Vatikanstadt

Zölibatsbuch: Zuflucht in der Hetze

Die Kämpfer für Offenheit und Dialog verbieten Benedikt XVI. und Kardinal Sarah den Mund .

George Weigel verteidigt Benedikt-Beitrag
Der Angriff auf den emeritierten Papst sei außerordentlich boshaft gewesen, meint der US-Publizist George Weigel - und die Angreifer äußerst schlecht informiert. Foto: dpa (Holy See Press Office)

Unmittelbar nachdem am 12. Januar die Nachricht veröffentlicht worden war, der emeritierte Papst Benedikt XVI. und Kardinal Robert Sarah hätten ein Buch über die Krise des Priestertums in der Kirche des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschrieben, brach eine Online-Hysterie aus, die die Klugheit eines guten Vorsatzes für das Neue Jahr unterstrich, den ich besorgten Katholiken in einer Kolumne am 1. Januar empfohlen hatte: "Nehmen Sie sich vor, sich der katholischen Blogosphäre nur begrenzt auszusetzen."

Die ungemeine Gehässigkeit, die nicht wenige Kommentatoren gegen den emeritierten Papst und den Kardinal absonderten, hat die kirchliche Diskussion über die Reform des Priestertums nicht einen Deut vorangebracht. Sie hat diese dringend notwendige Diskussion vielmehr behindert, indem sie dadurch, dass sie ein ernsthaftes Buch behandelte, als wäre es eine parteipolitische Abhandlung, die Aufmerksamkeit von einigen akuten Fragen (einschließlich der tiefliegenden Wurzeln der Missbrauchskrise und der Bedeutung des Priesterzölibats) abgelenkt hat.

Ein Kräftespiel, das die Kirche trübt

Der Missklang über das Benedikt/Sarah-Buch "Aus der Tiefe des Herzens" hat jedoch zwei wichtige Zwecke erfüllt: Er sprach Bände über den Charakter der Gehässigen und verdeutlichte ein gewisses Kräftespiel, das die Kirche trübt, während sich das Pontifikat von Papst Franziskus am 13. März zum siebten Mal jährt.

Der Angriff auf den emeritierten Papst Benedikt war außerordentlich boshaft   und die Angreifer äußerst schlecht informiert. Ein prominenter Anhänger des derzeitigen Pontifikats vertrat die Auffassung, Benedikt sei "jeweils gerade einmal für eine halbe Stunde klar bei Bewusstsein". Ein anderer Schlaumeier meinte, Benedikt sei "nicht arbeitsfähig". Keiner von beiden hat auch nur die leiseste Vorstellung, wovon er spricht. Ich habe am 19. Oktober vergangenen Jahres eine volle Dreiviertelstunde mit dem emeritierten Papst Benedikt verbracht und eine große Bandbreite von Fragen mit ihm diskutiert. Er war körperlich relativ schwach, doch am frühen Abend eines   wie ich annehme   normalen Tages war er bei absolut klarem Verstand, ziemlich gut informiert, begierig auf Neuigkeiten sowie bester Stimmung und vermochte sich an Themen und Personen aus Gesprächen zu erinnern, die wir vor Jahrzehnten geführt hatten. Im Alter von zweiundneunzig Jahren schien der emeritierte Papst bei glasklarem Verstand. Kann dasselbe von denjenigen behauptet werden, die ihn mit der Berufung auf "Berichte" als senilen alten Mann abtun, der den Bezug zu den Zeitereignissen und vielleicht sogar zur Realität verloren hat?

Kardinal Sarah: Ein Mann von großer Heiligkeit

Der Angriff auf Kardinal Sarah war ähnlich bösartig und die Angreifer genauso schlecht informiert. Ich kenne den Kardinal aus Guinea nunmehr seit mehreren Jahren und wie jeder, der längere Zeit mit ihm verbracht hat, sehe ich in ihm einen Mann von großer Heiligkeit: einen zutiefst überzeugten Jünger Jesu Christi, dessen Dienst seiner radikalen Treue zum Herrn entspringt. Trotz der Zerrbilder derjenigen, die seinen gegenwärtigen und zukünftigen Einfluss in der Kirche fürchten, ist Kardinal Sarah mir auch als ein Mann christlicher Freude aufgefallen, der immer noch über die Gnade staunt,  die Gott in seinem Leben gewirkt hat, und daher in der Lage ist, über momentane menschliche Schwächen zu lachen (auf jene herzhafte Weise, wie nur Afrikaner dies vermögen). Kardinal Sarah hat jedoch nicht über die Behauptung gelacht, er habe über Art und Ursprung des Buches "Aus der Tiefe des Herzens" gelogen   und sein gerechtfertigter, wenn auch kontrollierter Ärger bestätigt, was diejenigen, die ihn tatsächlich kennen, wissen: Dies ist ein ehrlicher Mensch.

Die Verleumdungen gegen Benedikt und Sarah wurden durch eine weitere absurde Anschuldigung verstärkt: Durch Vorbringen dessen, was nach ihrem Geist und Gewissen für eine wirkliche Reform des Priestertums notwendig sei, würden der emeritiere Papst und der Kardinal in gewisser Weise störend auf die "Unterscheidung" von Papst Franziskus nach der Amazonassynode im vergangenen Oktober einwirken. Am Ende finden wir uns auf folgendem Niveau: Die Kämpfer für Offenheit und Dialog sagen jetzt zweien der angesehensten Söhne des katholischen Glaubens, dass ihre Ansichten nicht willkommen seien; dass die theologische und pastorale Verteidigung des Priesterzölibats ein Akt der Illoyalität gegenüber Papst Franziskus sei; und dass sie einfach den Mund halten sollten.

Reform des Priestertums wesentlich für kirchlichen Verkündigungsauftrag

Das ist nicht die Taktik von Vertretern einer These, die überzeugt sind, dass sie die wesentliche Auseinandersetzung gewonnen haben und wahrscheinlich weiter gewinnen werden. Es ist vielmehr die Taktik derer, die aus Angst, dass ihnen die Zeit davonläuft, glauben, nur zu Hetzerei Zuflucht nehmen zu können.
Darin findet sich weder kirchliches Geschick noch irgendeine Form christlicher Nächstenliebe. Die Reform des Priestertums ist wesentlich für den kirchlichen Verkündigungsauftrag. Diejenigen, die einen ernsthaften Vorschlag für eine solche Reform ablehnen   großteils durch Verunglimpfung ihrer Urheber   haben sich selbst als Menschen gebrandmarkt, die mehr an kirchlichen Machtspielen interessiert sind als daran, das Priestertum des Neuen Bundes zu reformieren.

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