanische Konzil bekanntlich die gemeinschaftliche Form der Liturgie bevorzugt, so bestätigt es wegen der lehramtlichen Implikationen doch den öffentlichen Charakter jeder Messe (vgl. PO 13) und macht sich die diesbezüglichen Aussagen der Enzyklika „Mysterium fidei“ Pauls VI. zu eigen. 

Die Liturgiereform hat die bis dato bei der Priesterweihe übliche Konzelebration auf andere Anlässe ausgeweitet. Historische Vorbilder drücken den hierarchischen Bezug des Priesters zum Bischof und die Einheit des Presbyteriums aus, sind aber nie rein praktisch oder soziologisch motiviert. Auch nach der Ermöglichung der Konzelebration schützt das Kirchenrecht die Freiheit des Priesters, einzeln zu zelebrieren und relativiert sogar die traditionelle Pflicht der Teilnahme mindestens einer weiteren Person.

Tägliche Zelebration

Der Codex Iuris Canonici (1983) empfiehlt dabei den Priestern, täglich zu zelebrieren mit der Begründung, dass die Feier der Messe, „auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist, eine Handlung Christi und der Kirche“ (can. 904) ist. Die Liturgiereform hat zudem erstmals im Römischen Ritus einen Ordo Missae sine populo ins Messbuch eingefügt. Offensichtlich sollte die Einzelzelebration bewahrt bleiben.

Papst Pius XII. hat gutgeheißen, wenn bei Zusammenkünften vieler Priester ein einziger „das heilige Opfer darbringt, die andern aber … diesem einen Opfer beiwohnen“ und die Kommunion empfangen, solange die Lehre vom Messopfer gewahrt bleibe (Ansprache 1956). Theologisch müsste man auch die heutige Konzelebration so bewerten. Zum Problem wird sie als Normalfall. Dabei wird nämlich übersehen, dass eine gewisse Häufigkeit an Messen für die Kirche von Segen ist und dass auch der geweihte Priester des echten Handelns am Altar bedarf. Das Letztgenannte wurde in dem ursprünglich nach dem Konzil approbierten Konzelebrationsritus noch respektiert und die Zahl der Konzelebranten blieb beschränkt. Heutige Massenfeiern entfremden den einzelnen Konzelebranten vom Opfervollzug. 

Sämtliche Vorstöße gegen die Einzelzelebration vernachlässigen die katholische Lehre vom Messopfer. Die Kirche muss sich immer um die gemeinschaftliche und feierliche Liturgie mühen, sie muss aber ebenso Weihepriestertum und Altar zusammenhalten. Denn wenn man den Priester der Messe beraubt, so beraubt man ihn seiner innersten Identität. 

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