Vatikanstadt

Um ganz für den Herrn da zu sein

In seinem Beitrag für das Zölibats-Buch von Kardinal Robert Sarah legt der emeritierte Papst Benedikt eine Einführung in das katholische Priestertum vor.

Debatte um Zölibats-Buch von Kardinal Sarah
Von allen Seiten würden die Wogen des Relativismus das Schifflein Kirche überfluten, heißt es in dem neuen Buch von Kardinal Sarah. Im Bild: Papst Franziskus im Vatikan. Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire)

Wie zwei Bischöfe, so heißt es im Vorwort zu dem jetzt zunächst auf Französisch erscheinenden Buch von Benedikt XVI. und Kardinal Robert Sarah über Zölibat und Priestertum, hätten sich die beiden ausgetauscht, in Sorge um die Kirche und ihre Einheit und in Sorge um die Bischöfe, die Priester und die Laien. Das Buch trägt den Titel "Des profondeur de nos coeurs" (Aus der Tiefe unserer Herzen) und ist gestern bei Fayard auf Französisch herausgekommen, weitere Sprachausgaben folgen.

Eindringlicher Appell Sarahs im Schlusswort

Die Kirche, heißt es in diesem Vorwort, scheine zu schwanken, von allen Seiten würden die Wogen des Relativismus das Schifflein Kirche überfluten. Und so macht sich der Autor ein Wort des heiligen Augustinus zu eigen, der sich irgendwann entschloss, seine Korrspondenz mit dem Donatisten-Bischof Maximinus zu veröffentlichen: "Ich kann nicht schweigen. Ich weiß, wie gefährlich das Schweigen für mich wäre. Denn an kirchlichen Ehrungen will ich kein Gefallen finden, sondern denke, dass ich Christus, dem obersten Hirten, Rechenschaft ablegen muss für die Schafe, die mir anvertraut wurden. Ich kann weder schweigen noch Unwissenheit vortäuschen." Auch wenn das Vorwort von Ratzinger und Sarah gezeichnet ist, ließ sich in Erfahrung bringen, dass allein der Präfekt der Gottesdienstkongregation der Autor dieser Zeilen ist.

Dasselbe gilt für das von beiden gezeichnete Schlusswort, in dem der Kardinal einen eindringlichen Appell formuliert: "Es ist dringend notwendig, dass alle, Bischöfe, Priester und Laien, sich nicht mehr beeindrucken lassen durch üble Plädoyers, theatralische Inszenierungen, diabolische Lügen und Modeirrtümer, die den priesterlichen Zölibat entwerten wollen." Doch was schreibt nun der emeritierte Papst, der den kleineren Beitrag zu dem 175 Seiten starken Büchlein beisteuert? Während Kardinal Sarah den längeren, katechetischen Teil des von seinem Biografen Nicolas Diat editierten Buchs übernimmt, geht Ratzinger wie gewohnt mit den Augen des Theologen vor und entwickelt das neutestamentliche Priestertum aus der christologisch-pneumatischen Exegese. Zunächst macht er deutlich, dass die sich um Jesus bildende Gemeinschaft keine aus dem Alten Testament übernommene Priestergemeinschaft war, denn im Judentum war das Priestertum erblich. Stattdessen war es eine Laienbewegung, deren von Jesus gewollter Kult nicht auf das Alte Testament zurückgeht, sondern durch das Letzte Abendmahl und die Gabe von Leib und Blut Jesu Christi grundgelegt wird. Jesus selber sei zum Hohenpriester geworden, der sich im Abendmahl als Speise schenkt und mit der Vorwegnahme seines Todes und seiner Auferstehung eine grundlegende Erneuerung des Kultus vollziehe, die für alle Zeiten maßgebend bleibt.

Ratzinger erklärt Figur des Priesters von Jesus Christus her

Ratzinger erklärt also die Figur des Priesters in der katholischen Kirche ganz von ihrem Stifter, Jesus Christus, her und wiederholt die in seinem Jesusbuch ausgebreitete These, dass diese auf der Liebe basierende neue Gründung des Kults und damit des Priestertums schon bei Paulus vollständig durchgeführt ist.
Der emeritierte Papst bietet in seinem Aufsatz eine christologische Auslegung des Alten Testaments, die er auch als pneumatologische Auslegung bezeichnet. Es klingt ganz nach Ratzinger, wenn der emeritierte Papst schreibt, dass die in der Eucharistie immerfort gegenwärtige Liebe Christi der neue Akt der Anbetung sei. Dementsprechend seien dann auch die priesterlichen Ämter Israels "aufgehoben" in den Dienst der Liebe hinein, der zugleich immer Anbetung Gottes ist.

Der emeritierte Papst besteht auf der radikalen Verwurzelung des Priestertums in der Eucharistie: Für die Priester der Kirche Christi habe sich die Situation durch die regelmäßige Feier der Eucharistie grundsätzlich verändert. Und hier kommt bei Benedikt der Zölibat ins Spiel: Für die Priester stehe ihr ganzes Leben in der Berührung mit dem göttlichen Geheimnis und verlange so eine Auschließlichkeit für Gott, die eine andere, das ganze Leben umgreifende Bindung wie die Ehe ausschließe. Aus der täglichen Eucharistiefeier, so Ratzinger, und dem umfassenden Dienst für Gott habe sich die Unmöglichkeit einer ehelichen Bindung wie von selbst ergeben. Die im Alten Testamant funktionale Enthaltsamkeit sei zu einer ontologischen geworden.

Dienst für den Herrn beansprucht den Menschen ganz und gar

Den Einwand, dass diese ontologische Enthaltsamkeit in einer negativen Einstellung zu Leib und Sexualität gründe, lehnt Ratzinger ab. Der Vorwurf, dass der priesterlichen Ehelosigkeit ein manichäisches Weltbild zugrunde liege, sei schon im vierten Jahrhundert erhoben, aber von den Vätern mit Entschiedenheit zurückgewiesen worden. Wie die Ehe beanspruche der Dienst für den Herrn ebenfalls den Menschen ganz und gar, so dass beide Berufungen nicht zugleich realisierbar erschienen. So sei es in der katholischen Kirche gekommen, dass die Fähigkeit, auf die Ehe zu verzichten, um ganz für den Herrn da zu sein, zu einem Kriterium für den priesterlichen Dienst geworden ist.

Die Überlegungen des emeritierten Papstes zum Zölibat sind kurz. Vor allem aber berührt Ratzinger keine aktuellen Fragen der innerkirchlichen Debatte   sei es um die Weihe von "viri probati" oder um die generelle Lockerung der Zölibatsregel. Stattdessen legt er in seinem Beitrag für Sarahs Buch eine exegetisch fundierte Einführung in das Wesen des katholischen Priestertums vor.

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