Würzburg

Ukas gegen Küng

Karl-Heinz Menke sieht Aktualität der Lehrverurteilung vor 40 Jahren.

Hans Küng
Hans Küng. Seit mehr als 40 Jahren gleichermaßen verehrt und umstritten. Foto: dpa

Vor 40 Jahren veröffentlichte die Glaubenskongregation die Erklärung „Christi Ecclesia a Deo“ über einige theologische Meinungen Hans Küngs. Im Vorfeld führte die Glaubenskongregation mit Küng seit 1970 Lehrgespräche über sein Werk „Die Kirche“ (1968) und eröffnete aufgrund seines Buchs „Unfehlbar? – eine Anfrage“ ein Lehrverfahren, an das sich eine Erklärung der Glaubenskongregation anschloss. Bereits 1977 wiesen die Deutschen Bischöfe explizit in zwei Erklärungen die von der Tradition abweichenden Ansichten Küngs in Bezug auf die Trinitätslehre, Christologie, Ekklesiologie und die Mariologie zurück. Mit der von Johannes Paul II. gebilligten Erklärung „Christi Ecclesia a Deo“ mussten die deutschen Bischöfe handeln. Folglich entzog die deutsche Bischofskonferenz einstimmig Hans Küng im Januar 1980 die Lehrerlaubnis.

Sakramentalität der Kirche steht gegenwärtig erneut auf dem Spiel

Dass seine Thesen auch heute noch wirkmächtig sind, darauf wies der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke gegenüber dieser Zeitung hin. Menke, der auch Mitglied der Internationalen Theologenkommission ist, sieht in den Auffassungen der Theologen Saskia Wendel, Magnus Striet und Michael Seewald die Theologie Küngs fortleben: „Wenn die Dogmen der Kirche nur noch ,anthropogene‘ Ausdeutungen des notwendig zu denkenden Absoluten sind, dann ist das Lehramt der Apostelnachfolger, wenn es in Gemeinschaft mit dem Petrusnachfolger eine verbindliche Trennung wahrer von falscher Christusinterpretation dekretiert, nur noch ein fehlbares – anthropogenes – Entscheidungsorgan. Kurzum: Die Sakramentalität der Kirche steht gegenwärtig erneut auf dem Spiel – was nicht zuletzt die – theologisch unsäglichen! – Papiere der Vorbereitungsgruppen der vier Gesprächsforen des Synodalen Weges beweisen“, so Menke.

Im Kern zogen die Glaubenskongregation und die deutschen Bischöfe mit ihren Maßnahmen Konsequenzen aus der Tatsache, dass Küng die Möglichkeit bestritt, dass das Lehramt unfehlbar lehren könne. Offenbarung sei demnach immer an zeitbedingte Begriffe gebunden, womit eine Fassung des Glaubens in ein bestimmtes dogmatisches Bekenntnis unmöglich werde, wie Menke hervorhebt: „Zur Selbstoffenbarung Gottes als der Mensch Jesus gehört auch das gemeinsame Verstehen dieses Inkarnationsgeschehens. Natürlich kann man eine Verstehensregel wie das Dogma des ersten Konzils von Nicäa immer tiefer gedanklich und sprachlich ausloten. Aber nach hinten ist die Bekenntnisformel ,eines Wesens mit dem Vater‘ abgeschlossen und also irreversibel beziehungsweise unfehlbar richtig.“ Küng habe dagegen die Unfehlbarkeit von Sätzen grundsätzlich bestritten. Deshalb habe sich der Tübinger Theologe auch gegen eine Ökumene der Bekenntniseinheit gewandt. Es genüge, so erklärte Küng, das gemeinsame Vertrauen in den geistgewirkten Beistand des zum Vater erhöhten Erlösers, so Menke weiter: „Das Bleiben der Kirche in der Wahrheit, so erklärte Küng, kann nicht an Sätzen festgemacht werden. Diese tragen aus seiner Sicht nur solange zur Einheit bei, als sie von der eigentlichen, weil unsichtbaren bzw. eschatologischen Einheit unterschieden werden – die, so betont er, allein Werk der Gnade ist.“

Eschatologische Einheit allein Werk der Gnade

Damit übernähme Küng die Ekklesiologie der Leuenberger Konkordie, die die Grundlage der „Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft“ evangelischer Gemeinschaften begründen sollte: „Kirche nicht als von Christus untrennbares Sakrament, sondern Kirche als die Gemeinschaft derer, die ihre Rechtfertigung allein aus Gnade gegenseitig bezeugen, ohne ihren Glauben – fides qua – in ein bestimmtes Bekenntnis – fides quae – fassen zu müssen oder zu wollen“, fasst Menke zusammen.

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