Heiligenkreuz

Wir brauchen „Hirten unserer Zuversicht“.

Ein Interview zur Krise mit Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.

Außerordentlicher Segen "Urbi et orbi" wegen Corona
Mit einem außerordentlichen Segen „Urbi et orbi“ hat Papst Franziskus in der Krise von einem menschenleeren Petersplatz aus der „Stadt und dem Erdkreis“ mit dem Allerheiligsten den Segen erteilt. Foto: Yara Nardi (REUTERS/AP)

Was ist in der gegenwärtigen Lage ihr Blick auf den Heiligen Vater. Vor allem vor dem Hintergrund der vergangenen Kar- und Ostertage und des außerordentlichen Segens „Urbi et Orbi“ in der Passionszeit?

Rom war plötzlich die Stelle, wo sich die Welt sammelt – unabhängig von einer konfessionellen oder überhaupt einer christlichen Einstellung. Es hat sich in diesen Tagen gezeigt: Der Nachfolger des hl. Petrus nimmt eine Mitte ein. Die zweitrangigen Fragen rücken nun auf die Seite, es bleiben nur wenige erstrangige Haltepunkte für die Weltöffentlichkeit - und dazu gehört offenbar der Papst. Den fastenzeitlichen Segen über „die Stadt und den Erdkreis“ habe ich als großartige Dramaturgie erlebt: rechts neben dem Portal die Mutter unter dem Kreuz und links der Sohn an dem wundertätigen Pestkreuz. Die stille Atmosphäre, die brennenden Feuer auf dem regennassen Platz, nichts Überflüssiges … Die Kirche zeigte wieder einmal ganz großen Stil, eine Stilsicherheit, die sich in der Schönheit des Schlichten und Großartigen ausdrückt. Ja, die Kirche hat es über 2000 Jahre hinweg nicht verloren: in den Stunden des Ernstes und der Niedergeschlagenheit kann sie etwas aufleuchten lassen. Eine starke Symbolik hatte auch, dass das Allerheiligste in die Vorhalle kam, weit nach draußen. Es war eine ausdrückliche Einladung an all jene, die sich schwer tun, in den Petersdom hineinzugehen. Der Papst strahlte eine große Einsamkeit aus, zugleich aber sah man, wie das Amt hier trägt, unabhängig von der Person. Wer zum Felsen bestellt ist, muss sich auch als Felsen zeigen. Und er zeigt sich als solcher. Das ist eine der großen Gaben dieser Fastenzeit.

Und es war immer schon die Stärke der Kirche, mit ihren Sakramenten leibhaft an uns heranzutreten.

Es gibt aktuell auch in Deutschland immer noch keine öffentlichen Gottesdienste, kaum Möglichkeiten zum Sakramentenempfang – wie kann die Kirche jetzt stärken und wirken? Was wünschen Sie sich von den Hirten?

Ein machtvoller Satz in Hebr 8,33 heißt: „Sie haben aufgrund des Glaubens Löwen den Rachen gestopft.“ Diese Löwen bedrängen uns jetzt nicht nur von außen, sie kommen auch aus dem eigenen Inneren. Aber wie immer vermittelt die Kirche jetzt Glauben - indem sie einfach sagt, was in der Bibel seit Jahrtausenden, von Generation zu Generation zugesagt ist. Diese Zusagen sind ungeheuer stark und haben die gewaltige Zeugenschaft von Menschen, die daraus gelebt haben, hinter sich. Vermeiden wir, das Dunkel hochkommen zu lassen, sondern stopfen wir den Löwen den Rachen damit: „Er ist da“, das ist der Gottesname.
Die Hirten sollten den Gläubigen über die öffentlichen (nicht nur kirchlichen) Medien solche Worte zusprechen. Das Schweigen der Hirten empfinde ich als auffallend. Auch die Hirten müssen dem Löwen den Rachen stopfen! Sie sind nicht einfach Staatsbürger, die sich wie alle an die Vorschriften halten, sondern sie sind auch Hirten unserer Zuversicht. Jetzt ginge es um ein Wirken, in dem man ihre Autorität einmal anders kennenlernen könnte. Insofern stört dieses Schweigen, das ich als hilflos empfinde. Wenn man dem Hebräerbrief traut, ist Hilflosigkeit kein Zeichen Christi. So wäre es gut, wenn die Hirten an die öffentlichen Medien heranträten mit dem Wunsch, eine Sendezeit eingeräumt zu bekommen, um den Menschen Zuversicht zusprechen zu können. Natürlich kann man das nicht aggressiv einfordern, aber es ist eine Frage des Selbstverständnisses. Jedenfalls erstaunt die Selbstlähmung oder das nicht vorhandene Selbstvertrauen, dass man überhaupt gehört werden könnte. 

Empfindlich fehlt die Leibhaftigkeit in dieser Krise, im Lehren und Lernen, im kirchlichen Leben, im virtuellen Gottesdienst; „social distancing“ ist plötzlich ein positiver Begriff … Entsteht daraus möglicherweise ein neues Bewusstsein für den Wert der Leibhaftigkeit?

Es ist jetzt solidarisch, sich voneinander zu entfernen – was ein Widerspruch in sich ist, der die ganze Paradoxie unserer Lage zeigt. Aber daran wird auch schmerzhaft deutlich, dass wir nicht vom elektronischen Austausch leben, sondern leibhafte Wesen sind. Und es war immer schon die Stärke der Kirche, mit ihren Sakramenten leibhaft an uns heranzutreten. Die Kirche hütet den Schatz des Lebendigen und der leibhaften Liebe. Was wir im Leibe tun, ist Ausdruck unsres Inneren. Das Innere kann sich gar nicht anders „äußern“ - das sagt ja schon der Name -, als dass es sich im Außen darstellt. In der katholischen Kirche ist dieses Leibhafte so ungemein gegenwärtig. Es gibt keinen Geist ohne Leib. Der Leib ist liebevoll, er ist lebendig. Er ist greifbar, und daher sollten wir auch die Sakramentalien der Kirche schätzen: Weihwasser oder Rosenkranz oder die geweihten Palmbuschen - das sind alles Dinge, die wir angreifen, in der Hand haben, den Sinnen „zuführen“. John Henry Newman sagte, wer nur die Sakramente betone und die Sakramentalien der Kirche verachte, habe nicht verstanden, dass Christus sich auf vielerlei liebevolle Weise mit unserem Leib beschäftigt. Leib ist der Lieblingsweg der Gnade.

Nachdem die öffentlichen Gottesdienste ausgesetzt wurden, stehen wir nun ja auch in einem Eucharistie-Fasten … 

Ja, der leicht gedankenlose Konsum der Eucharistie, den wir von uns selbst und von anderen kennen, ist jetzt völlig weggefallen. Aber so taucht wieder die Möglichkeit auf, sich zu sehnen: Das, was man so leichthin verzehrt hat, als zustehend und selbstverständlich, ist nun vorenthalten. Die Antwort der Kirche wäre wohl auch Anbetung des „ausgesetzten“ Allerheiligsten. (Was für ein bedeutungsschweres Wort!) Wir glauben ja an Seine Realpräsenz, Seine wirkliche, Seine leibhafte Gegenwart. Wir könnten im Internet eine ewige Anbetung einführen. Einfach zeigen: Der Herr ist da! Die Predigt von Papst Franziskus hat auf das Boot verwiesen, in dem der Herr liegt und schläft, und die Stille des Herrn, diese herrliche Unaufgeregtheit und die große Dichte seiner Gegenwart wird, meine ich, in einer solchen Anbetung über Bildschirm auch spürbar. 

Wo sollte es in dieser verordnet sakramentenlosen Zeit Ausnahmen geben?

Es ist schon grundsätzlich zu fragen, wieweit die jetzige Einschränkung des sakramentalen Tuns eigentlich mit dem Selbstverständnis einer mütterlichen Kirche vereinbar ist. Auf jeden Fall könnte man darauf dringen, dass jüngere Priester, die selber nicht krank und kaum gefährdet sind, in Schutzkleidung in die Krankenhäuser und Altenheime dürfen, um den Kranken Mut zuzusprechen, den Sterbenden die letzte Ölung zu geben. Die Sakramente sind nicht virtuell, und die Menschen sollten in der Krankheit und auch im Sterben noch einmal das Gesicht der Kirche sehen dürfen. Ich kann mich noch an den Duft des Öls erinnern, als ich selbst die Krankensalbung empfing. Mir fiel dabei der wunderbare Gedanke eines Kirchenvaters ein: dass uns die Kirche noch im Schatten des Leidens und des Sterbens in den „Duft der Unverweslichkeit“ einhülle. Das reißt ganze Horizonte auf: Die Kirche ist Mutter, die zu trösten versteht. In diesem Sinne brauchen wir Realpräsenz: die Gegenwart Christi im Sakrament des Altares, aber auch die Gegenwart Christi in seinen Priestern. 

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz war bis 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaften an der TU Dresden und leitet nun das „Europ. Institut für Philosophie und Religion“ (EUPHRat) an der Philosophisch-theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz .

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .