Frankfurt

Synodaler Weg: Mitstreiter gesucht

Der Synodale Weg könnte eine Chance sein, wenn der Fingerzeig von Papst Franziskus an die Kirche in Deutschland beachtet wird. Plädoyer eines engagierten Laien für ein Update der Agenda.

Worauf es beim Synodalen Weg ankommen sollte
Michael Freiherr von Ketteler mahnt dazu, die Worte von Papst Franziskus zu berücksichtigen, wenn am Wochenende die ersten Synodalforen beginnen. Foto: stock adobe
  • Der Synodale Weg wirft seine kirchenpolitischen Schatten voraus. Vieles soll in der Kirche verändert werden, was objektiv nicht in der Kompetenz dieses Forums steht.
     
  • Doch Christen müssen zunächst ihr eigenes Glaubenszeugnis auf den Prüfstand stellen, ehe sie strukturelle Veränderungen anmahnen.
     
  • Wer Macht in der Kirche ausüben will, versäumt den Fingerzeig, den die Gläubigen am Beispiel der Mutter Jesu lernen können: Den Willen Gottes erfüllen, den Nächsten mehr zu lieben und mehr zu beten.

Der auf zwei Jahre angelegte Synodale Weg gilt als wichtiges Instrument der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Als die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ihn ankündigten, hofften viele, es werde nach Optionen zur nötigen Glaubensvertiefung der Kirche gesucht. Die anfangs sprachlose Kirche ist bis ins Mark getroffen. In der im Herbst 2018 veröffentlichten MHG-Studie hat sie das Ausmaß des verabscheuungswürdigen sexuellen Missbrauchs untersuchen lassen.

Die Mehrheit der ZdK-Vertreter, also organisierte Laien und katholische Lehrstuhlinhaber, scheint vornehmlich „strukturelle Probleme“ im Auge zu haben. Klerikaler Machtmissbrauch, die zölibatäre Lebensform der Bischöfe und Priester, die kirchliche Sexualethik und die Rolle der Frauen in der Kirche sollen öffentlich erörtert werden. Man hofft, Veränderungen im Status der Kleriker und in der Hierarchie der Kirche sowie eine grundsätzliche Liberalisierung der Sexualethik werde eine zentrale Voraussetzung schaffen, um die Abwendung respektive Austritte von immer mehr Katholiken von beziehungsweise aus der Kirche zu stoppen. Die Forderungen nach einer zeitgeistgemäßen Anpassung konzentrieren sich dabei insbesondere auf die Abschaffung des Zölibats, die Einführung des Frauenpriestertums, eine Veränderung der Sexualethik und eine generelle Demokratisierung der Kirche.

Dialog, Gesprächs- und Lernbereitschaft für Christen fundamental

Demgegenüber hat Papst Franziskus in seinem Brief vom 29. Juni 2019 an „das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ mahnend hervorgehoben: „Ich erinnere daran, was ich … im Jahre 2015 sagte, dass nämlich eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin besteht, zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Weg der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen.“

Für Christen sind Dialog, Gesprächs- und Lernbereitschaft fundamental und ein Gebot der Liebe. Als katholischer Christ, Familienvater, jahrelang ehrenamtlich in kirchennahen Organisationen engagierter Mitstreiter für die Sache Christi und berufstätiger Manager in einem großen Unternehmen begrüße ich es ausdrücklich, wenn Menschen und erst recht kirchliche Anliegen repräsentierende Christen sich gemeinsam auf den Weg machen, immer tiefer die geoffenbarten Glaubenswahrheiten Jesu zu verstehen. Ich sähe den Synodalen Weg als eine Chance, den reichhaltigen katholischen Glaubensschatz neu in unserer Gesellschaft aufleuchten zu lassen, wenn man sich an den Worten des Heiligen Vaters, Papst Franziskus, orientierte - er weist in seinem Brief dem Synodalen Weg klar die Richtung: Es geht um Glaubensvertiefung, innere Erneuerung und eine für unsere Gesellschaft so notwendige und die geistliche Not wendende Neuevangelisierung.

ZdK ist Betätigungsfeld für Politiker und Ex-Politiker

Das ZdK hat sich auch zu einem Betätigungsfeld für Politiker und Ex-Politiker entwickelt, die politische Macht als sogenannte „Kirchenpolitik“ auch in den kirchlichen Raum transformieren wollen. Politiker sind es gewohnt, Mehrheiten zu organisieren, gesellschaftliche Trends aufzugreifen, sich an deren Spitze zu setzen und mit Pressepolitik die Stimmung zu beeinflussen. Was aber in einem weltlich organisierten Staatswesen seine Berechtigung hat, kann in der von Jesus gestifteten überzeitlichen Kirche als dem mystischen Leib Christi falsch sein. „Nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt“ – dieses Wort aus dem Johannesevangelium stellt die Verhältnisse klar. Die zweite Hälfte des zitierten Satzes beinhaltet den eindeutigen Auftrag: „damit Ihr Euch aufmacht und Frucht bringt und Eure Frucht bleibt.“

Dies beinhaltet die Aufforderung, uns als Christen in unserem Glaubenszeugnis selbst hinterfragen zu lassen. Konkret: Engagieren wir uns genug für die Sache Christi und die Ausbreitung des Evangeliums? Erkennen wir den reichen Schatz, den der Glaube uns zur Verfügung stellt? Wie steht’s mit dem Gebet? Glauben wir tatsächlich, man solle auf die zutiefst erschütternden und schrecklichen Geschehnisse durch vorwiegend strukturelle Veränderungen reagieren? Bewältigen wir so den dem Missbrauch zugrundeliegenden katastrophalen Glaubensabfall?

Glaubenssubstanz bei vielen „ohne Nährboden“

Papst Franziskus sieht die äußeren Merkmale der jetzigen Krise sehr deutlich: Immer weniger Katholiken besuchen eine Sonntagsmesse oder bereuen eigenes Versagen in einer Beichte. Die Glaubenssubstanz scheint bei vielen „ohne Nährboden“ und es gibt immer weniger Priesterberufungen, zumindest in vielen wohlhabenden Regionen dieser Erde. Der Heilige Vater sorgt sich weiter um die Kirche in Deutschland, die sich im Zeichen einer vielleicht falsch verstandenen Ökumene immer mehr von der Weltkirche loslöst und von der umfassenden „katholischen“ Gemeinschaft trennt, ein möglicher Vorbote einer Zerstückelung der Weltkirche.

Die Satzung des Synodalen Wegs hält ausdrücklich fest: „Beschlüsse der Synodalversammlung entfalten von sich aus keine Rechtswirkung. Die Vollmacht der Bischofskonferenz und der einzelnen Diözesanbischöfe, im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit Rechtsnormen zu erlassen und ihr Lehramt auszuüben, bleibt durch die Beschlüsse unberührt.“ Dennoch wirken Mehrheitsbeschlüsse dieses Gremiums natürlich meinungsbildend und verstärken Tendenzen.

Sollte beispielsweise in Abhebung von der jahrhundertelang einheitlichen Auslegung der Zehn Gebote und des Liebesgebots Jesu die Sexualethik der Kirche betreffend eine Zulassung von Ehescheidungen, die Zulassung wiederverheirateter, zuvor geschiedener Eheleute zu den Sakramenten verändert oder außereheliche und homosexuelle Beziehungen als ethisch anerkannt werden, so berührt dies die Glaubenssubstanz der Kirche und verändert ihre Identität. Ebenso liegt es nicht in der Vollmacht irgendeines Gremiums, mit einer Frauenpriesterweihe die Darstellung der Person Jesu in der Kirche gravierend zu verändern. Jesus geht und ging es auch nicht darum, zu herrschen und Macht auszuüben, sondern zu dienen. Maria, die Mutter Gottes und der Kirche, Königin des Himmels, der Engel und aller Heiligen, braucht wahrlich kein „update“. Vielmehr ruft sie seit der Hochzeit von Kana ständig dazu auf: „Was er (Christus) euch sagt, das tut.“

Chance, den Glauben der Kirche neu zu vertiefen

Auf diese Weise könnte der Synodale Weg eine Chance sein, den Glauben der Kirche neu zu vertiefen und auszubreiten: Durch eine bessere Vorbereitung von Paaren auf die Ehe, durch eine neue Wertschätzung der Familien und der Erziehungsarbeit in den Familien, durch einen verbesserten Schutz von noch nicht geborenen Menschen im Mutterleib, durch mehr und liebevollere Sorge für die Kranken und Sterbenden und durch mehr gemeinsames Beten.

Außerdem brauchen wir ein vertieftes Nachdenken über den Sinn des Zölibats, als einen mit der ganzen Existenz auf Christus ausgerichteten und sein Leben nachahmenden Lebensentwurf, der im Innersten genauso bräutlich ist wie die Berufung als Ehemann oder Ehefrau. Nicht der Wille eines noch so gut meinenden Gremiums, sondern mit dem Beistand des Heiligen Geistes soll das „Vater unser“ Wirklichkeit werden: „Dein Wille geschehe“.

Der Autor ist Manager in einem DAX-Konzern, Familienvater, Bundesvorstand im „Bund Katholischer Unternehmer“ (BKU e.V.), Mitglied im Malteser-Hilfsdienst und Kirchenvorstand seiner Gemeinde

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