Würzburg

Vom Reichtum der Religionen

"Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist" - Teil 1 einer neuen Reihe zum "Religionspluralismus".

Fehlende Gebetsräume für Muslime
Hinwendung zum Transzendenten: Hinduistisches, muslimisches und christliches Gebet. Foto: Sven Hoppe (dpa)

Ist die Vielfalt der Religionen von Gott gewollt? Unter „Religion“ verstehen wir gemäß der Etymologie des Wortes aus dem Lateinischen die Rückbindung des Menschen an Gott (re-ligare). Die dialektische Theologie meint, das Christentum sei keine Religion, da es von oben her geschenkt ist und nicht nur ein Versuch, gleichsam von unten her das Göttliche zu erreichen. Doch diese Dialektik übersieht den göttlichen Ursprung der menschlichen Berufung und das damit verbundene Verlangen, seine Herkunft und seine Zukunft in Gott zu entdecken.

Leo Scheffczyk schreibt, dass der Mensch als Geistperson schon von seiner Schöpfung her als ein auf Gott verwiesenes Sein zu erkennen ist. Natürlich verstehen wir unter „Gott“ nicht ein Klischee oder Etikett, sondern mit Paulus den Urheber jenes Gesetzes, das in die Herzen der Menschen geschrieben ist, wovon das Gewissen „gemeinsam bezeugt“, also als menschliches in das göttliche Zeugnis einstimmt (Römer 2, 14–15). Die Aussage, es gäbe so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt, berücksichtigt jene uns eröffnete Übereinstimmung in einem inneren Bereich, der dem Blick des Außenstehenden entzogen ist.

Religiöse Sehnsucht liegt in der Natur des Menschen

Als man den Löwen Aslan, Schöpfer und König der Welt von Narnia im Epos von C. S. Lewis, darauf aufmerksam machte, dass es dort Tiere gebe, die jemand anderen als ihn anbeten, sagte er: „Lasst sie, sie meinen eigentlich mich.“ Damit soll die religiöse Bindung freilich nicht ins Subjektive aufgelöst werden. Allein in der Transparenz der Wahrheit kann die Gottesbeziehung als ergehender Ruf und entsprechende Antwort gelingen. Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt in Nr. 26 den Glauben als Antwort des Menschen gegenüber Gott, der sich ihm offenbart und anvertraut, indem er dem Menschen, der den letzten Sinn seines Lebens sucht, zugleich ein überreiches Licht schenkt.

Nach Jakobus 1, 17–18 ist der Mensch vom Vater der Lichter durch den Logos der Wahrheit in eine (relativ) eigenständige Existenz entbunden. „Wort der Wahrheit“ meint hier nicht nur die Sekundärtugend der Treue. Man kann auch in einem unüberwindlichen Irrtum treu sein, aber nur in der Wahrheit sein Leben ganz Gott übergeben. Dennoch – und hier gilt es eben zu unterscheiden – kann sich auch in den verschiedenen unvollkommenen und durch Irrtümer belasteten Religionen aus dem überreichen Licht des Vaters der Lichter eine echte religiöse Beziehung in der einzelnen Seele eröffnen.

Nach Attentaten von Paris
Hinwendung zum Transzendenten: Hinduistisches, muslimisches und christliches Gebet. Foto: dpa

Darauf verwies Kardinal Müller in seinem Interview mit der „Tagespost“: Es gibt eine praeparatio evangelica, nicht nur im Alten Testament, sondern auch unter den Heidenvölkern. Die in die Natur des Menschen gelegte religiöse Sehnsucht und Ahnung (anima naturaliter christiana, Tertulian, Apol. 17, 6) drückt sich in vielfacher Weise in den alten Religionen und Weisheitslehren der Menschheit aus.

Die frühchristlichen Apologeten sprachen vom lógos spermatikós (Justin der Märtyrer): Bevor der göttliche Logos in seiner Fülle selbst Fleisch ward, säte er seinen Samen in den Herzen, den Lehren und Riten der Völker. Auch wenn diese Apologeten mehr an die griechischen Philosophen als an die Mythen der Religionen anknüpften („Platon als attisch sprechender Moses“, Aristobulos), so wurde doch grundsätzlich dem Menschen auch ohne die außerordentliche Offenbarung ein Zugang zur religiösen Wahrheit zugetraut. Denn unwiderruflich ist der Ruf Gottes, der an jeden Menschen ergeht: „Lasst uns den Menschen machen als ein Sichtbarwerden von uns, uns ähnlich“ (Genesis 1, 26).

Diese grundlegende Berufung und Befähigung des Menschen äußert sich auch nach dem Sündenfall in vielfältiger, wenn auch unvollkommener Weise. Schon ganz am Anfang finden wir die erstaunliche Aussage Evas: „Zusammen mit dem Herrn habe ich einen Mann erworben“ (Genesis 4, 1), womit ihr erster Sohn Kain gemeint ist und sein Name gedeutet wird. Dasselbe erste Kapitel nach dem Sündenfall endet mit Enosch: „Dieser war der Erste, der den Namen des Herrn anrief“ (4, 26). Der Bund Gottes mit Noach (Genesis 9, 1–17), dem Stammvater der nachsintflutlichen Menschheit, wurde zwar offensichtlich nicht allgemein bewahrt, sondern in erneuter Auflehnung verraten (Genesis 11, 1–4) – aber auch hier ist zu unterscheiden: Unter den Heidenvölkern findet sich Melchisedek als ein Priester des höchsten Gottes, der den von Gott auserwählten Abraham im Namen Gottes, der Himmel und Erde erschaffen hat, segnet (Genesis 14, 18–19).

Auch Bileam aus Mesopotamien ist zunächst als ein Mann Gottes geschildert, der sich an der Weisung JHWHs orientiert (Numeri 22 , 8). Wir dürfen also mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die Welt der nicht-christlichen Religionen (Nostra aetate) auch unter dem Gesichtspunkt blicken, dass dort Wahres und Heiliges zu finden ist. Nur für den frühen Protestantismus und den Jansenismus ist da alles Teufelswerk. Man beruft sich hierfür gern auf den Text der Septuaginta, dass „alle Götter der Heiden Dämonen sind“ (Psalm 95, 5). Allerdings steht im hebräischen Text nicht „Dämonen“, sondern ein Wortspiel, das Martin Buber mit „Gottnichtse“ wiedergibt.

Makar Sankranti Fest in Indien
Hinwendung zum Transzendenten: Hinduistisches, muslimisches und christliches Gebet. Foto: Prabhat Kumar Verma (ZUMA Wire)

Ohne die spätere Deutung der griechischen Bibel auszuschließen, gilt doch auch und zunächst, dass diese anderen Götter eigentlich gar nicht existieren. Hinter ihnen können sich Dämonen verbergen – oder auch der im Verborgenen wirkende [„Aslan“] Herr! Dies gilt von den vielfältigen Naturreligionen, von deren Reichtum an Gebeten und Riten der Steyler Missionar Wilhelm Schmidt in seinem zwölfbändigen Werk „Der Ursprung der Gottesidee“ (1912–1955) ein gewaltiges Zeugnis hinterließ. Es gilt auch von den Hochreligionen, deren Schriften noch heute unerschöpfliche Quellen weisheitlicher Erkenntnisse und religiöser Tiefe sind: die Sanskritschriften der Veden und Upanischaden, der Pali-Kanon des Buddhismus, die chinesischen Schriften des Konfuzius und Lao Tse und viele andere. Wer wollte auf diesen Reichtum verzichten! Nachdem die Erklärung „Nostra aetate“ über die Erforschung des göttlichen Geheimnisses im Hinduismus und der Suche des Buddhismus nach Befreiung und Erleuchtung schreibt (es wird nicht gesagt, dass dieses Ziel dort auch erreicht wird!), wird festgestellt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“ (Nr. 2).

Weder Heilsgewissheit noch Hoffnungslosigkeit

Nun könnte man meinen, die praeparatio evangelica beschränke sich auf die vorchristlichen Religionen. Es gibt aber Religionen, die zeitlich nach Christus entstanden sind, doch ohne Ihn kennen zu können. Etwa die Religion der Inkas, die auch den Pachakama verehrten, das heißt den Schöpfer der Erde; vor allem aber den Apu Inti, den Sonnengott — immerhin nicht ein Dämon der Finsternis, sondern die Sonne als Typos von Licht und Leben. Der heilige Johannes Paul II. sagte bei seinem Besuch in Cusco, Christus sei der wahre Apu Inti. Da stand der Papst in der Tradition Gregors des Großen, der den Englandmissionar Augustinus anwies, die heidnischen Tempel nicht zu zerstören, sondern in christliche Kirchen umzuwandeln – und in der Tradition des heiligen Paulus, der auf dem Areopag in Athen sagen konnte: „Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünden wir euch...“ (Apostelgeschichte 17, 23).

Auch Paulus begründet dies durch eine dem Menschen ursprüngliche Gottesbeziehung: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (17, 28). Das heißt wohlgemerkt nicht, dass die angeführten Missionare mit dieser diffusen Gottesbeziehung in der Welt der Heiden zufrieden gewesen wären. Die Kirche lehnt eine vermessene Zuversicht ab, dass die Menschen ohne weiteres in diesen Religionen das Heil finden können (DS 2916–2917). Aber sie lehnte auch die These ab, dass die Menschen außerhalb der sichtbaren Kirche nicht gerettet werden könnten (DS 3821; 3866–3872).