Spekulationen über eine leere Hölle

Die Schriften von Christoph Wrembek propagieren eine unchristliche "Allerlösungslehre".

Cranach-Ausstellung in Gotha
Zwei Frauen betrachten im Großformat den Holzschnitt „Die Hölle“ (nach 1550) von Lucas Cranach d.Ä. bei einer Ausstellung in Gotha. Foto: dpa

Die „Letzten Dinge“ sind für die meisten Menschen wirklich „das Letzte“: Am besten beschäftigt man sich mit ihnen gar nicht. Tod, Gericht, Himmel und Hölle – was kann man dazu schon sagen? Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod ist nicht-gläubigen Menschen ohnehin fremd. Ihrer Meinung nach beendet der Tod einfach die Existenz. Das ist so ähnlich, wie wenn man das Licht ausschaltet. Danach kommt nichts.

Christen sehen das anders: Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, dann sollte man besser dafür sorgen, dass man in den Himmel kommt und nicht in die Hölle – auch wenn das einiger Anstrengung bedarf. Doch halt, es gibt auch für Christen einen bequemen Ausweg: die „Allerlösungslehre“ (griech.: apokatastasis panton). Dann braucht man Tod und Gericht nicht zu fürchten, denn am Ende kommen alle in den Himmel und die Hölle bleibt leer.

Der Jesuit Christoph Wrembek hat mit seinem Buch „Judas, der Freund“ (2017; Besprechung in DT vom 29.03.2018) – wie schon viele vor ihm – die These vertreten, dass „keiner verloren geht“, nicht einmal Judas. In seiner Nachfolgepublikation „(K)eine Chance für Judas?“ (2019, 64 S.) geht Wrembek auf kritische Anfragen ein, so der Verlag im Vorwort. Doch das ist deutlich übertrieben, wirklich Neues erfährt der Leser nicht. Der Autor bekräftigt lediglich seine These von der „Allerlösung“ mit den „Argumenten“, die er schon in seiner Erstveröffentlichung dargeboten hat, wenn auch etwas anders strukturiert und formuliert.

Das beginnt bei der Frage „Was von Reue und Umkehr bleibt“ (S. 15). Wrembek reagiert auf den Vorwurf, dass Reue und Umkehr bedeutungslos seien, wenn alle Menschen bedingungslos erlöst würden. Er hält diesem Einwand seine Interpretation der „Gleichnisse von den Verlorenen“ (Lk 15,3–31) entgegen. Während man im Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ noch Reue und Umkehr finden möge, sei dies bei einem „verlorenen Schaf“ und insbesondere bei einer „verlorenen Drachme“ überhaupt nicht möglich. Es komme daher nicht auf die Umkehr des Einzelnen an, sondern allein auf den Rettungswillen Gottes. Dabei verschweigt er, dass auch in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme die Umkehr ausdrücklich angesprochen wird (Lk 15,7 u. 10).

Ähnlich eigenwillig geht Wrembek mit dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus um (Lk 16, 19–31). Er liest es so, dass „Reue und Umkehr auch nach dem irdischen Leben eintreten können“ (S. 18). Nach dem Tod gibt es aber keine Möglichkeit zu heilsamer Reue und Umkehr mehr. Denn der Tod ist das Ende der irdischen Pilgerschaft (KKK 1013). Im Moment des Todes entscheidet sich das Schicksal des Menschen endgültig. Die Zeit der Bewährung ist abgelaufen. Genau das entspricht auch dem Sinn des Gleichnisses vom reichen Mann, der noch nach seinem Tod etwas für seine eigene Rettung oder die Rettung seiner Verwandten tun möchte. Doch der um Hilfe angerufene Stammvater Abraham kann ihm seinen Wunsch nicht erfüllen, „… denn zwischen uns und euch (ist) ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte“ (Lk 16,26). Wir müssen uns in diesem Leben für oder gegen Gott entscheiden und unser Leben entsprechend gestalten. Nach dem Tod ist es zu spät. Die These von der „Allerlösung“ widerspricht im Grunde dem gesamten Leben und Wirken Jesu, der immer wieder zur Umkehr aufgerufen und die Menschen davor gewarnt hat, ihr Lebensziel zu verfehlen. Jesus hat selbst gesagt, dass viele Menschen nicht den schmalen Weg gehen, der zum Leben führt, sondern den breiten Weg, der zum Verderben führt (Mt 7,13). Die Texte im Neuen Testament, die von der Hölle, der ewigen Verdammnis oder dem endgültigen Scheitern des Menschen sprechen, will Wrembek allerdings nicht wahrhaben. Er bezweifelt, dass sie von Jesus stammen (S. 37). Diese Strategie kann man häufig beobachten, wenn es darum geht, dem Ernst der christlichen Botschaft zu entgehen. „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ heißt der dazugehörige Slogan. Doch ein solchermaßen weichgespültes Christentum, das sich nur an Teilen des Evangeliums orientiert, ist Irreführung und Selbstbetrug. Wenn Gott alle Menschen unabhängig von ihrem persönlichen Lebenswandel retten würde, dann wären die Gebote, jeder missionarische Einsatz und alles Streben nach persönlicher Läuterung sinnlos.

Richtig ist, dass Jesus vor zweitausend Jahren nicht in die Welt gekommen ist, um zu richten, sondern um zu retten (vgl. Joh 3,17; 12,47). Trotzdem wird es für jeden ein persönliches Gericht geben. Schließlich heißt es im Glaubensbekenntnis, dass Jesus Christus kommen wird, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Wenn dieses Gericht – wie die Anhänger der Allerlösung meinen – ausnahmslos zur Rettung aller führen würde, dann wäre es gar kein Gericht, sondern nur ein Schauspiel. Es ist daher gefährlich, wenn ausschließlich von der „unendlichen Barmherzigkeit“ Gottes gesprochen wird, und alles andere, was die Bibel lehrt, unter den Tisch fällt. Gottes Barmherzigkeit ist in dem Sinne unendlich, dass er bereit ist, jede Sünde zu vergeben – wenn der Sünder umkehrt. Gott lädt immer zur Umkehr ein, erzwingt sie aber nicht. Die von Christoph Wrembek verbreiteten Lehren treffen gleichwohl auf offene Ohren. Auf seiner Homepage sind positive Reaktionen seiner Leser zu finden. So schreibt zum Beispiel eine Frau: das Buch „Judas, der Freund“ sei „das wundervollste und trostreichste Buch, das ich jemals bekommen habe“. Die Allerlösungslehre befriedigt offenbar ein verbreitetes und durchaus verständliches Bedürfnis nach Erlösung und Barmherzigkeit. Sie verfälscht allerdings die Wahrheit des ganzen Evangeliums. Sie wurde deshalb bereits auf dem Zweiten Ökumenischen Konzil von Konstantinopel (553) verworfen. Soweit die Idee der Allerlösung als eine christliche Lehre verstanden werden soll, ergibt sich in jedem Fall ein unauflösliches Dilemma: Diese Lehre soll einerseits dem Christentum einen besonders tröstlichen und „inklusiven“ Charakter verleihen, nimmt aber gleichzeitig allen Menschen, die außerhalb des Christentums stehen, die Motivation, sich Christus überhaupt anzunähern. Denn wenn dereinst sowieso alle an der von den Christen behaupteten ewigen Glückseligkeit teilhaben werden, warum sollte dann irgendjemand sein Leben ändern und Christ werden?

Die Kirche lehrt von keinem Menschen ausdrücklich, dass er gewiss in die Hölle gekommen sei, nicht einmal von Judas. Umgekehrt darf man den frommen Wunsch, dass niemand in die Hölle kommen möge, nicht als Gewissheit ausgeben. Deshalb ist es irreführend, den Gedanken der Allerlösung zu verbreiten und als besonders christlich darzustellen. Sicherlich ist Gottes Heilswille universal. Gott will, dass alle gerettet werden. Aber das heißt nicht, dass er diesen Willen allen seinen Geschöpfen aufzwingt. Das Ja zu Gott muss jeder Mensch selbst sprechen – und sein Leben danach ausrichten.