Fulda

Zu wenig, zu spät?

Die Kirche in Deutschland kämpft mit einem Vertrauensverlust. Die jüngsten Debatten zeigen, dass dieser massiv auch in der Kirche selbst besteht.

Nikola Eterovic, Reinhard Marx und Rainer Maria Woelki
Der von Kardinal Reinhard Marx (Mitte) vorgeschlagene "Synodale Weg" wird von Kardinal Rainer Maria Woelki (rechts) deutlich kritisiert. Auch der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic (links), ließ Zweifel anklingen. Foto: KNA

Es ist ein fragiler Kompromiss, den die deutschen Bischöfe in der vergangenen Woche in Fulda zum „Synodalen Weg“ ausgehandelt haben. Davon zeugt, dass gut ein Fünftel der Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) dem weiteren Vorgehen nicht zustimmen wollte. Und mehr noch lässt der öffentlich gemachte Widerspruch erahnen, wie kontrovers es bislang zuging und in Zukunft erst recht gehen wird.

Nicht im Sinne der Erfinder

Das ist durchaus nicht im Sinne der Erfinder. Der „Synodale Weg“ soll schließlich dem Vertrauensverlust der Kirche entgegenwirken. Dabei offenbarte er bislang aber in erster Linie, wie wenig sich die Oberhirten selbst noch gegenseitig vertrauen. Die historische Dissens-Erklärung von Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer ist in diesem Sinne zu verstehen, ebenso wie die gereizte Reaktion mitsamt Medienschelte vom DBK-Vorsitzenden Kardinal Reinhard Marx. Entgegen dessen Beteuerungen vom vergangenen Donnerstag scheint es im deutschen Episkopat derzeit jedenfalls wenig Wohlwollen für die jeweils andere Position zu geben. Weder Reformorientierte noch die Konservativen lassen erahnen, dass sie ihrem Gegenüber einen guten Willen für die Kirche unterstellen. Konstruktive Gespräche sind auf dieser Basis des Misstrauens und unterschwelliger bis offener Anschuldigungen schlechterdings kaum vorstellbar.

Nun steht ohnehin infrage, ob es überhaupt zur breiten innerkirchlichen Debatte kommen wird, als welche der „Synodale Weg“ einst zu erwarten war. Aus Laiensicht beginnt der Weg denkbar wenig integrativ. Wie aus anderen innerkirchlichen Prozessen gewohnt, ist die Informationslage über die Planungsschritte bislang recht dünn, was sich am deutlichsten beim nun von den Bischöfen kontrovers ausgehandelten Statut zeigt. Zwar wurde der oberhirtliche Streit wochenlang breit in die Öffentlichkeit getragen und auch der gescheiterte Gegenentwurf ist mittlerweile bekannt. Doch wofür sich die Mehrheit nun in Fulda entschieden hat, weiß außerhalb ihres Kreises kaum jemand. Das Papier liegt nun zur weiteren Beratung beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Bemerkenswert ist, wie wenig Kritik sich daran bisher erhebt.

Bisherige Pläne haben deutliche Defizite

Ebenfalls kein Ausweis von Transparenz ist die zu erwartende Zusammensetzung des „Synodalen Wegs“. Ein Großteil der über 200 Teilnehmer ist durch die Mitgliedschaft in bestimmten Gremien ohnehin bereits gesetzt. Auch bei dem kleinen Teil der frei hinzuberufenen Diskutanten sind allerdings keine Überraschungen zu erwarten. Schon mathematisch werden sie ohnehin keinen nennenswerten Einfluss haben. Diese vermeintlichen oder tatsächlichen Defizite des „Synodalen Wegs“ müssen einer kontroversen und konstruktiven Debatte natürlich nicht grundsätzlich abträglich sein, dürften aber bei vielen Katholiken nicht eben vertrauensfördernd wirken.

Zudem steht seit einigen Tagen die offene Warnung der bischöflichen Kritiker im Raum: Sollte der Weg in die falsche Richtung führen, werden sie ihn nicht weiter verfolgen. Damit laufen diejenigen, die die Debatte vorantreiben, ständig Gefahr, den Bogen zu überspannen. Bricht er, würde es das Ausscheren von wohl mindestens zwei Diözesanbischöfen aus dem „gemeinsamen Weg“ bedeuten. Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer hatte diese Möglichkeit als erster in den Raum gestellt. In seiner Erklärung vom vergangenen Donnerstag nannte er auch das Kriterium für seine weitere Teilnahme am synodalen Prozess: Die vom Papst gesetzten „Leitplanken“ für die Debatte – „Primat der Evangelisierung, Sensus ecclesiae, Berücksichtigung der Einheit mit der Weltkirche (und damit Treue zur Lehre der Kirche)“ – müssten beachtet werden.

"Meine Sorge ist, dass wir durch diese
Unklarheit und Unübersichtlichkeit [...]
einen Weg in die Enttäuschung gehen"
Eichstätts Bischof Gregor Maria Hanke

Auch der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB hatte gegen die synodalen Pläne gestimmt. In einem Radio-Interview vom Sonntag nannte auch er falsche Startvoraussetzungen als Grund: „Meine Sorge ist, dass wir durch diese Unklarheit und Unübersichtlichkeit, die jetzt am Anfang nicht geklärt wurde, einen Weg in die Enttäuschung gehen.“ Für Hanke gebe es „Übererwartungen an den Synodalen Weg“, die nicht zuletzt durch die Bischöfe selbst genährt worden seien. Fakt ist, dass zahlreiche der bislang aufgeworfenen Fragen in Deutschland wohl kaum zur Zufriedenheit derjenigen diskutiert werden können, die sie aufs Tableau gebracht hatten. Auch Marx wurde nach seinen Gesprächen im Vatikan nicht müde, einen „deutschen Sonderweg“ auszuschließen. Weitreichende Diskussionen über die Sexualmoral, den priesterlichen Zölibat oder auch „Frauen in Ämtern“ erübrigen sich damit.

Das zeigt auch an, dass den kritischen Stimmen zuletzt viel Gehör geschenkt wurde. Voderholzer selbst erklärte, „in einer vielstündigen Debatte wurden einige Verbesserungen im Detail erreicht“. Welche das waren, kann die Öffentlichkeit angesichts der bisherigen Informationspolitik zum „Synodalen Weg“ nur vermuten. Das Entgegenkommen dürfte den Kritikern angesichts der Äußerungen Voderholzers oder auch von Kardinal Rainer Maria Woelki jedenfalls nicht weit genug gewesen und wohl auch zu spät gewesen sein. Bekannt ist jedenfalls, dass am Themenkanon nichts geändert wurde, was für die Kritiker wiederum Hauptgrund der Klage ist.

Kontroverse auch unter Laien

Dieser schließen sich auch Laienvertreter an, insbesondere solche, die am „Synodalen Weg“ mutmaßlich nicht beteiligt sein dürften. Das „Forum Deutscher Katholiken“, so dessen Vorsitzender Hubert Gindert gegenüber der „Tagespost“, sehe die „defizitäre Ausrichtung“ des Prozesses genauso, „wie es Bischof Voderholzer beschrieben hat“. Dessen öffentliche Dissens-Erklärung erinnere „an die Arianischen Wirren des 4. Jahrhunderts“. Für das „Forum“ habe die Mehrheit der Bischöfe einen „weiterführenden und konstruktiven Dialog“ verwehrt. Ebenfalls enttäuscht zeigten sich die Aktivistinnen von „Maria 1.0“. Mit dem Beschluss für ein weitgehend unverändertes Statut für den „Synodalen Weg“ förderten Marx und die Mehrheit der Bischöfe „das Risiko einer Spaltung“. Versöhnlicher im Ton äußert sich die „Initiative Pontifex“ gegenüber der „Tagespost“. Man hoffe, dass der Prozess „nicht benutzt wird von einer enttäuschten Generation, um ihre alten Anliegen jetzt doch noch umzusetzen, sondern dass es ein echtes Ringen um die Wahrheit wird“, so Sprecher Benno Schwaderlapp.

Regensburger Laien gegen eigenen Bischof

Widerspruch erhielten die Kritiker unter anderem aus dem Bistum Regensburg selbst. „Ich würde es bedauern, wenn das Bistum Regensburg aus dem ,Synodalen Weg‘ (…) ausscheiden würde“, erklärte die Vorsitzende des Regensburger Diözesankomitees, Karin Schlecht, gegenüber der „Tagespost“. Insbesondere würden die vier angesetzten Themengebiete „die Gläubigen im Bistum bewegen“, so das ZdK-Mitglied.

Diese jüngsten Einschätzungen zum „Synodalen Weg“ zeugen von einer sich weiter vestärkenden Polarisierung über den Weg an sich: Während die Teilnehmer ihn bis auf die wenigen bekannten Ausnahmen umfassend befürworten, kommt die Kritik am Prozess vor allem von jenen, die kaum daran beteiligt sein dürften. Das ist weniger ein Legitimationsproblem als eine Infragestellung des Grundanliegens: Der „Synodale Weg“ wurde ausgerufen, um dem massiven Glaubwürdigkeitsdefizit der Kirche infolge der Missbrauchskrise zu begegnen. Diese Notwendigkeit besteht nach wie vor. Eine in sich derart zerstrittene Gemeinschaft dürfte dabei wenig erreichen können.