Würzburg

Sorge um die Kirche

Die Debatte um die papstkritische Petition geht weiter.

Debatte um Petition an Papst Franziskus
Wo ist die Grenze der Kritik am Nachfolger Petri überschritten? An Papst Franziskus scheiden sich die Geister. Foto: dpa

Die Petition „Contra rescentia sacrilegia“ erhält seit Tagen ablehnende und zustimmende Reaktionen. In dem in den USA vergangene Woche im Internet publizierten Schreiben wird Papst Franziskus dazu aufgefordert, öffentlich Buße zu tun wegen angeblichen Götzendienstes. Das Kirchenoberhaupt habe „die heidnische Göttin Pachamama“ im Petersdom angebetet, so der Vorwurf. Die Unterstützer berufen sich mit diesem Urteil auf die Kardinäle Walter Brandmüller und Gerhard Müller sowie den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Dieser hatte bereits am Mittwoch „diesen Bezug und die mit ihm verknüpften Vorwürfe gegen Papst Franziskus“ entschieden zurückgewiesen.

Fürstin Gloria zog Unterschrift zurück

Daraufhin hatte Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ihre Unterschrift unter der Petition zurückgezogen. Zur Begründung verwies die Regensburger Diözesane am Freitag gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) auf eine Stellungnahme ihres Ortsbischofs Voderholzer. Gloria von Thurn und Taxis sagte der KNA, diese Stellungnahme Voderholzers sei auch für sie verbindlich, ein „schlüssiger Begründungszusammenhang“ für sie in der Petition nicht mehr gegeben. „Ich hielt es daher für ein Gebot der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, meine Unterschrift zurückzuziehen.“

Zu dem Vorwurf des Götzendienstes an den Papst erklärte sie: Im Lichte der Stellungnahme Voderholzers, „der ja ein bedeutender Theologe ist, sehe ich diese Angelegenheit natürlich gelassener. Man hat mich auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Papst nichts anderes gemacht hat als die Jesuiten in China vor 300 Jahren, was zum großen Ritenstreit geführt hat.“

Mexikanischer Bischof Arizmendi verteidigt Pachamamas

Der mexikanische Bischof Felipe Arizmendi hatte die Zeremonien mit Fruchtbarkeitsfiguren zu Beginn der Amazonas-Synode verteidigt. Hierbei habe es sich nicht um Götzendienst gehandelt, sondern um „Symbole amazonischer Lebenswirklichkeit“. Diese seien zwar „nicht nur kulturell, sondern auch religiös zu verstehen, aber nicht im Sinne einer Anbetung“, präzisiert der frühere Bischof von San Cristobal de Las Casas im Süden Mexikos. Der wiederholte Vorwurf, die bei Zeremonien in den Vatikanischen Gärten zur Amazonas-Synode verwendeten Rituale und Figuren seien Götzendienst gewesen, stimme schlicht nicht, betont Bischof Arizmendi in einem Gastbeitrag für die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“. Im Übrigen sei es eine „große Unverschämtheit, den Papst als Götzendiener zu verurteilen, denn das war er nicht, und er wird es auch nie sein“, schreibt der Bischof weiter.

Auch Pater Stefan Dreher FSSP, Hausoberer der Stuttgarter Niederlassung der Petrusbruderschaft, zog seine „aus privater Motivation ohne Absprache mit den Oberen geleistete Unterschrift am Freitag zurück. Wörtlich erklärte Pater Dreher gegenüber dieser Zeitung: „Es ging mir darum, ein Zeichen zu setzen, dass die Verwendung der Pachamama, die zum Teil als Verehrung verstanden werden konnte, eine unglückliche Aktion war, die viele Gläubige entsetzt und verwirrt hat. Ich hatte in der Sorge um diese Gläubigen schlicht die Hoffnung, dass die Petition kirchliche Verantwortungsträger auf diese gravierenden Probleme hinweisen und zum Nachdenken bringen könnte. Darüber, ob die Petition der richtige Weg dazu ist, kann man freilich unterschiedlicher Meinung sein. Jedoch wird sie in der öffentlichen Rezeption als ein unangemessener Angriff auf den Heiligen Vater wahrgenommen und davon möchte ich mich distanzieren. Es war nie meine Absicht, Papst Franziskus persönlich anzugreifen.“

Schneider hält Präsentation der Figuren für "misslich"

Dass die Präsentation der Pachamama im Rahmen der Amazonassynode misslich gewesen sei, unterstrich Weihbischof Athanasius Schneider von Kasachstan. Der „Tagespost“ gegenüber äußerte er, er habe die Petition jedoch nicht unterzeichnet, weil sie für ihn zunächst eine Stimme der Gläubigen sein solle. Das Zweite Vatikanum habe die Laien dazu aufgefordert, freimütig ihre Stimme in wichtigen Fragen des Lebens der Kirche einzubringen. „Je mehr heutzutage die Verwirrung im Leben der Kirche zunimmt, desto mehr können wir die Rolle der Laien wahrnehmen, die sich ohne Menschenfurcht für die Verteidigung der Wahrheit der Lehre Christi und der Gebote Gottes einsetzen, selbst wenn sie für diesen ihren Einsatz Spott und Verachtung seitens des kirchlichen Establishments ernten. Solche mutige Laien schwimmen gegen den Strom des im heutigen kirchlichen Leben vorherrschenden Denkens, das eigentlich mit dem Geist der ungläubigen Welt gleichgeschaltet ist. Dafür erleben diese Laien seitens einflussreicher kirchlicher Amtsträger eine Unbarmherzigkeit und eine Härte, die bedauernswerten geschichtlichen Auswüchsen des Klerikalismus nicht nachstehen. Ich habe den Appell aber auch deswegen nicht unterzeichnet, weil ich schon am vergangenen 26. Oktober in meiner Eigenschaft als Glied des Bischofskollegiums mit einem Offenen Brief gegen die im Vatikan stattgefundenen Akte der Pachamama-Verehrung protestiert und dazu auch ein Sühnegebet verfasst habe. Ferner hätte ich den Appell an manchen Stellen in einem mehr respektvolleren Ton geschrieben“, erklärte Weihbischof Schneider.

Seiner Auffassung nach steht es den Gläubigen „in offensichtlich begründeten Fällen“ zu, den Papst zur Buße zu ermahnen – für sein eigenes Heil und das der ganzen Familie. Der Papst sei ein Sünder „wie wir alle“. Schneider erinnerte an das Beispiel der heiligen Katharina von Siena und die heiligen Birgitta von Schweden. Beide hätten „mit erstaunlichem Freimut“ die Päpste jener Zeit zur Umkehr aufgerufen: Die Kirche ist keine Diktatur, in der eine öffentliche Ermahnung des Diktators lebensgefährlich werden könne. Die Kirche sei eine Familie, wenn auch hierarchisch verfasst und geordnet, aber dennoch eine Familie.

Hubert Windisch unterstreicht Rolle der Laien

Die Rolle der Laien unterstrich in diesem Zusammenhang auch Hubert Windisch, einer der Unterzeichner der Petition. Der Pastoraltheologe lobte das Engagement von Alexander Tschugguel, dem Pachamama-Werfer und der Journalistin Maike Hickson (Lifesitenews). Sie träten „im Schifflein Petri, das in schwere Seenot geraten ist“ in Wort und Tat für die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ein und kämpften für die Wahrheit und Schönheit des mystischen Leibes Christi.

Auf die Frage, ob die Petition nicht ein Affront gegenüber einem Papst sei, gab Windisch zu bedenken, das Schreiben sei nicht leichtfertig, sondern „aus großer Sorge um die Einheit und Identität der Kirche heraus“ verfasst worden. Wörtlich erklärte er: „Die um sich greifende Beliebigkeit bezüglich katholischer Lehre und Moral erzeugen Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit unter den Gläubigen. Sie haben ein Recht, von Hirten geführt zu werden, die bei ihrer Weihe versprochen haben, „das von den Aposteln überlieferte Glaubensgut, das immer und überall in der Kirche bewahrt wurde, rein und unverkürzt weiterzugeben“. Die Gläubigen haben ein Recht, in ihren Hirten Stellvertretern der Apostel zu begegnen, die „Lehrer des Glaubens, Priester des heiligen Gottesdienstes und Diener in der Leitung“ sein sollen, wie es das kirchliche Gesetzbuch festhalte.

Zwischen Amt und Person unterscheiden

Vor diesem Hintergrund sei es bedeutsam, zwischen Amt und Person einerseits und zwischen einem formalen und inhaltlichen Gehorsam andererseits zu unterscheiden. Gerade aufgrund der Wertschätzung des kirchlichen Amtes eines Priesters, Bischofs oder Papstes dürfe und müsse man bisweilen die Taten oder Äußerungen der jeweiligen Amtsperson kritisieren. Aus Sicht Windischs gibt die zweite, mit der ersten zusammenhängende Unterscheidung den Gläubigen die nötige Freiheit im Gehorsam gegenüber ihren Hirten. Formaler Gehorsam müsse sich nämlich immer auch bezüglich der Lehre der Kirche in fide et moribus begründen lassen: „Ansonsten entsteht blinder Gehorsam, der Ausdruck von Willkür und Knechtung ist. Verbinden sich hingegen formaler und inhaltlicher Gehorsam stimmig miteinander, entsteht Freiheit“, erklärte Windisch.

Wenn der Glaube der Kirche durch Worte oder Taten der Hierarchie, und sei es auch eines Papstes, verdunkelt werde, müssten daher nicht nur Hirten und Theologen, sondern auch die Laien der Kirche „deutlich Widerstand leisten“.

Wohlwollen über den Inhalt der Petition äußerte Alexander Tschugguel. Er unterschreibe den Appell jedoch nicht selbst, weil er sich nicht dazu berufen fühle, sich an der „von katholischen Intellektuellen“ ins Leben gerufenen Initiative zu beteiligen, da er nicht zu den Intellektuellen der katholischen Kirche gehöre. Ausdrücklich lobte der Pachamama-Werfer die Qualität der Diskussion: „Es ist wirklich wunderbar zu sehen, dass diese Debatte so lebendig und aktuell ist und ich gebe zu, ich kenne viele Menschen, die diesen Aufruf auch unterschrieben haben. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn der Initiator der Initiative sich demnächst einmal öffentlich zeigen und sich äußern würde. Das würde dem Ganzen ein Gesicht verleihen.“

Mit Material von KNA

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