Rom

Überlegungen zum priesterlichen Zölibat

Für den Zölibat können keine allgemein einsichtigen Gründe vorgelegt werden, meint die Theologin Marianne Schlosser. Die priesterliche Ehelosigkeit beziehe ihre Logik aus dem Glauben an die leibhafte Auferstehung Christi.

Überlegungen für den Zölibat
Wer zum Priester geweiht wird, übernimmt nach katholischem Verständnis nicht einfach einen Dienst oder eine Aufgabe, sondern wird in die besondere Nachfolge Christi gerufen. Foto: Arno Burgi (ZB)

„… Was würde es dem Neuen Bund schaden, wenn die Diener der Religion ebenso wie im Alten Bund in einer ehrbaren sakramentalen Ehe leben würden? Ist denn Gott jetzt weiser oder heiliger geworden als im Alten Bund? – Mag Christus jungfräulich gewesen sein, mag er von einer Jungfrau geboren sein, die einem jungfräulichen Mann angetraut war, mag er vorausbezeichnet worden sein durch die jungfräulichen Propheten Jeremia und Elia, mag er die Jungfräulichkeit einigen wenigen geraten haben, die es fassen konnten. Woher, frage ich, kam das Gebot (lat.: praeceptum), so dass es nicht mehr nur ein Rat blieb? […]
So häufig werden Gelübde übertreten, so oft das Heilige befleckt, die Gesetze der Natur schauderhaft verkehrt – Verbrechen, Schandtaten, Sünden, Unrecht, Vergehen, Abscheulichkeiten, die zu nennen oder daran zu denken man sich schämt … Die unwürdige Realität schreit lauter als meine Klage – außer es wollte sich jemand absichtlich taub stellen!“

Dies sind nur einige der Einwände gegen den Zölibat, mit denen sich im 14. Jh. Johannes Gerson (1363-1429) auseinanderzusetzen hatte – in seiner Antwort auf die Anti-Zölibats-Schrift eines französischen Adeligen. Ähnliche Argumente begegnen im sogenannten „Anti-Zölibats-Sturm“, der im 19. Jahrhundert manche Diözesen Südwestdeutschlands erfasste, wo sich hauptsächlich akademisch gebildete Laien zusammen mit einer erklecklichen Anzahl von Professoren der Freiburger Universität an den  Großherzog von Baden und den Badischen Landtag wandten, um die Aufhebung des Zölibats für die katholischen Priester zu erwirken. Damals kam es zur Errichtung von Anti-Zölibats-Vereinen, denen sich leider nicht wenige Priester anschlossen. Der bedeutendste Verteidiger des Zölibats war zu dieser Zeit Johann Adam Möhler.

In der Argumentation vermischen sich zwei Stoßrichtungen

In der Argumentation gegen die lange Tradition des Priester-Zölibats vermischen sich zuweilen – damals wie heute – zwei Stoßrichtungen: Einerseits werden sehr grundsätzliche anthropologische Einwände erhoben; etwa: der Zölibat führe zur Verkümmerung der menschlichen Existenz. Diese Argumente, darüber muss man sich im Klaren sein, bezweifeln bzw. bestreiten letztlich den Sinn und die Fruchtbarkeit des evangelischen Rates der perpetua continentia überhaupt. Andererseits werden spezifische Argumente gegen den priesterlichen Zölibat vorgebracht, wie er (hauptsächlich) mit der lateinischen Tradition verbunden erscheint: So wurde und wird bis heute die Ablehnung des sogenannten „Pflicht-Zölibats“ damit begründet, er sei das Haupthindernis, mehr gut-qualifizierte Bewerber für das Priesteramt zu bekommen.

Nicht selten wird beteuert, man schätze das Charisma der Ehelosigkeit durchaus, aber nachdem es nicht notwendig mit dem Priestertum verbunden sei, könne man es nicht als Voraussetzung verlangen.
Nun hat freilich bereits vor vielen Jahren Karl Rahner (1968: Der Zölibat des Weltpriesters im Gespräch. Eine Antwort) darauf geantwortet, man könne der Kirche nicht das Recht absprechen, von denen, die ihre Priester sein wollen, diese Mitgift zu verlangen. Ähnlich hat Joseph Ratzinger (Offener Brief an den Münchener Moraltheologen R. Egenter, 1977 darauf hingewiesen, dass besagter Argumentation ein unreflektierter Charismen-Begriff zugrunde liege:  Erstens wird ein Charisma der Person als einem freien Subjekt gegeben. Der Empfänger selbst kann und muss sich zu dieser Gabe verhalten; d.h. man kann eine Gabe entwickeln, hüten, auch: von Gott erbitten; ebenso wie man sie vernachlässigen, verletzen oder absterben lassen kann. Das gilt auch für diejenigen Personen, welche die Verantwortung der Begleitung und der Unterscheidung von Berufungen haben.

Charisma ist nie nur private geistliche Gabe

Zweitens ist ein Charisma nie eine nur-private geistliche Gabe, sondern im Gegenteil: eine besondere Befähigung für den Nutzen der kirchlichen Gemeinschaft. – Dies scheint, so möchte ich hinzufügen, ganz besonders für das Charisma der ehelosen Keuschheit zu gelten (vor allem, wenn es nicht mit einer Ordensberufung verknüpft ist): Es schenkt die Freiheit zu einem außergewöhnlichen Einsatz. – Würde nun die Kirche ihre öffentlich-bekundete Wertschätzung des zölibatären Lebens von Priestern aufgeben und es der persönlichen Entscheidung überlassen, so würde das ehelose Leben eines Diözesan-Priesters zu einem Ausdruck seiner persönlichen, privaten Frömmigkeit, die aber mit seinem kirchlichen Dienst wenig zu tun hätte. Die Folge solcher „Freistellung“ wäre über kurz oder lang – so ist Joseph Ratzinger auch aufgrund historischer Entwicklungen überzeugt – das Verschwinden des zölibatären Lebens von Priestern.
    
Im folgenden werde ich nicht auf die geschichtliche Entwicklung eingehen; denn zum Aufweis der Legitimität des Zölibat in der lateinischen Kirche liegen mehrere Studien vor (Chr. Cocchini, R. Cholij, St. Heid), vielmehr will ich versuchen, die innere Nähe oder „vielfältige Entsprechung“ („multimoda convenientia“: Presbyterorum ordinis n.16) zwischen dem Evangelischen Rat der  für immer versprochenen „ehelosen Keuschheit um des Himmelreiches willen“ und der priesterlichen Berufung sichtbar zu machen. Wenn man das nicht unternimmt, wird von allein die Frage aufstehen, was man denn verlieren würde, wenn man dieses anscheinend unverständliche, ungeliebte und angeblich so oft gebrochene „Gesetz“ aufgäbe.

Zölibatäres Leben beruht auf Erlösungsordnung

Gewiss, es handelt sich um Konvenienz-Argumente. Denn das zölibatäre Leben beruht auf der Erlösungsordnung; und das hat zur Folge, dass seine Begründung nicht mittels notwendiger und allgemein einsichtiger Gründe vorgelegt werden kann, wenngleich es auch einige Plausibilitätsargumente von außen geben mag, sondern dass es seine eigentliche „Logik“ aus dem Glauben an die Inkarnation, mehr noch: an die leibhafte Auferstehung Christi zieht („Nach der Auferstehung werden sie nicht mehr heiraten“: Mt 22,30; Lk 20,35). Auch hier darf ich noch einmal Rahner zitieren: „Die heutige Zölibatskrise hat sehr viele Gründe. […] Aber wenn wir uns nicht selber täuschen, müssen wir sehen, dass der letzte Grund dieser Krise in der Glaubensnot im allgemeinen und ganzen liegt. Wir leben in einer Zeit, in der die Wirklichkeit Gottes und des ewigen Lebens vom Menschen nur schwer realisiert zu werden vermag. Wir leben in einer Zeit, die durch Stichworte wie Entmythologisierung, Entsakralisierung [!] und durch die Tendenz charakterisiert ist, das ganze Christentum auf eine bloße Zwischenmenschlichkeit zu reduzieren.“

Ich setze im folgenden voraus, dass die continentia permanens = Zölibat nicht einfach ein äußerer Lebensstil ist – oder gar ein bequemeres Single-Leben! – sondern ein spezifischer, leiblicher Ausdruck der Keuschheit (castitas). Diese wiederum bezeichnet eine Haltung der Ehrfurcht, welche die affektiven Beziehungen der Person zu ihren Mitmenschen, zu sich selbst, ja auch zu Gott formt, und ist eine notwendige Qualität der caritas, der Tugend der Liebe. Sie wurzelt im Erfassen der „Heiligkeit“, Kostbarkeit und Unverfügbarkeit der anderen Person.

Nachfolge des Guten Hirten – nicht funktional, sondern personal

Im Neuen Testament gibt es nur einen Priester: den Herrn, Bräutigam und Haupt seiner Kirche, die sein priesterlicher Leib ist (1 Petr 2,5.9). Wer das Sakrament der Priesterweihe empfängt, wird befähigt, den Herrn der Kirche zu „repräsentieren“, Christus als das bleibende Gegenüber zur Kirche in ihr sichtbar zu machen – in Wort, Sakrament, im selbstlosen Dienst am Heil. Einsetzung des sakramentalen Priestertums besagt, dass Christus nicht nur als die Heilsgabe in seiner Kirche gegenwärtig bleiben will (Eucharistie als Sakrament), sondern auch als Geber (in der Eucharistie-Feier besonders durch das Handeln des Priesters „in persona Christi capitis“). Das Priestertum des Neuen Bundes existiert nur in Abhängigkeit von dem einzigen Hohenpriester Christus.

Zugleich: Wer zum Priester geweiht wird, übernimmt nach katholischem Verständnis nicht einfach einen Dienst oder eine Aufgabe, im Sinn einer für die Gemeinschaft notwendigen Funktion, sondern wird in die besondere Nachfolge Christi gerufen. Er ist nicht einfach ein „Medium“ oder „Werkzeug“ (selbst wenn die Sakramente ex opere operato wirksam sind, und nicht von der Glaubenskraft oder Heiligkeit des Priesters abhängen), auch nicht ein „Knecht, der nicht weiß, was sein Herr tut“, sondern „Freund“ (Joh 15,15), der in eine „Wirk-Gemeinschaft“ (als cooperator) mit Christus gerufen ist (1 Kor 3,9). Seine Aufgabe ist es, das übernatürliche Leben zu fördern, die Gläubigen aufzubauen zu einer heiligen Opfergabe (PO 2). Er hat nichts zu geben, als das, was Christus gibt. Aber dieses Weitergeben fordert ihn als Person.

Nicht für sich selbst, sondern für Christus Priester werden

Wie sollte da nicht auch eine Angleichung der Lebensweise an die Lebensweise Jesu, die evangelischen Räte, konvenient sein? Wessen erste Sorge dem Reich Gottes gelten muss (Mt 6,33), der wird vermeiden, in „irdischen Beschäftigungen“ aufzugehen (vgl. 2 Tim 2,4) oder sich zu häuslich einzurichten.  
Die Bereitschaft eines Kandidaten zum zölibatären Leben kann durchaus ein Kriterium dafür sein, ob er verstanden hat, dass er nicht für sich selbst Priester wird, sondern für Christus, der durch ihn seine Hirten-Sorge ausüben will. Und ob er sich der Unbedingtheit dieses Rufes stellt. Unverblümt gab Karl Rahner (1968) zu bedenken: „Wir müssen den Priester und den Priesteramtskandidaten von heute fragen, wo denn eigentlich in ihrem Leben jene Entscheidungen […] gegeben sind, die ihr Leben aus dem Glauben so bestimmen, dass dieses Leben selbst anders wäre, wenn sie nicht an Gott und das ewige Leben glauben würden.“

Dabei geht es nicht um eine äußere Nachahmung, sondern um das Teilen des Lebens, was eine besondere Nähe bewirkt. Die „continentia“ ist nicht ein Kleid, das man äußerlich trägt, sondern Ausdruck der inneren Zugehörigkeit zu Christus, dem Guten Hirten, die so total ist, dass der Platz einer Ehepartnerin leer bleibt.

Wer darauf verzichtet, verzichtet auf ein Gut – ein Gut der Schöpfungsordnung. Das kann nur gelingen, wenn der Verzicht um eines höheren Gutes willen bejaht, und nicht einfach „in Kauf genommen“ wird. Gerade weil die Ehe keine periphere Angelegenheit des menschlichen Lebens ist, sondern als einzigartige, ausschließliche Gemeinschaft eines Mannes mit einer Frau die beiden Personen in allen Dimensionen tiefgreifend prägt und beansprucht, lässt sich als „konvenient“ verstehen, dass ein Mensch, der total-personal für den Auftrag Christi in Dienst genommen ist, einer anderen menschlichen Person nicht so gehören kann, wie ein Ehemann seiner Frau.

Es ließe sich hinzufügen, dass das Unverständnis für den Sinn der Ehelosigkeit gerade auch Folge der Banalisierung menschlicher Geschlechtlichkeit und der Verwirrung im Bereich der Ehe ist: „Denn sobald aus der Ehe eine rein bürgerliche Angelegenheit, gar weithin ein Chaos wird, verliert der Gedanke eines frei vollzogenen Verzichts auf die geschlechtliche Gemeinschaft um der höchsten Aufgaben willen, und einer Lebensform, die sich daraus entwickelt, seinen soziologischen Ort. So ist es nicht zufällig, dass die Leugnung des sakramentalen Charakters und damit die These ihrer Auflösbarkeit in der Reformation zu der gleichen Zeit und aus den gleichen Anschauungen heraus vollzogen wurde, aus welchen auch die Ehelosigkeit als freiwillige und christlich geheiligte Form abgelehnt worden ist. Sie setzen sich dann in der Haltung der französischen Revolution fort, welche die Ehe zu einer rein bürgerlichen Sache gemacht und die Orden in einem – nicht etwa nur durch Missstände begründeten – Hass bekämpft hat“ (Romano Guardini, Ethik I).

Tria munera Christi

Das Weihepriestertum, so erklärt PO ganz zu Beginn, ist dazu eingesetzt, die „heilige Priesterschaft“ des Leibes Christi aufzubauen, damit die Gläubigen eine Opfergabe für Gott werden. Dieser heiligende Dienst vollzieht sich in der Verkündigung (martyria – munus propheticum), der Feier der Sakramente (leiturgia – munus sacerdotale, sanctificandi) und der umfassenden Sorge für das Heil der Anvertrauten (diakonia – munus regendi).

Leiturgia

Wenn vom Priester als dem „Diener des Geheimnisses“ (minister mysterii) gesprochen wird, dann wird man sicherlich an seine Aufgabe denken, die Sakramente („mysteria“) zu feiern. Die Sakramente aber wurzeln in dem Mysterium schlechthin, wie es v.a. die Paulinischen Briefe verdeutlichen: im Heilsplan Gottes, der in Christus geoffenbart wurde. Zu diesem Heilsplan gehört integral die Kirche. „Mysterium“ besagt „den ganzen Christus“, „Haupt und Leib“, insofern die Vereinigung der Menschen mit dem Erlöser gerade das Ziel des Heilsplanes Gottes ist.

Der lebendige Christus ist das Haupt und der Bräutigam der Kirche: „Er hat sie geliebt und sich für sie hingegeben“, „damit sie rein und heilig“ sei (Eph 5,25-27). Gefeiert und vergegenwärtigt wird diese Hingabe vor allem in der Eucharistie: Durch sie werden die Gläubigen gereinigt und tiefer geheiligt, um mit Christus eine „heilige Gabe für Gott den Vater“ zu sein. Darum fassen die Kirchenväter die eucharistische Feier als Hochzeitsmahl des Lammes auf, in dem „verhüllt“ im Sakrament die verheißene Gemeinschaft des Himmels bereits gefeiert wird.

Liegt es nicht nahe, dass derjenige, der in dieser Liturgie den Bräutigam „repräsentiert“, „in persona Christi capitis“ handelt und die Worte spricht: „Das ist mein Leib für euch“, auch selbst einzig die Kirche als sein Gegenüber habe? Was das Priestertum des „ersten Grades“, also das Bischofsamt betrifft, ist diese Konvenienz auch in den östlichen Kirchen nicht strittig. Der Bischof ist quasi in geistlicher Ehe an jenen Teil der Kirche gebunden, der seiner Hirtensorge anvertraut ist.

Priester und Opfergabe zugleich

Ein zweiter Aspekt: Das Kennzeichen des Priestertums Christi ist, dass er Priester und Opfergabe zugleich ist – „Priester, Altar (als der Ort der Begegnung von Gott und Mensch) und Opferlamm“. Zum Priestertum in der Nachfolge Christi gehört also auch die „Enteignung“ (Joseph Ratzinger) oder „Übereignung“ seiner selbst an Gott. Das ist der eigentliche Sinn von „Opfer“ (lat.: „sacri-ficium“): Man übergibt Gott etwas – im letzten stets sich selbst –, damit es IHM gehöre (Augustinus).

Die Ehelosigkeit ist eine sehr konkrete, auch in der Dimension des Verzichtes spürbare, Form der Übereignung an Gott: Ihm wird gegeben das Verlangen, fruchtbar und nicht sinnlos zu leben, und die Sehnsucht, personal geliebt zu sein. Es wird gegeben „um des Himmelreiches willen“, in der glaubenden Gewissheit, dass man niemals Gott etwas gibt, ohne dass ER mehr zurückgibt, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass dadurch diejenige Liebe (caritas) wachse, die zum Heil anderer beiträgt, die Liebe des Guten Hirten, der sein Leben für die Seinen einsetzt.

Es gibt in jedem menschlichen Leben „Opfer“, die einem zugemutet, auferlegt werden. Das zölibatäre Leben aber ist eine Tat des großherzigen Glaubens. Das heißt: Nicht nur dem faktisch enthaltsamen, keuschen Leben, sondern dem Versprechen eignet eine besondere Würde. Denn hier kommt die Dimension der „freiwilligen Gabe“ zum Ausdruck. Das Versprechen enthält eine Selbstbindung, die man mit Thomas von Aquin als einen Akt der Gottesverehrung bezeichnen kann: die öffentlich eingegangene Bindung ist ein Zeugnis des Vertrauens in Gott und seine Gnade. Ein mir bekannter Priester hat es so ausgedrückt: „Ja, der Zölibat ist ein Charisma, ein Geschenk Gottes. Aber er ist auch mein Geschenk an Gott.“

Martyria – Zeugnis

Früher nannten Priester ihr Brevier noch zuweilen: „meine Braut“. Damit sollte wohl gesagt sein, dass sie das Stundenbuch überallhin mitnahmen – wie heute das Handy. Selbstverständlich: Es geht nicht um das Buch als Gegenstand, sondern um die Vertrautheit mit dem Wort Gottes, das nicht nur gelesen, sondern durchbetet, ja wie von den Propheten „gegessen“ werden soll. Gerade der Verkündigungsauftrag setzt  den persönlichen Umgang mit dem Wort Gottes voraus, wie Pp. Franziskus in „Evangelii gaudium“ eindringlich ans Herz legt.

Notwendig ist die Ehelosigkeit dazu freilich nicht. Dennoch sollte man bedenken, dass Realisten wie Thomas von Aquin (oder auch die „Therapeuten“, die Philo beschreibt; unter anderen Vorzeichen aber auch Moses Maimonides) eine bestimmte Freiheit des Geistes für eine ausgezeichnete Disposition zur Kontemplation hielten, nämlich jene „Ungeteiltheit des Herzens“, die Paulus mit der keuschen Ehelosigkeit verbunden sieht (1 Kor 7,32-34). Sie ist innerlich ausgerichtet auf die ungehinderte Betrachtung der Wahrheit Gottes bzw. des geoffenbarten Gottes-Wortes. Vor allem gilt das für diejenige Kontemplation, die nicht nur ein theoretisches Nachsinnen ist, sondern ein „Hinschauen mit dem Blick der Liebe“.
Umgekehrt, darin ist die geistliche Tradition ebenfalls einig, stärkt dieses liebevolle „geneigte Hören“ auf das Wort Gottes die Tugend der Keuschheit.

Wer die Frohe Botschaft verkündet, spricht von Gütern der kommenden Welt, ist ein Zeuge der Hoffnung. Die Güter des ewigen Lebens sind wirkliche Güter, aber nicht so einfach sichtbar: „Wir starren nicht auf das Sichtbare, sondern machen unseren Blick fest (contemplantes) an dem, was nicht vor Augen liegt. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ewig“ (2 Kor 4,18). Ein Leben in freiwilliger Ehelosigkeit ist ein starkes Zeugnis für die Wirklichkeit der Güter, von denen man redet, ein Zeugnis dafür, dass wir maßlos geliebt sind – schon jetzt, in dieser Welt voll Zwielicht und Schatten.

Im Wort „martyria“ klingt freilich noch ein weiterer Ton mit, der hier nur angedeutet werden soll: Martyria ist auch „Bekenntnis“ (confessio) gegen Widerstand und Widerspruch – von außen oder auch aus dem eigenen Inneren. Bekennen heißt dann: einzustehen für das, was sich nicht von selbst nahelegt, die „Torheit des Kreuzes“ nicht zu verleugnen. Es ist kein Zufall, dass das „weiße Martyrium“ der Jungfräulichkeit gleich nach dem „roten“, dem Blutzeugnis, folgt (Vgl. LG n.42). Beides ist Kreuzesnachfolge (Johannes Chrysostomus). Aber bei beiden geht es nicht in erster Linie um die  „Marter“, sondern um die Einheit des Zeugen mit Christus.

Diakonia – Seel-Sorge, der Dienst des Guten Hirten

Diakonia soll hier in einem umfassenden Sinn verstanden sein: dem übernatürlichen Ziel der Mitmenschen dienen, und zwar mit einer Sendung (und daher einer Verantwortung!), die über die Pflicht eines jeden Bruders oder einer jeden Schwester hinausgeht. Es geht um ein Dienen, wie Christus gedient hat (vgl. Phil 2, Joh 13 etc.), ein Dienen mit dem gleichen Ziel. Das Paradigma dafür ist die Fußwaschung – mit ihren ethischen wie sakramentalen Implikationen. Denn immer noch will Christus durch den Dienst der Apostel die Füße seiner Gläubigen waschen.

Was trägt hierzu der Zölibat bei? Mehr jedenfalls als äußere zeitlich-räumliche Verfügbarkeit oder leichtere Versetzbarkeit. Es geht vielmehr um eine bestimmte Qualität der Beziehung. Der Blick eines Seel-Sorgers soll erkennen, was im anderen Menschen „Gottes ist“, das Abbild Gottes, in Ehrfurcht vor dem Wirken Gottes.

Diesen Blick für den Anderen traute man seit frühester Zeit besonders denen zu, die „für Gott einsam leben“. Wer sich der eigenen Einsamkeit mit Gott jeden Tag stellt, der wird auch tiefer verstehen, was jedem Menschen nottut. Darum wird die geistliche Vaterschaft denjenigen Personen zugeschrieben, die selbst keine natürliche Vaterschaft kennen – den Mönchen (auch den Nonnen) und Priestern. Wie sich die Berufung zur besonderen Nachfolge nicht einfach aus der Herkunft aus einer christlichen Familie ergibt, sondern einen besonderen Ruf voraussetzt (vgl. die Nachfolge-Worte Jesu, welche eine Distanzierung von der natürlichen Familie fordern), so werden auch die menschlichen Beziehungen einer solchermaßen berufenen Person eine besondere Färbung annehmen.

„Ein Priester ist Vater aller Gläubigen, Männer wie Frauen. Wenn also jemand, der diese Stellung unter den Gläubigen einnimmt, heiratet, gleicht er jemandem, der seine eigene Tochter heiratet“, schrieb ein syrischer Autor des 8. Jahrhunderts. Das klingt schockierend. Aber fragen wir andersherum: Könnte die Ehefrau eines Priesters bei ihrem Mann beichten? Wie kann man ertragen, dass Menschen beim Ehepartner, den man so gut kennt wie niemand sonst, ihre tiefste metaphysische Not und Schuld vor Gott aussprechen? Es war Friedrich Nietzsche, der behauptete, dass die Ohrenbeichte in den Gemeinschaften der Reformation verschwand, als es keine zölibatären Geistlichen mehr gab.

Und so dürfen wir auch fragen, ob die Leichtigkeit, mit der man sich verheiratete Priester vorstellen kann, vielleicht mit der – de facto – marginal gewordenen Bedeutung des Bußsakraments verknüpft ist.

Fazit:
Bedenkt man die hier kurz umrissenen Aspekte, so wage ich zu sagen: Die Loslösung des zölibatären Lebens vom priesterlichen Dienst würde die Auffassung vom Priestertums nicht nur peripher, sondern tiefgreifend verändern. Die Folge wäre auf jeden Fall eine verstärkt funktionale Bestimmung, vermutlich auch die vollständige Verbürgerlichung. Demgegenüber wäre daran zu erinnern, dass die großen Reform-Bewegungen der Kirchengeschichte, die auf Dauer Fruchtbarkeit entfalteten, auf die vita evangelica für den Klerus gesetzt haben.

Zwischen Kreuz und Ostern

„Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer sein Leben in dieser Welt hasst, der wird es gewinnen.“ Das zölibatäre Leben wird man nur verstehen, wenn man dieses Wort beginnt zu verstehen.
Das Leben des Christen ist geprägt von Kreuz und Auferstehung Christi (KKK 2015) – angefangen mit der Taufe, die sich in einem Todessymbol vollzieht (Untertauchen), um das Neue Leben zu empfangen. Die Sakramente zeigen dieses Geheimnis, die Seligpreisungen drücken es aus, und ganz besonders die Evangelischen Räte. Freiwillige Armut – die auch innerlich frei macht; ehelose Keuschheit – der nicht die Beziehungslosigkeit korrespondiert, sondern die Freundschaft mit Christus; konkreter Verzicht auf eigene Pläne – um mehr Gutes zu bewirken, als was man sich selbst hätte ausdenken können. Alle evangelischen Räte haben diese Doppelgestalt: das Neue Leben kommt durch Sterben.

Die „Räte“ laden ein zu einem Verzicht, und zwar auf wirkliche Güter, auf die man nicht verzichten müsste. „Schmerz“ ist daher kein Zeichen, dass man nicht berufen sei – aber wenn die Freude den Schmerz nicht überbietet, liegt kaum eine Berufung vor. Umgekehrt: Die Berufung zum zölibatären Leben empfangen zu haben, bedeutet nicht, aller Anfechtung enthoben zu sein. Die Dimension der Askese bleibt wichtig, und die geistliche Tradition ist in diesem Punkt sehr realistisch. Angeraten wird das Bemühen um flankierende Tugenden, dazu gehören die beiden anderen „Räte“. Denn nicht nur ein „entfesselter Magen“, sondern auch Eitelkeit und das Interesse an Gerüchten höhlen das keusche Leben aus. Wer seinen Zorn, Ungeduld, geistliche Trägheit oder Genusssucht nicht bekämpft, oder gar leichtsinnig-selbstgewiss Gefahren geringschätzt, der riskiert den Zusammenbruch.

Das Leben nach den evangelischen Räten ist zugleich „Vorgeschmack“ des neuen Lebens, nicht Illusion, sondern der frische Wind aus dem neuen Äon, der seit Ostern hereinweht in eine Welt, die geprägt ist von ihrer eigenen Vergänglichkeit – und der tödlichen Angst davor. Das ehelose Leben ist ein „Sprößling“ der Hoffnung (als theologaler Tugend), die nicht ohne „Angeld“ ist (vgl. Spe salvi 7.9). Berufung zum zölibatären Leben birgt die Berufung zu einer vertieften Freundschaft mit Christus, die sich ihrerseits ausweiten will auf die Brüder und Schwestern Christi – in einer hochherzigen und einsatzbereiten Liebe.