Würzburg

"Wir wollen kein Schisma"

Vor falschen Erwartungen in die Amazonassynode wird gewarnt: Weder die Weihe von viri probati zu Priestern noch die indigene Theologie bieten eine Grundlage für die Erneuerung der Kirche, sagt der emeritierte Bischof José Luis Azcona in der Prälatur Marajó.

Interview vor der Amazonas-Synode
"Die Weihe von „viri probati“ ist nutzlos. Es ist, als nähte man neuen Stoff auf alte Kleidung. Der Riss würde nur noch größer", meint Bischof em. Azcona. Foto: (259466563)

Exzellenz, das Glaubenswissen im Amazonasgebiet gilt als stark verbesserungsbedürftig. Welche seelsorglichen Maßnahmen eignen sich für die Pfarreien in der Region?

Notwendig ist, bei einer „Einführung in das christliche Leben“ anzusetzen und Bischöfe, Priester, Diakone, Basisgemeinden, neue Gemeinschaften und Pfarreien einzubeziehen. Am Anfang war das Wort. Den Ursprung des Reiches Gottes in der Welt bildet die Verkündung des Evangeliums. Die christliche Gemeinde teilt ihre Güter miteinander, wobei die Eucharistie und das Gebet den absoluten Mittelpunkt bilden. Besonderes Gewicht kommt auch der gemeinsamen Teilhabe an den materiellen Gütern zu als Zeichen der Einheit der Herzen. Schließlich soll die Pfarrei in ständiger Mission leben und an die geografischen und existenziellen Ränder hinausgehen.

Wäre die Priesterweihe von „viri probati“ ein Segen für die Kirche in Ihrer Region?

Nein. Weil sie nicht auf die dringendsten pastoralen Anforderungen reagieren würde. Die Kirche im Amazonasgebiet und in Marajó braucht eine persönliche Bekehrung. In der brasilianischen Kirche existiert die im Dokument von Aparecida 17 Mal geäußerte Überzeugung, dass es für ganz Lateinamerika und die Karibik notwendig ist, sich persönlich zu bekehren, noch nicht.

"Wenn sich die Menschen nicht in der
Begegnung mit Christus verwandeln lassen,
hat die katholische Kirche keine Zukunft"

Wenn sich die Menschen nicht in der Begegnung mit Christus verwandeln lassen, hat die katholische Kirche keine Zukunft. Dann wird die Synode eine gigantische Inszenierung von wichtigen Themen wie Ökologie, Kulturen, Dialog. Aber sie eröffnet keinen Millimeter Raum für realistische Hoffnungen. Alles andere ist pastorale Naivität und bedeutet Verrat am Evangelium, an der Menschheit und an den indigenen Völkern des Amazonas.

Welche Priester können aus den Reihen der „viri probati“ in einem in der Krise steckenden Klerus in der Amazonasregion hervorgehen?

Die Weihe von „viri probati“ ist nutzlos. Es ist, als nähte man neuen Stoff auf alte Kleidung. Der Riss würde nur noch größer. Der Klerus in der Amazonasregion und in der ganzen Kirche braucht aufrichtige Reue und Bekehrung im engeren Sinne. Die jahrelange Erfahrung belegt dies. Auf der anderen Seite ist der Zölibat ein kostbares Geschenk, das von der ganzen Kirche mit Nachdruck erbeten werden muss.

Wird vor Ort beharrlich für das Geschenk zölibatär lebender Priester für die Indigenen gebetet?

Nein. Und es ist völlig unangebracht, den Zölibat anlässlich der Synode zur Diskussion zu stellen, in einem Kontext, in dem großer Gruppen von Katholiken das Lehramt der Kirche und konkret den Papst selbst in Frage stellen. Das Wichtigste in der Kirche steht auf dem Spiel: die Liebe.

In Europa halten manche die „indigene Theologie“ für ein Modell für die Weltkirche. Wie sehen Sie das?

Das kommt ganz darauf an, was man unter „indigener Theologie“ versteht. Es gibt Formen indigener Theologie, die eindeutig heidnisch sind. Nimmt man das Instrumentum laboris (IL) als Bezugspunkt für das, was indigene Theologie sein kann, so ist das in keiner Weise legitim.

"Es gibt Formen indigener Theologie,
die eindeutig heidnisch sind"

Wenn das Denken der indigenen Theologie aus den zentralen Linien des IL bestünde, würde das eine Perversion des Begriffs „Evangelisierung“, ein indigener Messianismus, eine Verwässerung der Erlösung Christi, eine heidnische Lehre von den Letzten Dingen und einen Dialog ohne Verwurzelung im Evangelium bedeuten. Diese Art der indigenen Theologie gehört nicht zum Glaubensgut.

Wozu sollte man über die indigene Theologie als Modell für die ganze Welt nachdenken?

Offensichtlich ist es eine maßlose Forderung ohne pastorale oder theologische Grundlage. Wir geraten wieder in eine Art Kolonisation, wenn die Kultur der Indigenen der ganzen Kirche aufgezwungen würde. Was ein größtmöglicher Fehler wäre. Richtig ist, dass Elemente indigener Kulturen von den anderen Kulturen aufgenommen werden können und müssen. So wie indigene Kulturen Aspekte anderer Kulturen akzeptieren und aufnehmen müssen. Die indigene Theologie zum pastoralen Maßstab der priesterlichen Ausbildung und damit der Zugehörigkeit zur katholischen Identität zu machen, ist jedenfalls eine Übertreibung und eine ungerechte Forderung.

Wie bewerten Sie das kirchliche Amazonas-Netzwerk REPAM?

REPAM hat bemerkenswerte Verbindungen und Wege der Zusammenarbeit aufgebaut, um dem Traum von einer echten Kirche in Gemeinschaft im Amazonasgebiet Gestalt zu geben. Die Gründung von REPAM hat wertvolle Veränderungen angestoßen: Wissen, Kommunikation, Interaktion, Zusammenarbeit der Ortskirchen im Amazonasgebiet. Die Ergebnisse sind sichtbar: bessere Kenntnisse der Lage vor Ort und Empathie in den verschiedenen Amazonasregionen füreinander.

Und wie bewerten Sie es mit Blick auf das Instrumentum laboris?

Mit Blick auf das IL, das stark von REPAM geprägt worden ist, fehlt allerdings die Vielfalt der Weltanschauungen, der unterschiedlichen Identitäten, des theologischen Denkens und der offenen Pastoral. Tatsächlich wird in dieser Institution nach Schema F gedacht.

"Tatsächlich wird in dieser
Institution nach Schema F gedacht"
Bischof em. Azcona über das Amazonas-Netzwerk REPAM

Die lange Konzils- und Synodenerfahrung der Kirche rechtfertigt die Frage: Bis zu welchem Grad ist die Kirche, die die Synode vorbereitet, von den Mächten dieser Welt abhängig: dem Geld, dem permanenten Machtinstinkt, den heidnischen Weltanschauungen, deren Wind der Kirche heute so stark entgegenkommt? Wäre das der Fall, gäbe es keine Synode im engeren Sinne. Die Kirche würde ins Mittelalter zurückfallen und vergäße das Wort des Herrn: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen“.

Besteht die Gefahr einer Spaltung der katholischen Kirche?

Tatsächlich existiert dieses Schisma bereits. Wenn sogenannte „Konservative“ nun nicht nur das Lehramt des Heiligen Vaters selbst in Frage stellen, ihn öffentlich zum „Häretiker“ erklären und seinen baldigen Rücktritt fordern, ist die kirchliche Gemeinschaft bereits zerstört. Wenn andere ihm vor aller Welt vorwerfen, verantwortungslos mit dem Missbrauchsproblem in der Kirche umzugehen, wird dann nicht der Leib Christi zerstört? Ich gehe hier nicht auf die Legitimität dieser Fragen ein.

"Wenn sogenannte „Konservative“ nun nicht nur
das Lehramt des Heiligen Vaters selbst in Frage
stellen [...] und seinen baldigen Rücktritt fordern,
ist die kirchliche Gemeinschaft bereits zerstört"

Warum muss die arme und schutzlose Kirche Christi der kleinen Leute im Amazonasgebiet anlässlich einer Synode derart brutale, historisch einmalige Auswirkungen aushalten, auf die sie nicht vorbereitet ist? Wo ist das Kreuz Christi mit seiner Weisheit und Macht heute in der Kirche? Wir bitten darum, dass die Synode ausschließlich über den Gekreuzigten zu uns spricht.

Was empfehlen Sie den Synodenvätern?

Liebe Synodenväter, lasst das Unwesentliche und Zweitrangige weg. Mit Nachdruck sei an das Dokument von Aparecida (2007) erinnert: „Echte Evangelisierung unserer Völker bedeutet, die Radikalität der Liebe Christi, die in der Nachfolge des Gekreuzigten konkret wird, ganz und gar anzunehmen.“ Wir wollen kein Schisma.

Was brauchen die indigenen Völker am dringendsten?

Erlösung, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, die Christus ist. Und das fehlt im IL fast völlig. Die indigenen Völker haben nach Darstellung des IL weder die geschichtliche noch die persönliche Erfahrung der Erbsünde. Das Dokument stellt Indigene nur als Sünder im Kontext der allgemeinen Korruption des Amazonas dar, die deshalb keine Erlösung brauchen.

"Die fast völlige Abwesenheit
des gekreuzigten Christus
im IL ist offensichtlich"

Die fast völlige Abwesenheit des gekreuzigten Christus im IL ist offensichtlich. Das Dokument ist so weit weg von dem, was die indigenen Völker im Amazonas wirklich an erster Stelle brauchen – nämlich ihre ewige Erlösung durch die Kraft des Evangeliums – dass alle anderen gerechten Forderungen nach Rechten der Indigenen, Respekt, Annäherung und Nachahmung in einigen wichtigen Punkten ihres Weltbildes, in eine gefährliche Schieflage geraten und auf unfruchtbaren Boden fallen.

Wo liegen die Schwächen des Instrumentum laboris?

Im IL ist es nicht das Evangelium, das als einzige göttliche Kraft, diejenigen, die glauben sowie die Familie, die Gesellschaft, die Kultur und die Identität retten, befreien und aufbauen kann. Kurzum, das IL ist theologisch und damit pastoral „schwach“ und gefährlich, weil es den gekreuzigten und auferstanden Christus aus der Mitte verbannt und damit Gefahr läuft, die Kirche zu spalten.

Wie sehen Sie die pastorale Vision des Dokuments?

Das IL vergisst eine Kernfrage der Seelsorge am Amazonas: die Volksfrömmigkeit. Es braucht eine Einführung ins christliche Lebens. Millionen von Menschen, die sich aufgrund ihrer Volksfrömmigkeit als Katholiken ausweisen, glauben nicht an die persönliche Begegnung mit Christus, die sie verwandelt. Es ist eine Volksfrömmigkeit, die weder evangelisiert noch in der Lage ist, sich der Eucharistie zu nähern. Aus ihr wächst kein Engagement, das die Gesellschaft verändert. Dass sich das IL ganz auf die indigenen Völker in der Amazonasregion versteift, erweist sich als höchst diskriminierend.

Was ist dran am „Amazonasgesicht“?

Das „Amazonasgesicht“ des IL ist nicht amazonisch. Die indigenen Völker, die im Amazonasgebiet eine winzige Minderheit bilden, prägen den größten Teil des „Amazonasgesichtes“. Es ist aber plural, multikulturell, multiethnisch und multireligiös. Alles, was darauf aufbaut, macht die Synode offensichtlich nutzlos. Eine der bedauerlichsten pastoralen Auslassungen des IL betrifft die im Amazonasgebiet so zahlreich lebenden Afro-Amazonier. Das ist nicht fair! Und wer fragt nach den „Ribeirinhos“, der absoluten Mehrheit im Amazonasgebiet?